Siggenthal
Der graue Riese, der Zement für Gotthard-Tunnel und Roche-Turm liefert

Holcim ist einer der bedeutendsten Arbeitgeber in der Region. Von den knapp 1200 Mitarbeitern von Holcim Schweiz arbeiten rund zehn Prozent im Siggenthaler Werk. Trotzdem wird die Bedeutung der Firma unterschätzt.

Frederic Härri (Text) und Alex Spichale (Fotos)
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Markantes (blaues) Gesicht, noch markanterer Turm: Das grosse Silo im Zementwerk Siggenthal ist von weitem zu sehen.
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Impressionen vom Zement-Werk der Holcim in Station Siggenthal. Bei der Revision des Zementofens werden neue Ofensteine eingebaut.
Impressionen vom Zement-Werk der Holcim in Station Siggenthal. Bei der Revision des Zementofens werden neue Ofensteine eingebaut.
Werkleiter Mike Suter.
Impressionen vom Zement-Werk der Holcim in Station Siggenthal. Bei der Revision des Zementofens werden neue Ofensteine eingebaut.
Impressionen vom Zement-Werk der Holcim in Station Siggenthal. Bei der Revision des Zementofens werden neue Ofensteine eingebaut.
Impressionen vom Zement-Werk der Holcim in Station Siggenthal.
Impressionen vom Zement-Werk der Holcim in Station Siggenthal. Revision des Brenners für den Zementofen.
Impressionen vom Zement-Werk der Holcim in Station Siggenthal. Bei der Revision wird das Mahlwerk der Steinmühle demontiert.
Impressionen vom Zement-Werk der Holcim in Station Siggenthal. Auch die Steinmühle wird revidiert.
Impressionen vom Zement-Werk der Holcim in Station Siggenthal.
Impressionen vom Zement-Werk der Holcim in Station Siggenthal. Die Zementmühle.
Holcim-Werk Siggenthal Station

Markantes (blaues) Gesicht, noch markanterer Turm: Das grosse Silo im Zementwerk Siggenthal ist von weitem zu sehen.

Alex Spichale

Das grösste Zementwerk des Landes lief im vergangenen Jahr einmal mehr auf Hochtouren. Mit 903'000 produzierten Tonnen Zement bewegte sich der Betrieb in Station Siggenthal nahe an der Vollauslastung.

Schweizweit sind es jährlich 2,4 Millionen Tonnen Zement, die von der Holcim Schweiz AG produziert werden.

Es ist aussergewöhnlich still an diesem sonnigen Vormittag auf dem Gelände des Zementwerks – eingebettet zwischen der Aare und den Bahngleisen. Keine einfahrenden Lastwagen, keine röhrenden Motoren, kein Maschinenlärm.

Nur vereinzelt ist das Hämmern, Bohren und Schweissen der Arbeiter zu hören. Wir werden in den riesigen Drehrohrofen geführt. Dort, wo normalerweise Temperaturen bis zu 1450 Grad herrschen, ist es angenehm kühl.

Geschuldet ist das der Revision, die am Standort in Siggenthal diese Woche im Gange ist. Einmal jährlich werden Innenverkleidungen neu montiert, Gerätschaften abgeschaltet, überprüft und repariert.

Für Holcim Schweiz ist es eine der seltenen Verschnaufpausen. Rund 350 Tage im Jahr, 24 Stunden herrscht Vollbetrieb.

Seit 1912 besteht die Anlage in Station Siggenthal, auf Gemeindegebiet Würenlingen. Daneben betreibt Holcim Schweiz zwei weitere Zementfabriken in Untervaz GR und Eclépens VD.

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bis 50 Prozent der Zementladungen werden in Station Siggenthal per Bahn transportiert. Der Rest wird auf Lastwagen verladen.

Obwohl täglich Tausende Autofahrer auf der Döttingerstrasse zwischen Baden und dem unteren Aaretal unterwegs sind und von weitem das blaue «Smiley»-Gesicht auf dem imposanten Silo erblicken, ist der Name Holcim nicht jedem auf Anhieb ein Begriff.

