Man stelle sich vor, ein zukünftiger linker Bundesrat werfe bei einer Pressekonferenz einem Journalisten vor, sein Medium «benimmt sich nicht gut» und solle weniger kritisieren und stattdessen seine Reformagenda unterstützen. Unvorstellbar vielleicht in der Schweiz, aber in Mexiko unter dem neuen linken Staatschef Andrés Manuel López Obrador leider traurige Realität.

So geschehen Ende Juli in einer der täglichen Pressekonferenzen des Präsidenten morgens um 7 Uhr. López Obrador gefiel die Frage eines Reporters des Wochenmagazins «Proceso» nicht. Der Präsident liess das den Journalisten spüren und schickte gleich noch den Satz hinterher: «Die guten Reporter sind parteilich und unterstützen die grossen Transformationen».

Der Disput zwischen dem Präsidenten und «Proceso» offenbart nicht nur seine autoritäre Gesinnung und Auffassung von freier Presse, sondern sie zeigt auch, wie gleichgültig dem Präsidenten das Schicksal der Journalisten in Mexiko ist. In seinen acht Monaten im Amt habe López Obrador mehrfach Recherchen abgewürgt und Journalisten als «Lügner» bezeichnet oder schlicht mit «Gesindel» betitelt, kritisiert Marcela Turati vom Journalistennetzwerk «Periodistas de a pie».

Solche Beleidigungen sind mehr als kontraproduktiv. Wenn Mexikos Presse jetzt etwas braucht, dann ist es die uneingeschränkte Unterstützung und Solidarität des Präsidenten. Denn die Journalisten stehen so sehr im Fadenkreuz der Organisierten Kriminalität oder von korrupten Politikern und Polizisten wie nie zuvor.

Mexiko ist das gefährlichste Land für Journalisten

Zwischen Ende Juli und Anfang August wurden in nur vier Tagen drei Reporter aus den Bundestaaten Veracruz und Guerrero ermordet. Getötete Journalisten sind in dem zweitgrössten Land Lateinamerikas seit Jahren bitterer Alltag. 131 Medienschaffende wurden nach Angaben der Journalistenschutzorganisation «Artículo 19» seit dem Jahr 2000 getötet. Seit Januar verloren bereits neun Pressemitarbeiter ihr Leben, so viele wie im gesamten vergangenen Jahr.

Mexiko sei 2019 das gefährlichste Land der Welt für Journalisten, warnt die Organisation «Reporter ohne Grenzen». In weiten Teilen des Landes herrschen Verbrecherbanden oder Politiker, die mit der Mafia gemeinsame Sache machen. Reporter, Moderatoren und Blogger, die über die Kartelle oder die Verbindung der Mafia mit der Politik berichten, stehen immer mit einem Bein im Grab. Der Lokalreporter Jorge Ruiz, der am 2. August erschossen wurde, hatte einen Tag vor seiner Ermordung einen Artikel veröffentlicht, in dem er den Bürgermeister einer Gemeinde beschuldigte, öffentliche Gelder für private Zwecke veruntreut zu haben.

«Was wir sehen, ist das Ergebnis systematischer Straflosigkeit in den vergangenen Jahren», sagt Ana Cristina Ruelas von der Menschenrechtsorganisation «Artículo 19». Wer in Mexiko einen Reporter tötet, kann fast sicher sein, dass er ohne Strafe davon kommt. Weniger als ein Prozent der Taten werde aufgeklärt. Die Täter sind laut «Artículo 19» zu fast gleichen Teilen staatliche Akteure und Schergen der Organisierten Kriminalität.

Erschwerend kommt hinzu, dass es vor allem im Norden des Landes immer mehr «Zonen des Schweigens» gibt. Dort haben Zeitungen angesichts massiver Einschüchterungen aufgehört, über die Taten der Kartelle zu berichteten.

Das Gesetz von Angst und Kugeln

Anfang August schmiss der Direktor des kleinen Blattes «Monitor de Parral» im Bundesstaat Chihuahua das Handtuch. Zuvor hatten Maskierte die Einrichtungen der Zeitung in der Stadt Parral, rund 600 Kilometer südlich der Grenzstadt Ciudad Juárez, mit selbstgebauten Bomben angegriffen. «Ich habe die Botschaft verstanden», erklärte Direktor Jorge Salayandía daraufhin und versprach, dass seine Zeitung nicht mehr über Kriminalität, Gewalt und Politik berichten werde. Salayandía richtete sich direkt an die unbekannten Urheber der Tat: «Ich möchte Ihnen mitteilen, dass wir uns nicht mit Ihnen anlegen wollen.»

Angesichts solcher Entwicklungen nehmen die Journalisten Präsident López Obrador in die Pflicht. Bisher habe die neue Regierung zwar viel versprochen, aber kaum was umgesetzt, sagt Ana Cristina Ruelas. «Wir brauchen endlich einen umfassenden und integralen Schutz auf der föderalen Ebene und in den Bundesstaaten. Auch die Justiz muss ihre Arbeit tun.»

Für die Presse und ihre Mitarbeiter in Mexiko gelte das «Ley del miedo y fuego», sagt Ruelas. Übersetzt bedeutet das etwa: das «Gesetz der Angst und der Kugeln». Von einer freien Presse und von garantierter Meinungsfreiheit könne man in ihrem Land schon lange nicht mehr sprechen.