Interview
«Das Glücksbringer-Image ist unbezahlbar»

Kaminfegermeister Andres Winter aus Unterendingen freut sich über ein Klischee. Am Freitagabend ist er an der Herbstversammlung des Aargauischen Kaminfegermeisterverbandes als Präsident zurückgetreten.

Angelo Zambelli
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Aargauer Zeitung

Gestern Freitagabend ist Andres Winter (60) an der Herbstversammlung des Aargauischen Kaminfegermeisterverbandes im Clubhaus des Sportvereins KKW Beznau als Präsident zurückgetreten. Der Unterendinger Kaminfegermeister war während 22 Jahren im Amt und hat in dieser Zeit viel bewegt. Im Interview mit der az Aargauer Zeitung zeichnet er die Entwicklung seines Berufes in den letzten 20 Jahren nach, erzählt, wie er den Kunden gegenüber tritt und erklärt, was ihn zum Rücktritt bewogen hat.

Andres Winter, stimmt es, dass Kaminfeger Glück bringen oder ist das eine Geschichte aus der Märchenwelt?

Andres Winter: Die Ansicht, dass Kaminfeger Glück bringen, stammt aus früheren Zeiten. Wurde der Kamin gereinigt, durften die Bewohner darauf hoffen, dass ihr Haus nicht in Brand gerät. Das Image, dass Kaminfeger Glück bringen, ist unbezahlbar. Deshalb liegt mir viel daran, diesen Ruf zu erhalten und an Hochzeiten und anderen Anlässen als Glück bringender Kaminfeger aufzutreten.

Öffnet das Image des Glücksbringers alle Türen oder stossen sie auch auf Ablehnung?

Vor Jahrzehnten wurden wir von den Hausbesitzern als Dienstleister betrachtet, die den Dreck wegräumen. Amtliche Stellen glaubten, unsere Briefe nicht beantworten zu müssen. In den ersten Jahren meiner Tätigkeit als Verbandspräsident mussten wir gar einen Rechtsanwalt engagieren, damit wir in Kontakt mit dem Regierungsrat treten und einen Termin vereinbaren konnten. Mit der Wahl von Thomas Pfisterer hat sich das Verhältnis zu den politischen Behörden positiv verändert.

Gibt es auch ablehnende Reaktionen, wenn Sie an eine Haustür klopfen?

Wir tun sehr viel dafür, bei unseren Kunden willkommen zu sein, denn wir wissen, dass sie den Kaminfeger nicht auswählen können. Wenn ich an der Türe stehe, grüsse ich zuerst und stürme nicht gleich ins Haus. Ich lasse mich ins Haus bitten, weil mir bewusst ist, dass ich als Kaminfeger in die Privatsphäre der Hausbewohner eindringe.

Viele befürchten, dass der Kaminfeger Dreck hinterlässt?

Das ist heute fast nicht mehr der Fall. Wir verfügen über hervorragende Staubsauger mit guten Filtern. Trotzdem kann immer etwas passieren. Ziel ist, dass der Kunde nicht merkt, dass der Kaminfeger da war.

Sie haben den Kaminfegermeisterverband 22 Jahre lang geführt. Eine stürmische Zeit?

Stürmisch kann man das nicht nennen. Es war aber viel Arbeit notwendig, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Im Vordergrund stand die Schulung des Personals in Bezug auf das Verhalten gegenüber Kundschaft, Medien und Behörden.

Finden Kaminfeger auch Dinge, die nicht in den Kamin gehören?

Ich darf sagen, dass unsere Kundinnen und Kunden in den letzten Jahren umweltbewusster geworden sind und längst nicht mehr alles im Cheminée oder im Holzofen verbrennen.

Wie hat sich in den vergangenen 22 Jahren die Gesetzgebung verändert?

Bis 1992 hatten wir Kaminfegerreviere. Die Gebäudeversicherung wählte einen Kaminfeger für ein bestimmtes Gebiet. Seit 1992 wählen die Gemeinden ihren Kaminfeger selbst aus.

Wie hat sich Ihre Arbeit gewandelt?

Früher haben wir den Dreck aus den Kaminen gekratzt. Heute sind wir Techniker, die sich bei hochkomplexen Heizungssteuerungen auskennen müssen. Das setzt eine umfassende Ausbildung voraus. Der Arbeitsumfang der Kaminfeger hat sich durch den Vormarsch der Fernwärme und der Wärmepumpen stark reduziert.

Ist ein Kamin einfach ein Kamin oder gibts markante Unterschiede?

Vor 20 Jahren hatten wir fast ausschliesslich mit gemauerten Kaminen zu tun. Heute sind es hochkomplexe Abgasanlagen. Letztlich bleibt aber ein Kamin ein Kamin, der gereinigt werden muss. Allerdings ist die Kaminreinigung nur ein kleiner Teil unserer Arbeit. Die Reinigung der Feuerungsanlagen ist viel arbeitsintensiver und wichtiger.

Ein weiteres Klischee, das ihrem Berufsstand anhaftet: Kaminfeger bleiben im Kamin stecken. Leben Kaminfeger gefährlich?

Als die Kamine noch von innen her erklettert werden mussten, um sie reinigen zu können, kam es tatsächlich vor, dass Kaminfeger stecken blieben oder abstürzten. Glücklicherweise ist mir das nie passiert. Dank der technischen Hilfsmittel ist es heute nicht mehr erforderlich, einen Kamin von innen her zu besteigen. Werden die Vorschriften eingehalten, ist der Beruf des Kaminfegers nicht gefährlicher als andere Berufe.

Was hat Sie bewogen, nach 22 Jahren als Präsident des Aargauischen Kaminfegermeisterverbandes zurückzutreten?

Wir stehen vor grösseren Umwälzungen im gesetzlichen Bereich. Es ist nicht sinnvoll, dass ich als 60-Jähriger über die Zukunft der 30-Jährigen bestimme. Die jungen Kaminfegermeister sollen das Ruder selbst in die Hand nehmen und entscheiden, wie sie die Zukunft gestalten wollen. Mein Ziel war es, einen guten Nachfolger zu finden, was mir mit Ueli Lütolf, Gemeinderat in Villmergen, auch gelungen ist. Ich bin überzeugt, dass er den Verband hervorragend führen wird.

Überkommt Sie Wehmut beim Gedanken, künftig nicht mehr für den Verband tätig zu sein?

22 Jahre sind eine lange Zeit - und irgendwann muss man ja aufhören. Meine Haltung bezüglich Rücktritt entspricht derjenigen des Fussballtrainers Thorsten Fink, der bei seinem Abschied vom FCB gesagt hat, es sei besser, auf dem Höhepunkt abzutreten, als in die Wüste geschickt zu werden.