Urlaub

Bis zu 40 Euro für ein Plätzchen am Meer: Jetzt will Brüssel den Lidos an den Kragen

Für die Italiener machen die geometrisch ausgerichteten Sonnenschirme und eine gute Infrastruktur den Reiz des Strandlebens aus.Thinkstock

Für die Italiener machen die geometrisch ausgerichteten Sonnenschirme und eine gute Infrastruktur den Reiz des Strandlebens aus.Thinkstock

Öffentliche Bezahlstrände sind nach EU-Recht neuerdings illegal, da sie nicht mit den EU-Wettbewerbsvorschriften kompatibel seien – doch wen kümmert das schon?

Sergio begrüsst seine Gäste mit einem jovialen «ciao amico mio». Er meint das so, wie er es sagt: Wer sich beim 54-jährigen Lido-Betreiber unter den Sonnenschirm legt, wird nicht als Kunde, sondern als Freund betrachtet.

Sergio erkundigt sich erst einmal nach dem Befinden, nach der Familie und dem Job, anschliessend sucht er für die Neuankömmlinge persönlich einen passenden Platz in einer der beiden Sonnenschirm-Reihen vor seiner Strandbar.

«Meine Gäste suchen Ruhe, Genuss und Erholung, und das sollen sie bei mir finden», umschreibt Sergio seine Geschäftsphilosophie. Zum Genuss gehört auch die Verpflegung: Am Mittag steht der Autodidakt selber in der Küche.

Zu Sergios Spezialitäten gehören die «Bruschette con le telline», Toastbrote mit kleinen Tellmuscheln, die von einem Bekannten am frühen Morgen aus den Sandbänken vor dem Strand geholt werden.

Sergios Lido «Il Selvaggio» («der Wilde») befindet sich im Badeort Sperlonga, auf halbem Weg zwischen Rom und Neapel gelegen.

Impressionen des italienischen Küstenörtchens Sperlonga

Impressionen des italienischen Küstenörtchens Sperlonga

Er ist nur zu Fuss oder mit dem Fahrrad erreichbar – der vielleicht schönste Lido des Ortes: Nach Sergios letztem Sonnenschirm beginnt ein mehrere Kilometer langer freier Strand, in die andere Richtung blickt man auf die malerische Kulisse von Sperlonga, hinter der Strandbar liegen Dünen und ein See, der Lago Lungo. Und bei klarem Wetter sind am Horizont die Pontinischen Inseln zu erkennen: Ponza, Palmarola und Ventotene.

Ein krisenresistentes Gewerbe

Die «stabilimenti balneari», die kostenpflichtigen Badeanstalten wie das «Selvaggio» von Sergio, sind der Inbegriff der italienischen Strandkultur. Und sie sind in Italien wohl jenes Gewerbe, das in der jahrelangen Krise die wenigsten Einbussen verzeichnen musste.

Einzelne Gäste, berichtet Sergio, verzichten seit dem Ausbruch der Krise im Jahr 2008 vielleicht einmal auf die «Bruschette», die «Spaghetti alle vongole» oder die «Mezzemaniche allo scoglio» in seinem Restaurant und nehmen stattdessen ein Picknick von zu Hause mit.

Aber auf den Sonnenschirm und die zwei oder drei dazu gemieteten Strandliegen mag niemand verzichten. «Der Strandurlaub ist heilig in Italien», betont Sergio, und im August heisse es von Turin bis Palermo: «Tutti al mare!»

Was man in anderen Ländern in der Regel nur an Hotelstränden sieht – Hunderte von geometrisch ausgerichteten Sonnenschirmen in mehreren Reihen – macht für die geselligen Italiener mit ihrem ausgeprägten Familiensinn gerade den Reiz des Strandurlaubs aus.

Im Lido finden sie den Trubel und die Betriebsamkeit, die Langeweile erst gar nie aufkommen lassen. Ausserdem stehen mit Duschen, Umkleidekabinen und einem Restaurant diejenigen Infrastrukturen zur Verfügung, die das Strandleben erst lebenswert machen.

