Makeda war 13, als der Mann sie entführte und vergewaltigte. Wie in Äthiopien üblich, trafen sich die Familien der beiden: Durch eine Hochzeit sollte die Ehre des Mädchens wiederhergestellt werden. Makeda wäre dasselbe Leben vorbestimmt gewesen wie Tausenden Jugendlichen in der ostafrikanischen Nation. Doch ihr Vater weigerte sich, seine Tochter einem Vergewaltiger anzuvertrauen. Gemeinsam zogen Vater und Tochter vor Gericht. Sie verloren in allen Instanzen, unter anderem, weil der Richter die Jungfräulichkeit des Mädchens anzweifelte.

Laut Equality Now spiegelt Makedas Fall die gravierenden Gesetzeslücken bei der Verfolgung von Sexualverbrechern weltweit. Die Organisation arbeitet seit 1992 mit den Opfern sexuellen Missbrauchs zusammen. Gemeinsam wolle man die Täter ihrer Strafe zuführen und Regierungen zu strengeren Gesetzen anhalten. Nachdem Äthiopiens Justiz in Makedas Fall versagt hatte, zogen die Aktivisten vor die Afrikanische Kommission für Menschen- und Völkerrecht. 15 Jahre nach ihrer Vergewaltigung gaben die Richter in Gambia Makeda letztes Jahr Recht: Nicht nur sollte Äthiopien die junge Frau entschädigen, sondern seine Gesetze gegen Missbrauch gründlich reformieren.

Gesetze sind oft mangelhaft

Am Montag veröffentlichte Equality Now seinen neuen Bericht «Die Globale Vergewaltigungsepidemie». Mehr als ein Jahr lang untersuchten die Frauenrechtler 82 Staaten und deren Justizsysteme. Das Ergebnis: Die Gesetze seien mangelhaft, widersprüchlich, würden nicht systematisch umgesetzt und befürworteten in einigen Fällen Gewalt. Yasmeen Hassan, Direktorin von Equality Now, warnt: «Solange Regierungen ihre Gesetze gegen Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe nicht in den Griff bekommen und effektiv und sensibel umsetzen, ist es unwahrscheinlich, dass der globale Missbrauch von Frauen und Mädchen in naher Zukunft aufhört.»

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist mehr als ein Drittel aller Frauen weltweit von körperlicher oder sexueller Gewalt betroffen. In vielen Fällen handle es sich bei dem Täter um den eigenen Partner. Auch hier versagten die Gesetze, klagen die Aktivisten. So seien sexuelle Übergriffe in der Ehe in mindestens 10 der 82 untersuchten Ländern erlaubt – 4 davon in Afrika. In mindestens 9 Staaten könnten Vergewaltiger ihrer Strafe entkommen, wenn sie ihre Opfer anschliessend heirateten.

Bessere Noten gegen Sex

Dem Bericht zufolge habe die Weltgemeinschaft diesen Rechtsnotstand jahrelang ignoriert: «Würde es sich um eine Krankheit handeln, hätte sexuelle Gewalt die vollste Aufmerksamkeit von Regierungen und Spendern.» Dabei seien die Folgen weitreichend, berichtet Jane Ellis von der Internationalen Anwaltskammer: «Sexuelle Gewalt ist ein Angriff auf die Gesellschaft mit drastischen Auswirkungen auf Einzelne, Familien, Gemeinschaften und die Wirtschaft.»

Sichtbar wird das etwa in Sierra Leone. Dort entwickelte sich der Missbrauch von Schülern laut Equality Now zu einem «systematischen Problem für den Bildungssektor». Um an Lehrbücher oder bessere Noten zu gelangen, würden Schüler oft zu Beziehungen gezwungen. Darüber hinaus mangle es Klägern und Richtern in zahlreichen Ländern an Verständnis für die Schwere der Tat. Nachdem eine Gruppe Jugendlicher in Kenia ein Mädchen vergewaltigte, verurteilte ein Richter die Jugendlichen wegen Körperverletzung. Als Strafe mussten sie den Rasen um eine Polizeistation mähen.

Hoffnung – aber es dauert zu lange

Leise Hoffnung wecken die nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO. Diese sehen vor, «alle Formen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu beseitigen» und fordern von Regierungen, «diskriminierende Gesetze» zu überarbeiten. «Die Situation in Afrika variiert von Land zu Land. Dabei beobachten wir auch progressive Schritte», sagt Antonia Kirkland, Programmkoordinatorin bei Equality Now. So habe Marokko vor drei Jahren ein Gesetz zurückgezogen, das es Vergewaltigern erlaubte, ihre Opfer zu heiraten. Jedoch gehe die Entwicklung nur langsam voran. Deshalb wollen die Aktivisten dem UNO-Menschenrechtsrat vor dessen Treffen im Juni eine Petition überreichen, die konkrete Schritte fordert.