Syrien

Assad nutzt IS-Dschihadisten, um die Minderheit der Drusen zu terrorisieren

US-unterstützte Kräfte überprüfen Personen im IS-Territorium.

US-unterstützte Kräfte überprüfen Personen im IS-Territorium.

Ihre letzte Bastion ist gefallen und die Terrormiliz IS damit ohne Territorium. Die Kriegskassen sind jedoch weiter gut gefüllt, und die Dschihadisten haben augenscheinlich eine neue Aufgabe. Es geht um die Minderheit der Drusen.

Es sind schwerwiegende Vorwürfe, die die syrische Frauenrechtlerin Sarah Hunaida in einem Beitrag für das amerikanische Magazin «Foreign Policy» erhebt: Um die Minderheit der Drusen in der Provinz Suweida zu terrorisieren und gleichzeitig die US-Stützpunkte an der syrisch-jordanischen Grenze zu bedrohen, habe das Regime des syrischen Machthabers Baschar al-Assad in den letzten Wochen «den Transfer» von mindestens 1500 Kämpfern des sogenannten Islamischen Staates (IS) von ihrer gefallenen Hochburg Baghouz in das südsyrische Safa-Gebirge organisiert.

Bei der Umgruppierung hätten iranische Milzen, die mittlerweile weite Teile von Süd- und Ostsyrien kontrollieren, geholfen, behauptet die syrische Oppositionelle, die sich auf Augenzeugenberichte von Familienmitgliedern beruft. Aus den Safa-Bergen waren auch jene IS-Milizen gekommen, die im Juli letzten Jahres mehr als 200 drusische Zivilisten massakrierten. Auch damals hatte das Assad-Regime die Terroristen gewähren lassen. Die syrische Staatsarmee kam erst nach dem entsetzlichen Blutbad.

Gezielte Förderung von Dschihadisten

Das zynische Vorgehen des Diktators hat Methode: Assad, analysiert die deutsche Syrien-Expertin Kristin Helberg, «braucht den ‹Islamischen Staat› als Schreckgespenst, um die Syrer und die Welt in Angst zu versetzen sowie sich weiterhin als sogenannter Vorkämpfer gegen den Terror in Szene zu setzen».

Seit dem Beginn des Bürgerkrieges vor acht Jahren betreibe der Diktator ganz gezielt die Stärkung und Förderung dschihadistischer Organisationen wie El Kaida und IS. Hunderte von islamischen Extremisten waren 2011 aus syrischen Gefängnissen entlassen worden, um den friedlichen Kern der Opposition zu untergraben. Es seien die Verbrechen des Assad-Regimes gewesen, die den Terror erst entstehen liessen, empört sich der in Istanbul lebende syrische Oppositionspolitiker Nasr al-Hariri. Ein Sieg über den Terror sei daher ohne das Ende der Assad-Herrschaft unmöglich.

Dass die Gefolgsleute des syrischen Diktators mit dem IS auf vielfältigste Weise kooperierten und dies offensichtlich noch immer tun, ist ein offenes Geheimnis. Besonders intensiv war die wirtschaftliche Zusammenarbeit: Das Regime kaufte vor allem Öl vom IS, das die Terrororganisation auch in die Türkei exportierte. Ende 2015 verdiente der IS damit 50 Millionen Dollar im Monat. Die Terrororganisation nahm in dieser Zeit auch mehrere Hundert Millionen Dollar jährlich an Steuern ein. Ein zusätzliches finanzielles Polster von geschätzten 800 Millionen US-Dollar hatte sie sich mit dem Überfall auf die Filiale der irakischen Staatsbank in Mossul im Sommer 2014 geschaffen.

Die Kriegskasse der Terrororganisation dürfte auch nach dem Verlust ihrer letzten Hochburg Baghouz in Ostsyrien noch gut gefüllt sein. «Alles, was dem IS blieb, ist Geld. Eine ganze Menge», beschreibt der amerikanische Terrorismusexperte David Kenner im US-Magazin «The Atlantic» die Finanzsituation der Extremisten. Sie haben noch immer Zugang zu Hunderten Millionen Dollar sowie Methoden, um neue Einnahmen fliessen zu lassen. Es könne deshalb noch Jahre dauern, bis der Kampf gegen den IS gewonnen werde. «Finanzielle Aspekte» sollen auch bei dem von Assads militärischen Geheimdienst arrangierten «Transfer» von 1500 IS-Kämpfern von Baghouz in die unzugänglichen Safa-Berge eine Rolle gespielt haben. Die «Umsiedlung» der Extremisten, heisst es, hätte knapp 10 Millionen US-Dollar in die notorisch klammen syrischen Staatskassen gespült.

Weitere Geldbeträge dürften folgen, weil der IS in seinen neuen Verstecken zunächst auf logistische Hilfe aus Damaskus angewiesen sein dürfte. Dass Staaten Terrororganisation wie den IS für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versuchen, ist nicht neu. Auch die Türkei hatte den IS über Jahre gewähren lassen, es Mitgliedern und Sympathisanten der Terrororganisation zunächst gestattet, über türkisches Territorium nach Syrien und dem Irak zu reisen. Ziel der «Duldung» war bekanntlich die Schwächung des PKK-Ablegers YPG in Syrien.
Amerikanische Geheimdienste gehen davon aus, dass Geld aus der Kriegskasse des IS in der Türkei gewaschen, teilweise in Gold angelegt sowie in Immobilienkäufe investiert wurde. Eine weitere Möglichkeit zum Geldverdienen, glaubt der IS-Experte David Kenner, sei der Wiederaufbau in Syrien, bei dem «sich Millionen abschöpfen liessen».

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1