1. Der Aufstieg

Die Gründung des «Islamischen Staates», oder Daesh, wie die Terrorgruppe im arabischen Sprachraum genannt wird, datiert auf den 8. April 2013. Die Wurzeln der Bewegung reichen aber weiter zurück: Bereits ab 2003 war die sunnitisch-salafistische Gruppierung als «Al-Kaida im Irak» tätig.

Der «moderne» «IS» rekrutierte sich weitgehend aus Al-Kaida-nahen Kämpfern, später verleibte er sich die rivalisierende Terrorgruppe Jabhat al-Nusra ein. Die Führungsriege setzte sich aus Al-Kaida-Kämpfern und ehemaligen hochrangigen Geheimdienstmitarbeitern unter Sadam Hussein zusammen. Als «Kaderschmiede» und Rekrutierungszentrum gilt das Gefängnis Camp Bucca im Irak.

2. Der Erfolg

Wie eine Naturgewalt fegte der «IS» in den ersten Monaten durch den Irak. In Syrien platzierte fünfte Kolonnen bereiteten den Boden für den Feldzug im Nachbarland. Der Ruf als brutale Besatzungsmacht eilte dem «IS» voraus, oft reichte bereits der Anblick der schwarzen Flagge mit dem weissen Schriftzug, dass irakische Streitkräfte Hals über Kopf die Flucht ergriffen. Mit der Einnahme der irakischen Grossstadt Mosul hatte der «IS» faktisch seinen Höhepunkt erreicht. Ende 2014 erstreckte sich das Herrschaftsgebiet der Gotteskämpfer über weite Teile des Iraks und Syriens.

Mitte 2014 rief «IS»-Führer Abu Bakr Al-Baghdadi in der grossen Moschee von Mosul das Kalifat aus und katapultierte die Terrormiliz so mit einem Schlag in die Weltöffentlichkeit.

Abu Bakr al-Baghdadi in der grossen Moschee in Mosul 2014: Es war der einzige öffentliche Auftritt des selbsternannten Emirs.

Abu Bakr al-Baghdadi in der grossen Moschee in Mosul 2014: Es war der einzige öffentliche Auftritt des selbsternannten Emirs.

3. Die Konsolidierung

Mit Mosul hatte der «IS» Zugriff auf einen in Teilen funktionierenden Verwaltungsapparat und auf die reichhaltigen Ölfelder in der Region. Die Einnahmen aus dem Ölverkauf und Steuerzuflüsse statteten die Terrormiliz mit einer prallen Kriegskasse aus. Gleichzeitig begannen ausländische Kämpfer aus aller Herren Länder zur Terrorgruppe zu stossen. Schätzungsweise rund 50'000 Ausländer kämpften in den Reihen des «IS», darunter mehr als 70 Schweizer.

«IS»-Kämpfer auf dem Triumphzug durch Mosul im Juni 2014.

«IS»-Kämpfer auf dem Triumphzug durch Mosul im Juni 2014.

Neben der Armee und dem Verwaltungsapparat baute der «IS» einen ausgeklügelten Propaganda-Apparat auf. Hochglanzmagazine lieferten regelmässig Updates über die Lage des Terrorstaats, in den sozialen Medien wurden die grausamen Taten von «IS»-Kämpfern verherrlicht und neue Mitglieder angeworben. Videos von Enthauptungen und Steinigungen verbreiteten sich in Windeseile im Netz. Dem «IS» gelang es, mit dieser Ästhetisierung des Terrors zugleich Feinde abzuschrecken und Sympathisanten zu gewinnen.

4. Die Wende

Mit der Belagerung von Kobane Ende 2014 zeichnete sich im Rückblick die Wende ab. Welle um Welle von Soldaten sandten die «IS»-Oberen aus, um die kleine kurdische Stadt im Norden Syriens zu erobern. Ohne Erfolg. Insgesamt 1500 «IS»-Kämpfer kamen in der Schlacht um Kobane ums Leben. Der Widerstand der kurdischen Verteidiger führte zu einer weltweiten Solidaritätswelle, Luftangriffe von US-Streitkräften und Unterstützung für die kurdischen Bodentruppen stoppten den Eroberungsfeldzug des «IS» ein erstes Mal.

Kurdische Streitkräfte hissen die Flagge über Kobane.

Kurdische Streitkräfte hissen die Flagge über Kobane.

