Belästigung
«Wir haben keinen Bock mehr»: Zwei junge Baslerinnen fordern nachts mehr Sicherheit im öffentlichen Raum

Dunkle Strassen und Gassen bergen nicht selten Gefahren. Das Projekt «Raum für alle» dokumentiert nun die Erlebnisse und Gedanken verschiedener Baslerinnen. Möglich machen dies die beiden Studentinnen Annick Senn und Larissa Bucher.

Stefan Strittmatter und Larissa Gassmann

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Ein Ort, den beide Frauen in der Nacht meiden: Annick Senn (links) und Larissa Bucher von «Raum für alle» beim Treppenabgang auf der Kleinbasler Stadtseite.

Nicole Nars-Zimmer

«Ich habe den Tick, dass ich zu Haustüren und parkierten Autos immer einen gewissen Abstand halte. Auf diesem engen Trottoir hier geht das nun nicht. (...) Ich ver­meide, nachts alleine unterwegs zu sein. Vor allem im Kleinbasel ist es mir dabei nicht wohl. (...) Nun kommen mir zwei Männer entgegen – so, dass es mir scheint, als müsse ich zwischen ­ihnen hindurch laufen. Das finde ich unangenehm.» Anhören

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Belästigung
«Wir haben keinen Bock mehr»: Zwei junge Baslerinnen fordern nachts mehr Sicherheit im öffentlichen Raum

Dunkle Strassen und Gassen bergen nicht selten Gefahren. Das Projekt «Raum für alle» dokumentiert nun die Erlebnisse und Gedanken verschiedener Baslerinnen. Möglich machen dies die beiden Studentinnen Annick Senn und Larissa Bucher.

Stefan Strittmatter und Larissa Gassmann

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Ein Ort, den beide Frauen in der Nacht meiden: Annick Senn (links) und Larissa Bucher von «Raum für alle» beim Treppenabgang auf der Kleinbasler Stadtseite.

Nicole Nars-Zimmer

«Ich habe den Tick, dass ich zu Haustüren und parkierten Autos immer einen gewissen Abstand halte. Auf diesem engen Trottoir hier geht das nun nicht. (...) Ich ver­meide, nachts alleine unterwegs zu sein. Vor allem im Kleinbasel ist es mir dabei nicht wohl. (...) Nun kommen mir zwei Männer entgegen – so, dass es mir scheint, als müsse ich zwischen ­ihnen hindurch laufen. Das finde ich unangenehm.» Anhören

Alles muss sich ändern, finden Annick Senn und Larissa Bucher. Sie wollen die Angst vor der Dunkelheit dokumentieren. Dazu ­haben sie fünf junge Frauen losgeschickt, um Wege in ­Basel ­abzulaufen, an denen sich in der Vergangenheit Sexual­delikte ­ereignet haben. Dabei haben sie ihre Erfahrungen und Gefühle in ihr Handy diktiert.

Das Projekt nennt sich «Raum für alle»: Per QR-Codes, die ab Juli plakatiert werden, gelangt man auf die gleichnamige Website, auf der die Tondokumente hinterlegt sind. Die vorgestellten Frauen heissen Adina, Leonie, Rama­ela, Rebecca und Soumaya. Sie alle sind Baslerinnen im Alter zwischen 21 und 25 Jahren. Aber wichtig sind in dieser Geschichte weder ihre Namen noch ihre persönlichen Angaben. Denn: Was das Quintett erlebt und fühlt, das gelte auch für andere. Ihre Erzählungen stehen sinnbildlich für all das, was sich real oder in den Köpfen vieler abspielt, sobald die Dunkelheit hereinbricht.

«Wir setzen dort an, wo Angst zur Normalität geworden ist», sagt die 24-jährige Senn. Denn: Nicht selten werde die Furcht verdrängt oder die Gefahr vermieden. Dass dem so ist, macht beide weder traurig noch lähmt es sie. Beide sind «hässig». Und beide haben «keinen Bock mehr». Sexuelle Belästigung haben auch sie schon erlebt. Doch hier soll es nicht um ihre Geschichten gehen.

«Grundsätzlich spaziere ich sehr gerne. Gerade in der Corona-Zeit habe ich mich am Abend oft mit Kolleginnen oder Kollegen auf einen Spaziergang getroffen. Nun fällt mir auf, wie anders sich das jetzt alleine anfühlt. Ich merke, wie ich automatisch auf der heller beleuchteten Strassenseite gehe und mich freue, wenn es vereinzelt Autos hat. (...) Seit ein paar Metern gehen zwei Männer hinter mir her, ich habe mich gerade zu ihnen umgedreht. Sie sind sehr gross und muskulös. Wenn etwas passieren würde, wären sie mir klar über­legen. Ich hätte null Chance. (...) Nun gehe ich schneller, und auch sie ­haben ihren Schritt beschleunigt. Ich weiss nicht, ob man das auf der Aufnahme hört, aber sie haben mir soeben nachgepfiffen.» Anhören

Das Kleid zu kurz. Der Gang zu wenig selbstbewusst. Vielleicht betrunken, vielleicht nicht. Opfer sexueller Belästigung müssen sich oft Beschuldigungen anhören. Vorwürfe haben auch Senn und Bucher zu hören bekommen. Die Prävention finde bloss auf Seite der Opfer statt, sagt Senn. «Das ist tief in der Gesellschaft verankert. Und das wollen wir so nicht mehr akzeptieren», so die 21-jährige Bucher.

