Analyse

Angela Merkel und ihre beste Freundin

Seit langen ein gut funktionierendes Duo: Bildungsministerin Annete Schavan und Bundeskanzlerin Angela Merkel

Seit langen ein gut funktionierendes Duo: Bildungsministerin Annete Schavan und Bundeskanzlerin Angela Merkel

Annette Schavan und Angela Merkel sind ein bewährtes Duo – wie lange noch? Die Bundeskanzlerin wird genau abwägen müssen, ob sie sich im Wahlkampf mit einer Ministerin unter Beschuss belasten will.

Das Bild hat Symbolcharakter: Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und ihre Bildungsministerin Annette Schavan Seite an Seite an der Computermesse Cebit in Hannover. Es ist der 1. März 2011. Da zirpt Merkels Handy – eine SMS. Die Kanzlerin blickt kurz auf die Nachricht und reicht das Telefon an Schavan weiter. Als die Ministerin das Handy zurückgibt, lächeln beide zufrieden. Später heisst es, in der SMS sei es um den Rücktritt von Verteidigungsminister Theodor zu Guttenberg gegangen, der damals wegen seiner abgekupferten Doktorarbeit unter Beschuss stand.

Das Kanzleramt hat die Geschichte nie bestätigt. Aber sie ist so gut, dass sie immer wieder erzählt wird. Denn nichts illustriert das Verhältnis zwischen Merkel und Schavan besser als diese Szene: Wem, wenn nicht ihrer engsten Vertrauten, sollte die Kanzlerin ihr Handy anvertrauen, mit dem sie Land und Partei regiert?

SMS-Szene aufgezeichnet vom türkischen Fernsehen (Quelle: youtube/samanyoluhaberavrupa)

Die SMS-Szene

Annette Schavan ist – zusammen mit Wolfgang Schäuble und Ursula von der Leyen – die dienstälteste Ministerin in Merkels Kabinett. Alle drei sind seit 2005 ununterbrochen dabei. Schavan zählte aber schon viel früher zum engsten Kreis Merkels: 1998 wurde Schavan zur stellvertretenden CDU-Vorsitzenden und Merkel zur Generalsekretärin gewählt. Seither bilden sie ein bewährtes Duo.

Dabei passen die beiden fast gleichaltrigen Frauen gar nicht besonders gut zusammen: Angela Merkel, Jahrgang 1954, Naturwissenschafterin, Physikern, protestantische Pastorentochter aus Ostdeutschland, und Annette Schavan, Jahrgang 1955, Geisteswissenschafterin, Theologin, gläubige Katholikin aus dem Rheinland, Tochter eines kaufmännischen Geschäftsführers einer Werbeagentur.

Alles andere als Glamour-Frauen

Dennoch verbindet sie mehr, als man auf den ersten Blick glaubt. Nicht nur politisch, sondern auch hinsichtlich ihrer Charaktereigenschaften. Beide sind alles andere als Glamour-Frauen; sie sind zurückhaltend und beherrscht, selten impulsiv, wählen ihre Worte sorgfältig und mit Bedacht, handeln erst, wenn sie alle Vor- und Nachteile abgewogen haben, und suchen nicht um jeden Preis das (mediale) Rampenlicht. Und nicht zuletzt eint sie die gemeinsame Erfahrung, sich als Aussenseiterinnen in der Männerdomäne CDU durchgesetzt zu haben.

Bei Merkels Aufstieg an die Spitze der CDU spielte Schavan eine nicht zu unterschätzende Rolle. Einerseits deckte sie für die Protestantin den katholischen Parteiflügel ab. Schavan ist Mitglied im Zentralkomitee der Katholiken, und es heisst, niemand kenne den deutschen Katholizismus besser als sie. Andererseits gehört sie dem Vorstand der baden-württembergischen CDU an, die zusammen mit Nordrhein-Westfalen mehr als die Hälfte der Delegierten stellt. Auf Parteitagen ist deren Unterstützung für Merkel unverzichtbar. Noch wichtiger ist aber, dass die Kanzlerin auf die Verschwiegenheit und absolute Loyalität Schavans zählen kann. Und dass die Bildungsministerin – anders als Arbeitsministerin Ursula von der Leyen – Merkel den Führungsanspruch nie streitig gemacht hat.

Angela Merkel und Annette Schavan – beste Freundinnen also? Zwei, die sich bedingungslos vertrauen, ihre Freuden und Sorgen teilen? Vielleicht. «Wer lange gut zusammenarbeitet, lernt sich kennen. Und merkt: Man kann sich aufeinander verlassen», sagte Schavan unlängst der «Zeit» über ihre Freundschaft mit Merkel. Doch in der Politik gibt es keine Freundschaft; in der Politik geht es um Interessen und Macht. Erst recht, wenn eine der Freundinnen angeschlagen ist. Mit dem Verlust des Doktortitels hat Schavan auch ihre Glaubwürdigkeit eingebüsst. Sie ist angreifbar geworden – eine Situation, welche die Opposition im Bundestagswahlkampf genüsslich ausschlachten wird.

Gewiss: Merkel hat ihrer Bildungsministerin ihr «volles Vertrauen» aussprechen lassen. Aber die Kanzlerin ist in erster Linie Machtpolitikerin. Sie wird genau abwägen, ob sie sich im Wahlkampf mit einer Ministerin belasten will, die unter ständigem Beschuss steht. Sollte Merkel zum Schluss kommen, dass die «beste Freundin» zum Klotz am Bein geworden ist, wird sie sich von ihr trennen. Für Schavan wäre das der Moment, ein letztes Mal ihre Loyalität zu beweisen.

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