Es war ein hämischer Tweet, den der Brüssel-Korrespondent des deutschen Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» kürzlich absetzte: «Verkehrsinfarkt vor EU-Gipfel: Brüsseler Zentrum wegen maroder Tunnel und Brücken bald nur noch per Helikopter erreichbar» – Doch wie so oft liegt auch dieser Neckerei ein wahrer Kern zugrunde: Die EU-Hauptstadt hat ein Problem mit ihrer zunehmend maroden Infrastruktur.

Beispiel Brücken: Für mehrere Tage war das an der zentralen Einfallsstrasse gelegene Herrmann-Debroux-Viadukt vergangene Woche gesperrt. Experten hatten bei einer Routine-Überprüfung gravierende Mängel an der Statik festgestellt. Die Folge der Sperrung waren Autoschlangen bis in die Vororte zurück und Tausende genervte Pendler.

Über 80 Stunden im Stau

Es ist aber nicht so, dass diese es sonst schon einfach hätten. Zur Rushhour kommt die belgische Kapitale beinahe täglich an den Rand des Verkehrskollapses. Mit 83 Stunden im Jahr verschwenden Brüsseler am meisten Lebenszeit aller Europäer wartend im Auto. Die notorische Verkehrsverstopfung liegt neben einem wenig entwickelten Nahverkehrskonzept auch an den baufälligen Tunnels, welche seit den 50er-Jahren zuhauf in den Boden getrieben wurden und den Individual-Verkehr in den Untergrund verlegen sollten. Nachdem im vergangenen Jahr ein Stück der Betondecke im stark befahrenen Stéphanie-Tunnel auf die Fahrbahn krachte, ergab eine Inspektion, dass etliche dieser Bauwerke dringendst saniert werden müssen. Immer wieder werden die neuralgischen Tunnels nun kurzfristig gesperrt.

Über Tage sieht es kaum besser aus. Anfang September klaffte im Bezirk Saint-Josse-ten-Noode ein 36 Quadratmeter grosses Loch in der Strasse, das locker mehrere Autos hätte verschlingen können. Es ist längst nicht das einzige seiner Art. Immer wieder tun sich in Brüssel grössere und kleinere Abgründe auf, weil wegen brüchiger Wasserleitungen das zugrunde liegende Erdreich kontinuierlich weggespült wird. Viele der Wasserrohre sind über hundert Jahre alt und in dementsprechend schlechtem Zustand.

Streitigkeiten der Behörden

Es ist nicht so, dass in Brüssel bald der Katastrophenzustand ausgerufen werden müsste. Die 1,4 Millionen Einwohner zählende Metropole ist eine quirlige, lebenswerte Stadt und das öffentliche Leben funktioniert im Allgemeinen relativ ungehindert. Das mangelhafte Infrastrukturmanagement weist vielmehr auf Reibungsverluste in der komplizierten Behördenstruktur hin. Streitigkeiten, ob die Finanzierung auf regionaler, kommunaler oder föderaler Ebene zu geschehen hat, verzögern notwendige Investitionen oft so lange, bis es zu spät ist.

Dazu kommen nach Ansicht von Beobachtern unfähige Politiker. «Wie lange müssen wir die Inkompetenz der Verantwortlichen noch ertragen?», fragt etwa die Zeitung «La Libre Belgique» im Nachgang zum Verkehrs-Chaos vergangener Woche. Und auch «Le Soir» meint, dass die Politiker sich zuweilen wie kopflose Hühner aufführen würden, ohne Zukunftsvision seien und sich die Verantwortung einfach gegenseitig zuschöben.

Nachholbedarf bei der Infrastruktur ist aber längst kein typisches Brüsseler Problem. Im ganzen Land könnte mehr investiert werden. Symptomatisch dafür stehen die störungsanfälligen Atomkraftwerke in Doel und Tihange, die seit Jahren für Negativschlagzeilen sorgen. Die Nachbarländer Niederlande und Deutschland hatten schon verschiedentlich die Abschaltung der über 40 Jahre alten Meiler gefordert.

Auch dem Streckennetz der Bahn täte eine Modernisierung gut. Es gehört zu den dichtbefahrensten in ganz Europa und der Betrieb läuft am Anschlag, was nicht zuletzt zu Engpässen im internationalen Güterverkehr führt.