Vorurteile, Angriffsfläche und Generationenfrage

Ihre alleinerziehende Mutter sei ihr immer ein Vorbild gewesen, sagt Bucher. Und doch sei der Umgang mit dem Ganzen eine Generationenfrage. Ziel sei es, die eigene Meinung stets zu hinterfragen, sagt Senn. Denn: Sich von Vorurteilen loszulösen, sei nicht einfach. Zum Treffen mit der bz erscheint Bucher in einem Sommerkleid. Zuvor habe sie überlegt, ob es angebracht sei, sich in diesem Zusammenhang so zu präsentieren. Aber: «Es ist in Ordnung, wenn man etwas nicht immer durchzieht», sagt Senn. Dass die beiden Angriffsfläche bieten, wissen sie. «Wir sind gewappnet», sagt Bucher.

Auf die Problematik aufmerksam gemacht wurden Bucher und Senn durch ihr Umfeld. In diesem bewegen sich auch die fünf Frauen. Dies war eine bewusste Entscheidung. Es brauche Vertrauen, sagt Senn. Und: «Es hat sich für uns authentisch angefühlt, dort loszulegen, wo wir das Problem auch erkannt haben», sagt sie. «Es ist ein persönliches Thema. Nicht viele sind dazu bereit, ihre Gedanken und Ängste öffentlich zu machen», ergänzt Bucher.

Und doch: Raum soll es für alle geben. Dass vorerst nur Frauen im Fokus stehen, sei dem Fakt geschuldet, dass diese von «Catcalling» – anzüglichem Zurufen oder Nachpfeifen – mehr betroffen seien, so Bucher. Noch stehe nicht fest, in welche Richtung sich das Projekt entwickle. Klar ist: Im Juli wird ein Kick-off-Event stattfinden, dann werden die QR-Codes hängen. Ziel soll es sein, am Ende mehr als eine Plattform zu sein. Aber: «Es soll auf keinen Fall ein kommerzielles Projekt werden», so Senn.

«Ich gehe vom Matthäusquartier in Richtung Johanniterbrücke – mal schauen. Ich kenne diesen Ort nicht, mir ist es schon wohler, wenn ich mich auskenne. Hier an der Hauptstrasse fühle ich mich bereits besser: Es hat viele Autos und es ist heller. (...) Jetzt kommt schon der erste komische Typ. Es ist nicht schlimm, aber ich fühle mich angespannt. Aber in einer dunkleren Seitengasse da wäre mir jetzt schon tausendmal unwohler.» Anhören

Vor ihrem Projekt «Raum für alle» waren Bucher und Senn nicht befreundet. Heute beenden sie jeweils die Sätze der anderen. Die zwei studieren Multimedia Production. Ursprünglich war ihre Arbeit als Schulprojekt angedacht. Irgendwann hat es von selbst Fahrt aufgenommen. «Der Zeitaufwand ist absurd», sagt Senn. «Wenn man aber derart dahintersteht, geht man diesen Extraweg.» Auf einmal stand die Frage nach der eigenen Sicherheit im Raum. Reaktionen auf brenzlige Situationen wurden hinterfragt. «Das war befreiend», sagt Bucher.

Die beiden jungen Frauen haben viel Zeit in «Raum für alle» investiert. Aus dem Projekt ist eine Freundschaft entstanden.

Nicole Nars-Zimmer

Doch wie weiter? Einen Lösungsansatz sehen beide in der Erziehung. So werde Mädchen früh eingetrichtert, was alles zum Problem werden könnte, sagt Bucher. Es sei aber wichtiger, die Jungen zu sensi­bilisieren. Dabei gehe es nicht darum, etwas zu verbieten, finden beide. Besser sei Fein­gefühl. Sicherheit gebe es ihnen, wenn Männer in der Dunkelheit die Strassenseite wechseln, statt hinter ihnen zu laufen würden. «Wichtig ist es, einander Raum zu geben», sagt Senn.

«Ich weiss nicht, wann ich das letzte mal am Abend spazieren ging. Sonst bin ich mit dem Velo, im Tram oder eben mit anderen Leuten zusammen unterwegs. (...) Ein Freund von mir ging kürzlich um 5 Uhr Morgens am Rhein spazieren, weil er nicht schlafen konnte. Megaschön! Ich will das auch können.» Anhören

Die kursiven Abschnitte sind Auszüge der Audiowalks, die auch online anhörbar sind: www.raumfueralle.ch

So sieht es auf der Website von «Raum für alle» aus: Das Tondokument mit dem entsprechenden Weg von Soumaya.

zVg/«Raum für alle»

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