«Der Strand ist Laufsteg, Galerie, Fitness-Studio, Restaurant, Markt, Labor, Sauna, Lesesaal, Meditationsraum und Liebesnest in einem. Ein Schauplatz, an dem die italienische Familie demonstriert, dass sie sich selbst genug ist», versucht der Publizist Beppe Severgnini in seiner Essaysammlung «Überleben in Italien» die magische Anziehungskraft der «stabilimenti» auf seine Landsleute zu erklären.

Schatten über Sergios Paradies

Und so ist «Il Selvaggio» auch in diesem August wieder ausgebucht – genauso wie die übrigen Badeanstalten des Ortes. Dabei sind die Preise zumindest in der Hochsaison durchaus happig: 20 bis 40 Euro bezahlt man in Sperlonga für einen Sonnenschirm und zwei Liegen pro Tag. Eine Saisonkarte ist für 1200 bis 2000 Euro zu haben.

Reich werde er trotzdem nicht mit seinem «stabilimento», sagt Sergio. Der grösste Teil des Jahresumsatzes der Bezahlstrände falle in einem einzigen Monat an, im August.

Hinzu kommen noch die deutlich geringeren Einnahmen aus dem Juli und dem September. Das müsse für ihn und seine fünf Angestellten – «alles Verwandte und Freunde» – für das ganze Jahr reichen. «Das Finanzielle ist mir aber ohnehin nicht so wichtig, ich wollte mir hier einfach mein kleines Paradies schaffen, und das ist mir gelungen», sagt Sergio.

«Der Strandurlaub ist heilig in Italien.»

Sergio, Betreiber des Lido «Il Selvaggio»:

«Der Strandurlaub ist heilig in Italien.»

Über das Paradies hat sich in diesem Jahr, kurz vor der Hochsaison, ein Schatten gelegt: Mitte Juli hat der Europäische Gerichtshof entschieden, dass die italienische Bewilligungspraxis für die «stabilimenti balneari» nicht mit den EU-Wettbewerbsvorschriften kompatibel sei.

Die bisherige automatische Verlängerung der staatlichen und kommunalen Konzessionen für die Strandbetreiber verletze die Bolkestein-Richtlinie, wonach staatliche Dienstleistungen und Konzessionen regelmässig öffentlich ausgeschrieben werden müssen.

Mit anderen Worten: Die 30'000 Bezahlstrände Italiens, die insgesamt rund 300'000 Saisonarbeitskräfte beschäftigen, sind nach EU-Recht eigentlich illegal.

Der Gerichtsentscheid hat in den «stabilimenti» für erhebliche Aufregung gesorgt: Die meisten Lido-Betreiber haben ihr Vermögen und die Gewinne in den Auf- und Ausbau ihres Bezahlstrands gesteckt – und nun sollen sie diesen womöglich demnächst an einen ausländischen Investor abtreten, der dem Staat ein besseres Angebot macht?

Typisch italienische Lösung

Um einen Aufstand an den Stränden zu vermeiden, hat die Regierung von Matteo Renzi die illegale Situation mit einem Ad-hoc-Dekret kurzerhand für rechtens erklärt. Die Konzessionen für die Strandbäder sollen nach den Sommerferien durch ein neues Rahmengesetz geregelt werden.

Dabei ist eine typisch italienische Lösung zu erwarten: Sie wird darauf hinauslaufen, dass der Buchstabe der Bolkestein-Richtlinie künftig nicht mehr verletzt wird, aber die Lido-Besitzer dennoch an ihren angestammten Stränden bleiben können.

Sergio nimmt die Sache nach dem ersten Schreck jedenfalls wieder gelassen. Er vertraut auf den «gesunden Menschenverstand» der Regierung: «Wir zahlen hohe Steuern und die Konzessionsgebühren – da kann man doch nicht gleichzeitig illegal sein.»

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