70 Jahre Hiroshima

Albert Einsteins Brief und der Weg zur Bombe

Einstein/Szilard und der Brief (nachgestellt). The LIFE Picture Collection/Getty Images

Einstein/Szilard und der Brief (nachgestellt). The LIFE Picture Collection/Getty Images

Die Angst vor Hitlers Bombe gab den Ausschlag, dass die USA das «Manhattan Project» starteten. Einstein lieferte sein Prestige – der wahre «Vater der Bombe» ist aber der deutsche Physiker Leo Szilard.

Natürlich ist – wie Heraklit schon wusste – «der Krieg der Vater aller Dinge». Das stimmt auch für die Atombombe. Die Situation im Zweiten Weltkrieg war entscheidend. Aber wenn jemand den Titel «Vater der Atombombe» für sich reklamieren darf, ist es der ungarisch-deutsche Physiker Leo Szilard (1898 bis 1964). Den Begriff «Atombombe» hatte der Romancier H. G. Wells bereits in seinem Roman «The World Set Free» (1913/1914) geprägt. Physiker hielten die Idee, aus Materie Energie erzeugen zu können, lange für abwegig. «Moonshine», beschied Ernest Rutherford, der Doyen der Kernforschung.

Aber Ende der 30er-Jahre war klar, dass es physikalisch nicht unmöglich war. Die deutschen Emigranten Otto Frisch und Rudolf Peierls hatten in England die Idee der Kettenreaktion verfolgt und 1939 gezeigt, dass man durch Kernspaltung eine Explosion herbeiführen kann. Technisch schienen die Schwierigkeiten allerdings gross. Uran (genauer das Istotop U235) schien geeignet, weitere Kandidaten waren Plutonium und Thorium.

Hat Hitler die Bombe?

Die Physikergemeinde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war überschaubar. Man kannte sich. Kernphysik war eine deutsche Domäne. Allerdings waren viele fähige deutsche Physiker Juden, wie Albert Einstein oder eben Leo Szilard, oder aus anderen Gründen emigriert. Noch waren aber genügend helle Köpfe in Nazi-Deutschland geblieben, unter ihnen ihr Star, Werner Heisenberg. Nicht nur die Emigranten machten sich Sorgen: Was, wenn Hitler die Bombe in die Hände bekommt?

Szilard allerdings hatte schon vorher fast so etwas wie Panik. Wie lässt sich Hitlers Bombe verhindern? In England fand man die Gefahr nicht so gross. Technisch sei das zu aufwendig. In Amerika suchte Szilard seinen alten Freund Albert Einstein auf. Er erklärte ihm die Idee mit der Kettenreaktion. «Daran habe ich gar nicht gedacht», soll der gerufen haben. Und war danach bereit mitzuhelfen, die Politik zu sensibilisieren. Man dachte zuerst an die Königin von Belgien, die Einstein mal getroffen hatte. Ein Schreiben wurde entworfen. Auf allerlei Umwegen kam die Idee zu Alexander Sachs, damals bei einer Investment-Gesellschaft von Lehman Brothers tätig. Und der sagte: «Das muss ins Weisse Haus.» Er kannte Präsident Roosevelt persönlich.

Bis das Manhattan Project, das Unternehmen Atombombe der USA, gestartet wurde, dauerte es noch eine Weile. Aber schliesslich muss man Szilards Eifer dafür verantwortlich machen, dass die USA das Bombenprojekt angingen.

Atombombenabwurf über Hiroshima 1945

Atombombenabwurf über Hiroshima 1945

Wie weit waren die Deutschen?

Das Manhattan Project kostete schliesslich 2 Milliarden Dollar (das entspricht heute etwa 20 Milliarden). Es bestand nicht nur aus dem berühmten Labor in Los Alamos, sondern auch aus riesigen industriellen Anlagen. In Oak Ridge (Tennessee) und Hancock (Washington) wurde Uran angereichert und Plutonium ausgebrütet.

Hartnäckig hält sich das Gerücht, die Nazis hätten es geschafft, eine kleine Menge Plutonium explodieren zu lassen. Beim Uran waren sie allerdings nicht so weit gekommen wie Fermi in den USA, der einen Uran- und Plutonium-Reaktor zum Laufen brachte, oder die Japaner. Als die deutschen Physiker in englischer Gefangenschaft von Hiroshima/Nagasaki erfuhren, waren sie überrascht. Was die Deutschen hatten, war eine ziemlich weit entwickelte Raketentechnologie.

Plutonium ist die Zukunft

Uran explodieren zu lassen, ist einfacher als Plutonium. Beim Uran ist das aufwendige Anreichern das Problem. Plutonium hat eine kleinere kritische Masse (mit etwa 5 Kilogramm kann man eine Kettenreaktion in Gang setzen). Die Sprengkraft der Hiroshima-Bombe war zwar gross (16 Kilotonnen TNT; Nagasaki 20 KT), aber eine 500-Bomber-Flotte konnte über Tokio in einer Nacht vergleichbare Schäden anrichten. Im Nachhinein dürfte mindestens Nagasaki, die Plutonium-Bombe, bereits als Experiment gedacht worden sein. Die Technologie war kniffliger, aber handlicher. Das war die Atombombentechnologie der Zukunft. «Wenn man noch eine Thorium-Bombe gebaut haben würde, hätte man die auch gezündet», ist der Historiker und Oppenheimer-Biograf Martin Sherwin überzeugt.

Historisches Filmmaterial des Atombomben-Abwurfs über Hiroshima.

Historisches Filmmaterial des Atombomben-Abwurfs über Hiroshima.

Meistgesehen

Artboard 1