2015 verlegte der «IS» seine Strategie vermehrt auf Attentate ausserhalb des eigenen Kerngebiets. Terroranschläge von lose affilierten Lone-wolf-Attentätern erschütterten Europa, zuerst Paris, später Brüssel und Manchester.

5. Der Niedergang

2016 zog sich die Schlinge für den «IS» langsam zu. Die Türkei begann, die Grenzen dichtzumachen, was den Zufluss ausländischer Kämpfer stoppte. Die bereits 2014 gebildete internationale Militärkoalition unter Führung der USA intensivierte die Luftschläge gegen die Terrormiliz, zugleich setzten die USA vermehrt Bodentruppen ein.

Ende 2016 gelang es kurdischen und irakischen Streitkräften, Mosul, die faktische Hauptstadt des «IS», zurückzuerobern. Die Terrormiliz wurde in der Folge in den Westen des Iraks zurückgedrängt. 2017 rollte der Angriff auf Rakka, die zweite Machtbastion des «IS». Sechs Monate später lag die Stadt in Trümmern, den verbleibenden «IS»-Kämpfern wurde der Auszug gewährt.

Der Territorialverlust des «IS»

Der Territorialverlust des «IS»

In den letzten Monaten war das Herrschaftsgebiet der Terrormiliz auf ein paar Quadratkilometer geschrumpft: Getreue von Abu Bakr al-Bagdadhi hatten sich in der irakischen Stadt Baghus verschanzt, in ausgehobenen Tunnels, Gräben und Bunkern harrten ein paar Tausend «IS»-Schergen mit ihren Familien aus. Am vergangenen Wochenende dann vermeldete die Allianz aus kurdischen und arabischen Kämpfern die territoriale Niederlage des «IS». Al-Baghdadi war vermutlich bereits zuvor mit einigen Getreuen unerkannt aus der Stadt geflüchtet.

epaselect epa07461183 Smoke clouds rise from the village of Baghuz, Syria, 24 March 2019. The US-backed Kurdish-Arab 'Syria democratic forces' (SDF) have announced the military victory over Islamic State (IS) group on 23 March 2019, following a four-year battle against the group that took control over a third of Syria and Iraq. EPA/Ahmed Mardnli

Rauch steigt auf über dem irakischen Städtchen Baghus: Hier verschanzten sich «IS»-Anhänger bis zuletzt.

epaselect epa07461183 Smoke clouds rise from the village of Baghuz, Syria, 24 March 2019. The US-backed Kurdish-Arab 'Syria democratic forces' (SDF) have announced the military victory over Islamic State (IS) group on 23 March 2019, following a four-year battle against the group that took control over a third of Syria and Iraq. EPA/Ahmed Mardnli

Epilog

Mit dem Fall von Baghus hat der «IS» seinen letzten Rückzugsort verloren. Siegestaumel ist aber nicht angebracht. Noch immer verfügt der «IS» über ein beträchtliches Reservoir an Kämpfern, zwischen 5000 und 6000 sollen gemäss irakischen Nachrichtendiensten auf der Flucht sein, Schläferzellen nicht eingerechnet. Noch immer ist die Kriesgkasse prall gefüllt: nach Schätzungen der Vereinten Nationen zwischen 50 und 300 Millionen Dollar in Cash. Und noch immer sind die religiösen, ethnischen und ökonomischen Konflikte in der Region ungelöst. Auf diesem Nährboden kann jederzeit ein «neuer IS» gedeihen.

US-General Joseph L. Votel sagte, es handle sich nicht um eine Niederlage des «IS», sondern eher um einen kalkulierten Rückzug. Auch der Vorsitzende des kurdischen Sicherheitsrats, Masrour Barzani, gab gegenüber dem «Guardian» zu bedenken, dass der «IS» längst nicht besiegt sei: «Der ‹Islamische Staat› ist eine Ideologie, nicht ein Staat oder eine Armee». Und Ideologien überwinden Grenzen problemlos, egal wie schwerbewacht sie sind.

Ein Blick auf die Weltkarte zeigt: Der «IS» beschränkt sich längst nicht mehr auf die Region rund um den Euphrat. Mittlerweile haben sich weltweit zahlreiche Terrororganisationen dem «IS» angeschlossen oder ideologische Treue geschworen: Auf den Philippinen, in Indonesien, Westafrika, im Maghreb, Afghanistan und in der Kaukaususregion. Mit militärischen Mitteln alleine wird ihnen nicht beizukommen sein.