Polen

Abschied von ermordetem Danziger Bürgermeister: die Anti-Regierungs-Bestattung

Tausende Menschen haben am Samstag in Danzig Abschied genommen von ihrem ermordeten Bürgermeister Pawel Adamowicz. Die Trauerfeier wurde auf grossen Leinwänden übertragen.

Tausende Menschen haben am Samstag in Danzig Abschied genommen von ihrem ermordeten Bürgermeister Pawel Adamowicz. Die Trauerfeier wurde auf grossen Leinwänden übertragen.

Tausende Menschen haben am Samstag in der Danziger Marienkirche Abschied vom ermordeten Bürgermeister Pawel Adamowicz genommen. Es gab Trauer, Tränen, aber auch kämpferische Töne.

Als über Danzig laut und drohend die Sirenen ertönen, strömen aus allen Richtungen Tausende zusammen. Viele tragen die rote Stadtfahne mit dem schwarzen Trauerflor mit sich, polnische Flaggen sind dagegen kaum zu sehen. Die Danziger wollen auf dem historischen «Langen Markt» in der Innenstadt zumindest vor einem der dort aufgestellten Grossbildschirme dem Begräbnis-Gottesdienst für ihren ermordeten Oberbürgermeister Pawel Adamowicz beiwohnen. Viele wischen sich eine Träne aus den Augen, als der zelebrierende Danziger Erzbischof Slawoj Leszek Glodz an Adamowiczs Einsatz für Freiheit und Solidarität und seine Hilfe für Flüchtlinge aus Osteuropa und Syrien erinnert. Auch am sechsten Tag nach der schauerlichen Mordtat ist die Betroffenheit noch immer mit Händen zu greifen. «Der Hass ist schuld, die vergiftete politische Stimmung hat diesen Mord herbeigeführt», erklärt ein bärtiger Student im Gespräch.

Die meisten Trauernden enthalten sich jedoch klarer Schuldzuweisungen, denn die Trauerfamilie hatte sich ein unpolitisches Begräbnis gewünscht. Dieses findet in der Marien-Kathedrale statt und jeder, der genug früh da war, kann daran teilnehmen. Einladungen seien bewusst keine ausgestellt worden, hiess es dazu im Rathaus, denn auch für Adamowicz seien alle Bürger gleich gewesen. VIPs hatten sich dennoch angekündigt. Neben vier Ex-Präsidenten, darunter Lech Walesa und der ehemalige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck, nimmt auch der EU-Ratsvorsitzende Donald Tusk teil. Auch die rechtsnationale Kaczynski-Regierung will sich eine späte Ehrerweisung nicht entgehen lassen. Dies mutet umso seltsamer an, als sie Adamowicz seit ihrer Machtübernahme im Herbst 2015, wo immer sie konnte, auch juristisch zugesetzt und ihn politisch total geschnitten hatte. Am Samstag aber reisten Premier Mateusz Morawiecki, ein Vizepremier und der Gesundheitsminister wie auch der eng mit der PiS verbundene Staatspräsident Andrzej Duda an. Dem Begräbnis ostentativ fern blieb allerdings Jaroslaw Kaczynski, Polens starker Mann.

Bluttat erschütterte Polen

Pawel Adamowicz war am Sonntagabend vergangener Woche auf einer Freiluftbühne bei einer von der Regierung als oppositionell eingestuften Spendenveranstaltung niedergestochen worden. Nach der Bluttat veranstaltete der 27-jährige Mörder einen Freudentanz und gab der liberalen Bürgerplattform (PO) die Schuld für seine Mordtat. «Die PO hat mich ins Gefängnis geworfen und gefoltert, deshalb musste Adamowicz sterben», schrie er in ein an sich gerissenes Mikrofon. Die Ermordung des Danziger Stadtpräsidenten hat die seit über zehn Jahren bitter verfeindeten politischen Eliten in Polen in den letzten Tagen etwas zur Besinnung gebracht. Denn die Bluttat hatte die Polen zutiefst erschüttert. Im ganzen Land wurden Dutzende von Schweigemärschen gegen Hass und Gewalt veranstaltet. Teile der liberalen Opposition werfen der Regierung jedoch vor, angesichts der grossen Betroffenheit im Lande nur zum Schein wieder Kreide zu fressen. Die Kaczynski-Partei «Recht und Gerechtigkeit» (PiS) wolle ihre Chancen bei den Parlamentswahlen vom Herbst nicht unnötig senken, deshalb trete sie nun plötzlich gegen jenen politischen Hass auf, den sie zuvor selbst angefacht habe, hiess es.

«Hass tötet Vaterlandsliebe»

Am Danziger Begräbnis-Gottesdienst forderten gleich mehrere Redner, darunter Bischof Glodz und die Ehefrau des Ermordeten, eine Überwindung des politischen Hasses in Polen. «Dieser Hass tötet unsere Vaterlandsliebe», ermahnte Glodz. Minutenlanges Klatschen in der Kathedrale erntete jedoch jener geistliche Freund des Ermordeten, der den Mitschuldigen unmissverständlich benannte: «Wer seine politische Karriere auf Lügen aufbaut, darf keine wichtige Rolle in diesem Land spielen», sagte Pater Ludwik Wisnewski – und jeder wusste, dass die Rede von Kaczynski war. Dessen Premier und Staatspräsident Duda schauten derweil betreten auf den vor dem Altar drapierten Sarg. Ob damit der politische Hass wirklich überwunden werden kann, muss sich erst weisen. Während sich Regierungsvertreter am Sonntag eher zurückhaltend gaben, ging das Gezeter in den rechtsnationalen, regierungsfreundlichen Onlineportalen wieder los – allerdings gossen auch liberale Hitzköpfe gleich wieder Öl ins Feuer.

Im Mai stehen die Europa- und im Herbst dann die entscheidenden Parlamentswahlen an. In der Woche des Mordes an Adamowicz führte die Kaczynski-Partei in den Umfragen ungebrochen mit 39 Prozent, die oppositionelle PO lag mit 22 Prozent abgeschlagen auf dem zweiten Platz – ein schwerer Dämpfer für alle, die auf einen raschen Neuanfang
gehofft hatten.

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