Wo Rauch ist, ist auch Feuer: Praktisch zeitgleich meldeten am Dienstag britische Zeitungen, die EU und Grossbritannien hätten sich auf einen Deal im Streit um die Brexit-Austrittsrechnung geeinigt. Zwischen 45 und 55 Milliarden Euro könnte das Vereinigte Königreich demnach bei seinem Austritt aus der Europäischen Union nach Brüssel überweisen.

Das macht Sinn: Die Maximalforderung, die in der EU-Hauptzentrale, dem Brüsseler Berlaymont-Gebäude, herumschwirrte, belief sich auf bis zu 100 Milliarden Euro.

Brexit-Hardliner in London wie Aussenminister Boris Johnson oder Handelsminister Liam Fox versicherten dagegen mehrmals, keinen einzigen Cent für den Abschied aus dem Club bezahlen zu wollen. Nun trifft man sich also in der Mitte.

Weder bei der EU-Kommission noch in London wollte man die Berichte kommentieren. Der irische EU-Kommissar Phil Hogan bestätigte am Rande einer Pressekonferenz allerdings, dass es «mit Blick auf die Finanzvereinbarung in den letzten 24 Stunden Bewegung» gegeben habe. Klarheit werden wohl EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Theresa May am kommenden Montag schaffen, wenn sie sich in Brüssel zu einem Tête-à-Tête treffen.

Angesprochen auf die damals noch vagen Gerüchte sagte Juncker bei seinem Schweiz-Besuch letzte Woche in Bern: «Ich bin nicht verrückt genug, diese Frage jetzt zu beantworten.»

So oder so ist es für die Einigung aber höchste Zeit: Die Vorbereitungen für den EU-Gipfel von Mitte Dezember laufen bereits. EU-Brexit-Chef Michel Barnier hatte London vor zwei Wochen ein Ultimatum gestellt, bei der Finanz-Frage endlich liefern zu müssen. Ansonsten würde er den EU-Staats- und Regierungschefs den Übergang zur zweiten Phase, der Gespräche über ein künftiges Freihandelsabkommen, nicht empfehlen können.

Die EU beharrt darauf, dass sich Grossbritannien zu sämtlichen gemeinsam eingegangenen Engagements bekennt, auch wenn sie über den Brexit im März 2019 hinausgehen. Das betrifft etwa Pensions-Ansprüche von EU-Beamten oder längerfristige Finanzverpflichtungen. Bislang stellte May nur Zahlungen im Rahmen des EU-Budgets von ungefähr 20 Milliarden Euro in Aussicht.

Irland-Frage wird entscheidend

Dass es mit der Aufstockung des britischen Angebots nun klappen wird, ist jedoch nicht sicher. «Wir sind noch nicht da», sagte Barnier gestern in gewohnt zurückhaltender Manier. Neben der Austrittsrechnung und den künftigen Rechten der vom Brexit betroffenen Bürger muss auch das Grenzregime zwischen Irland und Nordirland geklärt werden.

Hier haben sich die Fronten in den letzten Wochen zunehmend verhärtet. Die Frage ist, wie die künftige EU-Aussengrenze möglichst unsichtbar gestaltet werden kann, um den Friedensprozess in der Ex-Bürgerkriegsprovinz Nordirland nicht zu gefährden.

Für die EU wäre es das Einfachste, wenn Nordirland Teil der Zollunion bleiben würde. Für die nordirischen Unionisten von der DUP-Partei, die Theresa May nach dem Debakel der Neuwahlen im vergangenen Juni zu einer hauchdünnen Mehrheit verholfen haben, kommt aber genau das niemals infrage. Sie sähen den Verbleib in der Zollunion als einen Schritt hin zur Wiedervereinigung zwischen dem britischen Nordirland und der Republik Irland.

DUP-Chefin Arlene Foster machte unlängst klar, dass Nordirland die EU exakt zu denselben Konditionen zu verlassen habe wie der Rest des Vereinigten Königreichs.