13.30 Uhr, eine Stunde vor dem Start zum GP des Kantons Aargau. René Huber richtet seinen Blick bange zum Himmel. Nach dem Regen der letzten Stunden und Tage traut der OK-Präsident der Sache nicht. Anstelle der befürchteten Tristesse herrscht im Start-Ziel-Gelände in Leuggern Volksfeststimmung.

Zum 53. Mal finden in diesem Jahr die Gippinger Radsporttage statt. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Den Organisatoren machte im Vorfeld nicht nur das schlechte Wetter zu schaffen, sie mussten sich nach dem Rückzug von Swiss Cycling als Geldgeber praktisch über Nacht neu erfinden. Mit einem markant kleineren Budget versuchten René Huber und sein Team, den Anlass am Leben zu erhalten. Mit Erfolg: Die Stars, zumindest die Schweizer Aushängeschilder, stehen gestern versammelt am Start. Silvan Dillier, Stefan Küng, Michael Albasini und natürlich Fabian Cancellara.

14 Uhr: Noch eine halbe Stunde. Wolken ziehen auf. Die Zuschauer negieren die drohende Kulisse. Lokalmatador Silvan Dillier rollt zur Team-Präsentation an. Ihm gehören die Sympathien. Der Ehrendinger hat sich von seinem Sturz am Giro d’ Italia erholt. Eine kleine Schiene verrät den erlittenen Fingerbruch an der Italien-Rundfahrt. «Kein Problem, ich fühle mich fit», versprüht der 25-Jährige Zuversicht. Dillier zeigte in der Tat ein engagiertes Rennen. Am Ende ist er als Siebter bester Schweizer. Auf seinen ersten Sieg am Heimrennen muss er sich indessen weiter gedulden.

GP Gippingen: So präsentiert sich Silvan Dillier seinen Fans

GP Gippingen: So präsentiert sich Silvan Dillier seinen Fans

14.20: René Hubers Gesichtsausdruck verfinstert sich. Nicht wegen des Wetters. Es bleibt trotz des angekündigten Regens trocken. Auf der Bühne erscheint Fabian Cancellara. Der Grandseigneur des Radsports macht auf seiner Abschiedstour nochmals Halt im Zurzibiet. Nach dieser Saison verabschiedet sich der mittlerweile 35-Jährige vom Spitzensport. Zum Andenken überreicht Huber Cancellara wehmütig ein Bild von 1997, als er hier das Rennen der Junioren für sich entschied.

14.30, Start: Die 151 Fahrer begeben sich auf die 10 Runden à knapp 19 Kilometer. Für einen ist das Rennen zu diesem Zeitpunkt bereits beendet. Leuggerns Gemeindeammann Stefan Widmer verabschiedet sich wegen eines beruflichen Notfalls nach Aarau, in der Hoffnung, dass es ihm zur Siegerehrung zurückreicht.

Bald Tour-de-Suisse-Etappenort?

Zwei Tage vor dem Start zur Tour de Suisse nutzen die Profis den GP Gippingen als Hauptprobe. Das Rennen zählt zur zweithöchsten Kategorie im Kalender des Rad-Weltverbands UCI. Vergleichbar mit einer Europa-League im Fussball. Der Anlass lebt eigentlich über seinen Verhältnissen. Er wird dieses Jahr mit einem Defizit abschliessen. «Auf die Dauer können wir uns das nicht leisten», weiss René Huber. Dennoch lässt er die Gedanken spielen. 2019 feiert der Velo Club Gippingen sein 100-jähriges Bestehen. Ginge es nach Huber, würde Leuggern nach 2013 erneut Gastgeber einer Tour-de-Suisse-Etappe.

16.10: Die 14-köpfige Spitzengruppe befindet auf der sechsten Runde. Eineinhalb Minuten vor dem Hauptfeld. Im Aufstieg nach Schlatt haben die vielen Zuschauer ihre Regenutensilien zur Seite gelegt. Sie gönnen sich unerwartet ein Sonnenbad. Laut Meteoradar müsste sich längst die nächste Niederschlagszelle entleeren. Kein Regen in Sicht, auch nach drei Vierteln der Distanz.

Der Vorsprung der Spitzengruppe schmilzt. Zu Beginn der letzten Runde beträgt die Reserve noch vierzig Sekunden. Es kommt kurz nach halb sieben zum Spurt, den der Italiener Giacomo Nizzolo gewinnt. Vor den Augen von Stefan Widmer und bei strahlendem Sonnenschein.