Michael Suter, seit Juli 2017 Werkleiter in Siggenthal, weiss, warum: «Viele halten Zement nur für ein graues Pulver und ein langweiliges Produkt.»

So geht in der Wahrnehmung auch gerne vergessen, welche bedeutende Rolle der Betrieb im täglichen Leben spielt – auch als Arbeitgeber in der Region: Von den knapp 1200 Mitarbeitern von Holcim Schweiz arbeiten rund zehn Prozent im Siggenthaler Werk.

Siggenthaler Zement am Gotthard

Zement ist chemisch und technisch hochwertig und komplex. Der Weg bis zum fertigen Produkt fängt dabei rund vier Kilometer weiter westlich beim Steinbruch Gabenchopf in Villigen an.

Mittels Sprengungen werden Kalkstein und Mergel abgebaut, die über ein Förderband ins Zementwerk transportiert werden. In der Mühle wird das Material zerkleinert und zu sogenanntem Rohmehl weiterverarbeitet.

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Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt Holcim im Zementwerk Siggenthal. Hinzu kommen 13 Lernende. Neben Geologen und Bauingenieuren sind auch Techniker, Automatiker, Polymechaniker und Wissenschafter in den Produktionsprozess eingebunden.

Dieses wird im Drehrohrofen bei hoher Temperatur erhitzt und «wie ein Kuchen gebacken», erklärt Michael Suter. Es entsteht Klinker, ein künstlich hergestelltes Mineral, das anschliessend mit Gips vermischt und zu Zementpulver gemahlen wird.

Von Siggenthal aus geht der Baustoff an Infrastrukturprojekte in der ganzen Schweiz. Zurzeit wird der Zement für den Bau der neuen Tunnelröhren des Eppenberg-, Gubrist- und Bözbergtunnels genutzt.

Ab Juni bezieht die Baustelle des zweiten Roche-Turms in Basel Siggenthaler Zement. «Stolz sind wir auch auf unseren Beitrag an den Gotthard-Basistunnel, wo unser Zement verarbeitet wurde», sagt Suter, der ausserdem betont: «Natürlich liefern wir den Zement aber auch an Baustellen in unserer Nachbarschaft.»

Das Wort «Nachbar» ist an diesem Tag oft zu hören. Suter hebt hervor, wie wichtig es sei, den Standort mit einzubeziehen und den Austausch mit umliegenden Gemeinden zu pflegen.

Lob vom Gemeindeammann

Einer dieser Nachbarn, von denen Suter spricht, ist die Gemeinde Würenlingen. Deren Gemeindeammann André Zoppi (FDP) sagt: «Holcim gehört zu Würenlingen dazu.»

Als Arbeit- und Auftraggeber, Steuerzahler und verlässlicher Ansprechpartner sei das Unternehmen gut in der Gemeinde und der Region verankert. Zudem schaffe es der Betrieb immer wieder, in Fortschritt zu investieren und umweltfreundlich zu produzieren – trotz der harten Auflagen für Schwerindustriebetriebe.

Für Zoppi ist klar: «Holcim übernimmt eine vorbildliche Rolle in der Region.» Von den internationalen Affären und Skandalen rund um Mutterkonzern Lafarge-Holcim spüre man am Standort in Siggenthal wenig, sagt Michael Suter. «Wir sind sehr dezentral und lokal organisiert und legen Wert darauf, das gute Image in unserem nahen Umfeld zu pflegen.»

Als marktführendes Unternehmen befindet sich Holcim Schweiz seit Jahren in einem hart umkämpften Umfeld in der Baubranche. Auch prestigeträchtige «Riesenprojekte» wie der Gotthard-Tunnelbau sind keine Alltäglichkeit. Suter ist dennoch optimistisch, was die Zukunft angeht: «Zu bauen wird es immer etwas geben.»