Bluttat Würenlingen

Polizistin: «In einem solchen Moment musst du auf alles gefasst sein»

Tötungsdelikt in Würenlingen: Polizisten bei ihrem Einsatz am Langackerweg.

Tötungsdelikt in Würenlingen: Polizisten bei ihrem Einsatz am Langackerweg.

Den ausgerückten Einsatzkräften bot sich am Samstag in Würenlingen ein schreckliches Bild. Vier Menschen hat Semun A. erschossen, bevor er sich selbst richtet. Eine Polizistin erzählt von ihrem Einsatz nach dem Familiendrama.

Petra S. (Name geändert) macht gerade Pause, als die Samstagnacht zu einer wird, die sie nicht mehr so schnell vergessen wird. Aus dem Funkgerät meldet die Einsatzzentrale: Verfügbare Patrouillen sollen sofort nach Würenlingen verschieben – zwei regungslose Personen liegen in einer Wiese auf dem Boden. «Viel mehr wussten wir zu diesem Zeitpunkt nicht», erzählt Petra S., Anfang 30, Polizistin bei der Stadtpolizei Baden.

Sie und ihr Kollege haben Nachtdienst. Sofort brechen sie ihre Pause ab, fahren vom Badener Posten nach Würenlingen. Unterwegs halten sie kurz, ziehen die schweren Schutzwesten an. «In einem solchen Moment musst du auf alles gefasst sein. Wir wussten, dass Schüsse abgegeben wurden. Das kann auch für uns gefährlich werden.» Als sie kurz nach 23 Uhr am Tatort ankommen, sind bereits zwei Patrouillen vor Ort.

«Ich sah zwei Männer am Boden liegen. Und eine Waffe daneben.» Dass einer davon Semun A. ist, der heute als mutmasslicher Täter verdächtigt wird, kann jetzt noch niemand wissen. Die Lage ist zu Beginn unklar. Deshalb der erste Auftrag: Verhindern, dass weitere Personen zu Schaden kommen. «Da war das Adrenalin für einen Moment ziemlich hoch», erzählt die Polizistin.

Der Mörder von Würenlingen

Der Mörder von Würenlingen

Eine Hausecke absichern

Nach und nach trifft weitere Unterstützung am Langackerweg ein. Petra S. erhält den Auftrag, eine Hausecke abzusichern. Als genügend Einsatzkräfte vor Ort sind, beginnen sie damit, die umliegenden Häuser zu durchsuchen – Petra S. bleibt währenddessen auf ihrem Posten. Ihr Einsatz dauert rund drei Stunden. Gegen 2 Uhr am frühen Sonntagmorgen zeigt sich das Ausmass der Tragödie: Fünf Menschen sind tot, darunter Semun A., der sich selbst richtete. Jetzt gehört der Tatort den Ermittlern. Sie beginnen sofort mit der Beweisaufnahme, sichern sämtliche Spuren.

Für Petra S. ist der Einsatz vor Ort beendet, sie fährt mit drei Kollegen von der Stadtpolizei Baden zurück auf den Posten. Sie setzen sich gemeinsam mit einem Vorgesetzten, der auf dem Posten die Stellung hielt, an einen Tisch. Ein älterer Kollege mit vielen Dienstjahren fragte gewissenhaft bei allen nach, ob alles in Ordnung sei. «Wir besprachen den Einsatz ausführlich», erzählt Petra S. am Montag beim Treffen mit der Aargauer Zeitung. Denn dieser sei «nicht alltäglich» gewesen.

Man werde für solche Ernstfälle zwar sehr gut geschult und sei, zusammen mit den eigenen Erfahrungen aus dem Dienstalltag, gut vorbereitet. «Aber wenn du dann plötzlich im Auto sitzt und weisst, dass du vielleicht schiessen musst oder vielleicht sogar selbst getroffen wirst, machst du dir natürlich deine Gedanken.» Viel Zeit dafür bleibe allerdings nicht: «Man weiss, was man zu tun hat. Und man weiss auch, dass man gut ausgerüstet ist.»

«Gefährlicher Einsatz»

Im Verlaufe des Sonntags meldeten sich zudem der direkte Vorgesetzte sowie der Kommandant der Einheit von Petra S. bei jenen Polizisten, die in Würenlingen waren. Beide standen nicht im Dienst: Der eine hatte frei, der andere war in den Ferien. «Dennoch haben sich beide am Sonntag bei uns nach dem Befinden erkundigt und uns ihre Unterstützung angeboten.»

Die Nacht des Familiendramas von Würenlingen wird ihr noch einige Zeit in Erinnerung bleiben. Verarbeiten kann sie das Erlebte aber gut: «Im Gegensatz zu den Kolleginnen und Kollegen, die im Haus waren, habe ich keine sehr schlimmen Bilder gesehen.» Dennoch bleibe die Erinnerung an einen «schwierigen, aussergewöhnlichen und vor allem gefährlichen Einsatz». Zudem sei die Geschichte hinter der Tat in diesem Fall «besonders tragisch». Für Petra S. ist der «Fall Würenlingen» somit abgeschlossen – für die Ermittlungsbehörden der Aargauer Kantonspolizei und der Staatsanwaltschaft beginnt die Arbeit jetzt erst recht.

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