Katar

Anhaltende Blockade: «Die Arroganz der Saudis macht wütend»

Trotz des Boykotts sind die Regale in den Supermärkten der katarischen Hauptstadt Doha voll.AFP/Getty Images

Trotz des Boykotts sind die Regale in den Supermärkten der katarischen Hauptstadt Doha voll.AFP/Getty Images

Das kleine Golf-Emirat will sich vom grossen Nachbarn nicht unterkriegen lassen.

Abed Haschem ist wieder «zu Hause». Sieben Monate lang hatte der aus dem Sudan stammende Soldat der katarischen Armee in der südsaudischen Provinz Nadschran die Grenze zum Jemen bewacht. «Wir halfen ihnen bei der Landesverteidigung. Und das ist jetzt der Dank», schimpft Abed, dessen Einheit seit letzter Woche wieder in Katar stationiert ist – ausgewiesen von einer Regierung, die ihren Nachbarn unterstellt, «den internationalen Terrorismus» zu unterstützen.

Wir treffen Abed in Souk Wakif von Doha, wo er mit seinem Vater Abdelhamid eine Wasserpfeife raucht. Die beiden wirken entspannt. Auch als wir sie auf die saudische Blockade ansprechen, versuchen sie, die Fassung zu bewahren. «Was Riad uns angetan hat, ist unverzeihlich. So etwas tut man nicht», betont Abdelhamid, ohne laut zu werden. Man könne nicht 2,8 Millionen Menschen einfach als Geiseln nehmen.

Der Vergleich wirkt übertrieben, fast etwas absurd, wenn man die Lebensmittelabteilung des «Lulu»-Hypermarkts von Doha besucht. Das Warenangebot in der eisgekühlten Halle ist erschlagend. Die Kunden können zwischen Äpfeln aus dem Libanon, Südtirol und Südafrika wählen. Noch grösser ist die Auswahl bei Orangen, Zwiebeln und Mangos. Milch, Ayran und Kefir aus der Türkei werden anstelle saudischer Molkereiprodukte verkauft. Hammelkeulen kommen aus dem Iran. Prall gefüllt ist auch das Sushi-Regal.

Es fehlt an nichts. Das weiss auch Abdelhamid. «Natürlich können uns die Saudis nicht aushungern», sagt der baumlange Mann verärgert. Was die Katarer wütend mache, sei die Arroganz der Nachbarn, ihr «hinterhältiger Versuch, mit einer anhaltenden Blockade ein kleineres Land zur Kapitulation zu zwingen». «Vergessen Sie nicht die vielen Familien am Golf, die durch die saudische Blockadepolitik auseinandergerissen worden sind. Kinder, die Vater oder Mutter nicht mehr sehen können, nur weil sie Katarer sind», erinnert Akbar al-Baker, der Generaldirektor von Qatar Airways, in einem Gespräch mit dem TV-Sender «al-Jazeera»: «All diese Wunden wurden für eine ganze Generation geschlagen und niemals vergessen».

«Islamisten finanzieren fast alle»

Die Härte der Argumentation überrascht. Um den ausufernden «Bruder-Streit» am Persischen Golf zu begreifen, reicht es nicht aus, sich auf die Terrorismusvorwürfe zu beschränken. «Islamische Extremisten finanzieren in dieser Region fast alle. Auch die Saudis», stellt ein westlicher Diplomat in Doha klar. In Wirklichkeit gehe es um geostrategische Interessen, wirtschaftliche Macht und damit auch um «Missgunst und Niedertracht sowie um den Narzissmus von Führerpersönlichkeiten mit unterschiedlichen Begabungen».

Gemeint sind Scheich Tamin bin Hamed Al Thani, der Emir von Katar, und Mohammed bin Salman, der jüngste Sohn des saudischen Königs und Verteidigungsministers des Landes. Beide sind Mitte 30. Für den machtbesessenen Saudi sei es unerträglich, dass ein fast gleichaltriger Fürst seine eigenen Wege gehe und damit sowohl politischen als auch wirtschaftlichen Erfolg habe, versucht Hassan Abdelghani, Redaktor der «Qatar Tribune», die Rivalitäten zwischen den beiden Herrschern zu erklären.

Im Gegensatz zum saudischen Königssohn habe der an englischen Elite-Internaten und Militärakademien ausgebildete Emir viele seiner Visionen schon verwirklicht, preist der katarische Journalist seinen Scheich. Dem Saudi werden dagegen nicht nur von katarischer Seite Minderwertigkeitskomplexe» sowie eine «gefährliche Iranophobie angelastet, welche die Krise in der Region noch verschärfe. «Sie können ein Land mit einer 5000 Jahre alten Geschichte nicht ausgrenzen», verteidigt ein wissenschaftlicher Mitarbeiter im Islamischen Museum von Doha die guten Kontakte des katarischen Emirs in den Iran. «Als kleines Land können wir uns Feinde gar nicht leisten.»

«Viel zu gut vernetzt»

Dass das grosse Saudi-Arabien Katar nun zu isolieren versuche, sei dramatisch, werde den Kleinstaat am Golf aber nicht umwerfen. «Dazu ist das Land viel zu gut vernetzt», sind sich Wirtschaftsexperten in Doha einig. Das Land habe mächtige Verbündete. Erst am Wochenende hat die Türkei Truppen in das Emirat geschickt. «Durch die von Riad ausgelöste Krise entstanden neue Allianzen», analysiert der libanesische Publizistikprofessor Rami Khouri. Nicht nur die Türkei und der Iran, zwei regionale Supermächte, hätten sich an die Seite Katars gestellt. Auch Kuwait, Oman sowie Marokko seien auf Distanz zur «saudischen Allianz» gegangen. Noch wichtiger sei die Entschlossenheit der Europäer, sich in der Krise um Katar neutral zu verhalten und auf eine Vermittlungslösung hinzuarbeiten.

In der katarischen Hauptstadt glaubte man am letzten Freitag, das Schlimmste überstanden zu haben. Grund für den Optimismus war der von Katar gemeldete Kauf von 35 F-15-Kampfflugzeugen im Wert von 12 Milliarden Dollar. Tatsächlich handelt es sich wohl um eine Kaufabsichtserklärung. Ob sie ausreicht, um die Wogen in der Region zu glätten, ist allerdings fraglich. Zu Wochenbeginn kündigte Saudi-Arabien die Veröffentlichung eines neuen Forderungskatalogs an Katar an. Er soll die Namen von in Katar lebenden islamischen Extremisten enthalten, deren Ausweisung die «arabische Koalition» verlangt. Katars Mohammed al-Thani machte daraufhin die Aufhebung der arabischen Blockade zur Vorbedingung für Verhandlungen zur Lösung der Krise. «Die Region», warnte er, «kann eine weitere Eskalation nicht vertragen.»

Zu spüren ist davon nur wenig. Bei Temperaturen von bis zu 49 Grad wirkt das Emirat wie gelähmt. Die Einwohner sehnen das grosse Opferfest zum Ende des Ramadans herbei. Auch für die Muslime am Persischen Golf sollten dann die schönsten Tage des Jahres anbrechen. Es ist eine Zeit, in der die Gläubigen daran erinnern werden, dass die Bereitschaft zu Toleranz und Versöhnung die Grundlage für ein friedliches Miteinander ist. «Doch dafür sind die Gräben bereits zu tief», befürchtet Abdelhamid und zieht an seiner Wasserpfeife.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1