Bei seinem Staatsbesuch in Moskau hat Chinas Präsident Xi Jinping die «wunderbare Zukunft» zwischen den beiden Ländern betont. «Wir haben eine beispiellose Entwicklung unserer gegenseitigen Partnerschaft erreicht und wollen sie weiter ausbauen», sagte Xi bereits vor seiner dreitägigen Reise ins Nachbarland, wo er ab heutigem Donnerstag auf dem Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg Gast sein wird.

Es sind diplomatisch überhöhte Worte einer immer enger werdenden Verbindung, die von beiden Präsidenten befördert wird. Bereits mit Xis erster Auslandsreise nach Russland gleich nach seinem Amtsantritt vor sechs Jahren begann Chinas Orientierung nach Moskau. Der Kreml seinerseits sah sich vor allem nach seiner völkerrechtswidrigen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim gezwungen, seine Zusammenarbeit mit Peking zu verstärken.

Es ist ein gemeinsamer Gegner, den beide Länder ausgemacht haben und in ihrer Propaganda bestens zu pflegen wissen, der sie vereint. Die Russen kämpfen mit den Auswirkungen amerikanischer (und europäischer) Sanktionen, die Chinesen führen einen Handelskrieg mit den USA.

In dieser Polarisierung finden sich Moskau und Peking und bauen bereits seit Jahren an einer Art «Gegen-Allianz», die die politische Autarkie betont und liberale Ansätze bekämpft. Putins einst erwünschter gemeinsamer Wirtschaftsraum von Lissabon bis nach Wladiwostok, so heisst es oft in Moskau, habe sich längst zu einer Leitidee eines Wirtschaftsraums von Sankt Petersburg nach Schanghai gewandelt.

Auch bei Xis Besuch sollen knapp 30 Kooperationsverträge unterzeichnet werden. Die Russen bauen mit den Chinesen an einem gemeinsamen Flugzeug, sie arbeiten in den Bereichen Finanzen, Infrastruktur und Militär zusammen. Keine Sehenswürdigkeit in Russland kommt ohne chinesische Aufschriften mehr aus, der Tourismus mit Besuchern aus dem Reich der Mitte boomt.

Vor allem aber liefert das Land den Chinesen Öl, Kohle, Holz. China verkauft den Russen Kleider, Lebensmittel, Elektrogeräte. Gerade einmal 1,9 Prozent des chinesischen Handels gehen ins Nachbarland, mit dem China eine mehr als 4000 Kilometer lange Grenze teilt.

Es fehlt die gemeinsame Idee

Erst seit wenigen Tagen verbindet eine – einzige – Brücke am Amur im Fernen Osten Russlands und Norden Chinas die Länder. Fast 40 Jahre hatte es gedauert, solche Pläne umzusetzen, im April 2020 sollen die ersten Fahrzeuge darüber rollen. Für die Menschen in der Region hat die Brücke in der Tat etwas Historisches. Die Märkte Europas aber bleiben für Peking weitaus bedeutender.

«Russland und China setzen auf eine situative und taktische Zusammenarbeit, sei es in Syrien, in Korea oder in Venezuela», sagt Sergej Kortunow. Der Politologe ist Direktor des Kreml-nahen Thinktanks «Russischer Rat für internationale Beziehungen» und hat sich, der Nähe zur Macht zum Trotz, eine gewisse Offenheit im schrillen russischen Anti-West-Kurs bewahrt. «Eine strategische Perspektive aber fehlt unseren Ländern.»

Eine Perspektive, die über die gemeinsamen Abstimmungen im UNO-Sicherheitsrat oder den Bemühungen, Chinas «Seidenstrassen»-Projekt mit Russlands Eurasischer Wirtschaftsunion in Einklang zu bringen, hinausgehe. Peking und Moskau fehle, so Kortunow, eine gemeinsame Idee, was für eine Welt sie in Zukunft sehen wollen, samt Fragen nach internationalem Recht und der Ausgestaltung internationaler Institutionen.

Die Regierungen belassen es dabei, sich als Brudervolk zu sehen. Im Chinesischen aber ist «Bruder» ein streng hierarchischer Begriff. Es gibt den «grossen Bruder», Gege, und es gibt den «kleinen Bruder», Didi. Beide Länder wollen stets der «Gege» sein. Peking aber sieht Moskau, da wirtschaftsschwach, als Juniorpartner an. Moskau will dagegen kein Vasall Chinas sein. Die Russen demonstrieren nach aussen stets ihre Stärke, die Allianz mit China aber gehen sie aus Schwäche ein.

Die Grenzen dieser Freundschaft spielten in Moskau jedoch kaum eine Rolle. Warum auch, wenn im Zoo der Stadt am Mittwoch das zusammenfand, was politisches Gewicht symbolisiert: die Pandas Ding Ding und Ru Yi. Die niedlichen Tiere, die angeblich schon beim Anblick Kuschelhormone ausschütten, bleiben für 15 Jahre zur Pacht bei den Russen und sollen – gesellschaftlich wie politisch – für eine «Pandamanie» sorgen, mögen sich beide Völker auch weiterhin mit teils grosser Skepsis betrachten.