Libanon

Beiruts Apokalypse: «Der Zusammenbruch des Staates scheint nahe»

Die gewaltige Explosion in Beirut ist ein Schlag ins Gesicht einer gebeutelten Nation. Das Land darbt schon länger – doch jetzt vertraut der Machtelite kaum noch jemand. Guardian-Korrespondent Martin Chulov befürchtet gar den Zusammenbruch.

Die Explosion in Beirut trifft ein Land, das bereits vieles durchstehen musste: Erst brach eine Wirtschaftskrise über die Menschen herein, die schlimmste seit Ende des 15-jährigen Bürgerkrieges vor 30 Jahren. Danach hat die Corona-Pandemie die bereits missliche Lage zunehmend verschärft. Das libanesische Pfund ist abgestürzt. Grosse Teile der Bevölkerung sind unter die Armutsgrenze gerutscht.

Nach der gewaltigen Explosion am Dienstagabend drohen nun auch noch Versorgungsengpässe, Obdachlosigkeit und unzureichende medizinische Versorgung. Die Bevölkerung gibt der korrupten Machtelite die Schuld an den Missständen. Sie hätten das Land hemmungslos geplündert.

Der Libanon-Korrespondent und mehrfach ausgezeichnete Journalist Martin Chulov berichtet aus Beirut am 5. August 2020 für die britische Zeitung «The Guardian», wie die Stadt den Tag nach der Explosion durchlebt und wie aus Schock Verzweiflung und Wut entsteht:

«Beirut ist heute – am Tag nach einem der schockierendsten Ereignissen in der Geschichte der Stadt – mit einem neuen Gefühl der Verwundbarkeit erwacht.

Das Geräusch von Bergen aus Glasscherben, die von Balkonen gefegt werden und auf die Strassen stürzen, ist die Tonspur einer unheimlichen, unruhigen Nacht. Krankenwagen heulen. Bauleiter sitzen schweigend im Schatten auf Plastikstühlen. Es gibt nicht mehr viel zu schützen, und auch keinen grossen Willen dazu.

Müde Rettungskräfte stapften durch die Dunkelheit vor Tagesanbruch, einige hielten Vorschlaghämmer in der Hand, andere trugen Wasser. Ein Parkplatz im Stadtteil Gemmayze wurde in ein Triage-Center umgewandelt. An dessen Wände reihen sich orangefarbene, blutverschmierte Plastiktragen.

Während eine verwüstete Stadt langsam die Scherben aufsammelt, stellt sie sich die überwältigende Frage: Wie konnte das geschehen? Und der Tonfall, mit der diese Frage gestellt wird, gewinnt mit jeder Stunde an Schärfe. Wenn dies, wie vermutet wird, ein katastrophaler Arbeitsunfall infolge atemberaubender Fahrlässigkeit war, wer wird dann den Preis zahlen?

Politiker, die bereits vor der Tragödie einen schlechten Ruf in der Bevölkerung genossen, haben sich nun verpflichtet, Millionen von Fenstern zu reparieren, die bei der Explosion zerbrachen. Die Glaubwürdigkeit der politischen Elite ist niedriger denn je.

Die Bevölkerung wurde schon vor der Explosion von Wirtschaftskrisen, Korruption und Coronavirus heimgesucht – der Zusammenbruch des Staates scheint nahe. Nur wenige vertrauen noch auf die politische Führung des Landes, wie das Beispiel Khaled Qudsi, einem libanesischen Verkäufer, zeigt:

‹Falls einer von ihnen (Anm.d.Red. politische Elite) zur Rechenschaft gezogen wird, könnte ich meine Meinung ändern. Aber Sie können auf Ihr Leben wetten, sollte eines ihrer kommerziellen Interessen mit diesem Unfall verbunden sein, die Verantwortung verwischt und einem Strohmann die Schuld gegeben wird.›»

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