Afrikanische Union

Bis Ende Jahr soll es auf dem Kontinent keine Kriege mehr geben: Afrika will die Waffen zum Schweigen bringen

Die Afrikanische Union will einen afrikanischen Kontinent frei von Krieg.

Die Afrikanische Union will einen afrikanischen Kontinent frei von Krieg.

Bis Ende Jahr kein Krieg mehr: Das ist das Ziel der Afrikanischen Union. Auf dem Kontinent wird alle drei Minuten jemand erschossen.

Zwei Millionen: So viele Menschen wurden in Afrika allein im vergangenen Jahrzehnt erschossen. Das entspricht einem Toten alle drei Minuten. Die Afrikanische Union (AU), ein Länderbund mit 55 Mitgliedstaaten, hat sich für 2020 ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Sie will alle Kriege, Bürgerkriege, geschlechterspezifische Gewalt und Konflikte auf dem Kontinent beenden. Das ambitionierte Projekt läuft unter dem Motto «Silencing the Guns» («Die Schusswaffen zum Schweigen bringen»).

Viele Beobachter sind allerdings pessimistisch. Trotz der Fortschritte, die Afrika im Kampf gegen die Gewalt gemacht hat, sei das Vorhaben zum Scheitern verurteilt. Das «Institute for Security Studies» (ISS), eine Denkfabrik im südafrikanischen Pretoria, glaubt, die Regierungen müssten «Wunder wirken», um ihr Ziel zu erreichen.

© CH Media

Afrika konnte zuletzt einige Erfolge auf dem Weg zum kontinentalen Frieden verzeichnen. Dazu zählen der Friedensschluss zwischen Äthiopien und Eritrea, ein wiederbelebtes Friedensabkommen im Südsudan und ein Ende der innenpolitischen Krise auf Madagaskar. Trotz des Rückgangs der politischen Krisen ist die Zahl der Kampfhandlungen 2019 im Vergleich zum Vorjahr aber gestiegen. Und zwar um ein Drittel. Konfliktforscherin Gugu Dube vom ISS meint: «Die Herausforderungen, vor der die Kampagne steht, sind enorm und es ist unwahrscheinlich, dass aus diesem Jahr ein konfliktfreier Kontinent hervorgeht.»

Wenn Diktaturen Kriege verhindern sollen

Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen sind da Afrikas bekannte Grundübel wie soziale Ungleichheit, Armut und Korruption, fehlende Demokratie, Ausbeutung von Umweltressourcen, der Klimawandel und Menschenrechtsverletzungen. Zum anderen stünden sich die Diplomaten der Afrikanischen Union auf ihrem Weg zum Frieden selbst im Weg, erklärt Dube: «Die Mitgliedsstaaten haben gegensätzliche Interessen, was ihren Einsatz für die Kampagne bremst.» Eine Herausforderung sei die Überwachung der «Silencing the Guns»-Ziele: Niemand wisse recht, wann und wie sich die Staaten über ihre Aktivitäten austauschen sollten.

Darüber hinaus ignoriere der Friedens- und Sicherheitsrat der Afrikanischen Union laufend neue Konfliktherde auf dem Kontinent: Zu lange hätten die Verantwortlichen etwa beim Sprachkonflikt in Kamerun oder den ethnischen Kämpfen in Äthiopien nur zugesehen. Auch vor dem Putsch im Sudan habe der Rat die Situation erst «eskalieren lassen», ehe er einschritt. «Natürlich ist die Afrikanische Union nur so stark wie ihre Mitglieder und da einige von ihnen zutiefst undemokratisch sind, ist es unwahrscheinlich, dass sie andere Staaten für dasselbe Versagen bestrafen werden», heisst es in einem ISS-Bericht.

Neben Afrikas Regierungen sieht Dube aber auch den Westen in der Verantwortung. So seien Afrikas Friedensmissionen von der finanziellen Hilfe der Industriestaaten abhängig. Auch mit Waffen exportierenden Ländern brauche es eine bessere Zusammenarbeit, um das Problem illegaler Schusswaffen einzudämmen.

Freihandelszone zeigt: Afrika ist aufgewacht

Die Zeit drängt. Rund 60 Prozent aller Afrikaner sind 25 oder jünger. Die Gefahr sei gross, dass sie sich ohne Job oder Zukunftsaussicht einer bewaffneten Gruppe anschliessen, schätzt die Leiterin der «Silencing the Guns»-Kampagne, Aïssatou Hayatou. Ein bedeutender Teil von Afrikas 600 Millionen Jugendlichen sei arbeitslos, ungebildet oder ohne geregeltes Einkommen. «Wir müssen in wirtschaftliche Entwicklung investieren, um unsere Jugend davon abzuhalten, zu den Waffen zu greifen», sagt Hayatou.

Carine Kaneza von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch betont: «Die Kampagne ist eine wichtige Botschaft auf dem Weg der Union, die Konflikte in Afrika zu beenden.» Doch solange der Missbrauch und die Ungerechtigkeiten ignoriert würden, werde die Vision noch auf weitere Jahre ein unerfüllter Traum bleiben.

Vom Ziel, ein friedlicher Kontinent zu werden, ist Afrika weit entfernt. Dennoch sieht die Denkfabrik ISS Hoffnung: Durch die jüngste Schaffung einer kontinentalen Freihandelszone hätten Afrikas Regierungschefs bewiesen, dass sie länderübergreifend Probleme lösen könnten. «Wenn sie diesen Zusammenhalt wiederholen, könnten die Prognosen 2021 besser stehen als in diesem Jahr», schreibt die Denkfabrik.

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