Grossbritannien

Britannien weint, Ariana singt, Trump vereint

Pop-Stars Ariana Grande und Miley Cyrus vorgestern in Manchester.Dave Hogan/EPA/Key

Pop-Stars Ariana Grande und Miley Cyrus vorgestern in Manchester.Dave Hogan/EPA/Key

Die Engländer verarbeiten den dritten Terroranschlag in drei Monaten mit Konzerten und spöttischen Tweets.

Seit 2014 stuft die britische Regierung die Gefahr für terroristische Anschläge als «höchst wahrscheinlich» ein. Wie ernst Polizei und Bevölkerung diese Warnung nehmen, zeigt sich immer wieder: Wer am Bahnhof einen Koffer kurz aus den Augen lässt, muss sich scharfe Fragen von der Polizei oder Passanten gefallen lassen. Ähnliche Szenen sind in der U-Bahn gang und gäbe: Bei vermeintlich herrenlosem Gepäck verlieren die Londoner ihre sonst sprichwörtliche Gelassenheit, sind selbst fröhlich Angetrunkene binnen Sekunden stocknüchtern.

Schnelles Umschalten von Feierlaune auf Alarmstimmung – das war am Samstagabend auch in den Pubs rund um den Londoner Borough Market gefragt. Dort ereignete sich das dritte Attentat binnen drei Monaten in Grossbritannien, zu dem sich der Islamische Staat bekannte. Wie bei den Anschlägen in Nizza (Juli 2016), Berlin (Dezember 2016) und Jerusalem (Januar 2017) war das Mordinstrument auch in London wieder ein Fahrzeug. Mit einem Kleinlastwagen war ein Islamisten-Trio kurz nach 22 Uhr auf den Gehsteig der London Bridge gefahren und hatte Passanten umgefahren. Als das Gefährt zum Stehen kommt, attackieren die drei Attentäter mit grossen Messern wahllos Pub-Besucher und Spaziergänger. «Das ist für Allah», riefen sie.

Acht Beamte eines Spezialkommandos beendeten das Massaker: Mit 50 Kugeln aus ihren Maschinenpistolen erschossen sie die drei Täter. Sieben Menschen haben die Terroristen bis zu diesem Zeitpunkt getötet, Dutzende verletzt. Gestern Montag schwebten noch immer acht Patienten in Lebensgefahr. Schweizer sind keine unter den Opfern.

Premierministerin Theresa May kündigte daraufhin an, den radikalen Islamismus in der britischen Gesellschaft «ausrotten» zu wollen. Sie stellte einen Vier-Punkte-Plan vor, mit dem die Terrorgefahr im Land bekämpft werden soll.

Geheimdienste waren vorgewarnt

Von einem der Attentäter weiss man, dass ein Bekannter ihn vor zwei Jah- ren bei der Hotline des Geheimdienstes meldete. «Wir sprachen über einen Anschlag», berichtet der Zeuge der BBC. «Und er entschuldigte einfach alles. Das war mir unheimlich.» Die Behörde habe den Hinweis entgegengenom- men, passiert sei nichts.

Die Aussage erinnert an die Schilderungen von Bekannten des Islamisten Salman Abedi. Der Brite libyscher Herkunft zündete vor zwei Wochen nach dem Konzert von US-Popstar Ariana Grande im Foyer der Arena-Konzerthalle in Manchester eine Bombe und riss 22 Menschen in den Tod. Auch sein Vater, so legen es Recherchen britischer Journalisten nahe, war den Geheimdiensten als Mitglied einer islamistischen Oppositionsgruppe bekannt.

Am vergangenen Sonntag trat Ariana Grande erneut in Manchester auf, zusammen mit anderen Pop-Grössen wie Miley Cyrus, Take That oder Pharrell Williams. Der Gig «One Love» vor 50 000 Zuschauern soll zur Heilung und Versöhnung der Stadt beitragen, der Erlös kommt Terror-Opfern zugute. Es gab viele Tränen und viel Beifall für die Star- Appelle, sich vom Terrorismus nicht den Lebensstil verderben zu lassen.

Trump vereint die Briten

Und dann meldete sich auch noch US-Präsident Donald Trump zu Wort. Er kritisiert Londons Bürgermeister Sadiq Khan für dessen Äusserung, es gebe «keinen Grund zur Aufregung». In der unsicheren Situation kam den Briten der motzende Trump als gemeinsames Feindbild gerade recht. Binnen Minuten sprangen sie ihrem muslimischen Bürgermeister zur Seite. Trumps Twitter-Mitteilung enthalte ein falsches Zitat, erwiderte beispielsweise eisig der Chefredaktor der «Financial Times»: In Wirklichkeit habe Khan nur davon gesprochen, die Hauptstädter würden in den nächsten Tagen «mehr bewaffnete Polizei auf den Strassen» sehen. Khan habe in diesem Zusammenhang von Aufregung abgeraten. Auch die Autorin der Harry-Potter-Bücher, Joanne Rowling, gab dem US-Präsidenten eine verbale Klatsche: «Sollten wir einen Panik verbreitenden Angeber brauchen, melden wir uns.»

Der von Trump Angegriffene Khan wiederum reagiert ganz cool. Er liess ausrichten, er habe «Wichtigeres zu tun», als auf die schlecht informierten Tweets aus dem Weissen Haus zu reagieren. Einen kurzen Moment hielt die Nation dann noch den Atem an, als Washington verkündete, der US-Präsident erwäge noch diese Woche einen Blitzbesuch in London. Diese Woche? Wenn am Donnerstag das neue Unterhaus bestimmt wird? So dämlich kann doch nicht einmal Donald Trump sein, oder? Tatsächlich folgt wenig später die Entwarnung. Er komme nicht, liess Trump verlauten. Schade, seufzten die Briten auf Twitter: «Das hätte die Nation endlich einmal wieder vereint.»

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