Kolumne

Corona-Virus: Ansteckung beim Gottesdienst

Kolumne zum Umgang mit dem Corona-Virus in Südkorea.

Wenn ein bisher unbekanntes Virus im Land ausbricht, dann ist die südkoreanische Shincheonji Sekte der schiere Albtraum eines jeden Epidemiologen: Dicht gedrängt sitzen die Anhänger bei ihren Gottesdiensten auf dem Boden, selbst bei Fiebersymptomen dürfen sie keine – wie sonst in Ostasien üblich – Gesichtsmasken tragen.

Nach der Messe ziehen die Mitglieder des religiösen Kults auf die Strasse, um zu missionieren – oder möglicherweise das Corona- Virus zu verbreiten. So hat es offensichtlich auch eine 61-jährige Südkoreanerin getan, die in den heimischen Medien nur als «Super Spreader» bezeichnet wird: Mindestens 40 Menschen soll sie angesteckt haben. Nur durch Zufall ging sie am 7. Februar ins Spital, als sie Opfer eines leichten Verkehrsunfalls wurde.

Nachdem sie am nächsten Tag Fiebersymptome entwickelte, wollten sie die Ärzte für einen Virustest in eine grössere Klinik transferieren, doch die Südkoreanerin weigerte sich – und ging stattdessen in ihrer Shincheonji-Gemeinde weiterhin zu Gottesdiensten mit mehr als 1000 Teilnehmern. Die Anhänger der Shincheonji Sekte und ihre direkten Verwandten machen mittlerweile über zwei Drittel aller 2004 in Südkorea erfassten Fälle aus.

Mehr als 400 weitere Sektenanhänger gaben an, mögliche Symptome des Corona- Virus zu zeigen. Noch alarmierender: Laut den Regierungsbeamten fehlt von 340 Shincheonji-Mitgliedern nach wie vor jede Spur; anscheinend sind sie untergetaucht. Laut dem südkoreanischen Onlinemedium «Newsis» soll Shincheonji in Wuhan, dem Epizentrum des Virus, ebenfalls im letzten Jahr eine Kirche eröffnet haben.

Der 88-jährige Südkoreaner Lee Man-hee gilt als Gründer des Kults, der unter anderem Erkrankungen als Bestrafungen Gottes für frühere Sünden predigt. Selbst nachdem der erste Fall in den eigenen Reihen bekannt wurde, hat ein Anhänger von Shincheonji eine verstörende Gruppennachricht verschickt: Man solle weiterhin in kleinen Gruppen missionieren gehen und vor den Behörden die Mitgliedschaft zur Sekte verheimlichen.

«Der Virusausbruch ist das Werk des Teufels», heisst es in der Botschaft. Die Reaktion der südkoreanischen Behörden ist rigide, schliesslich wurde das Land 2015 von einer starken MERS-Epidemie mit über 80 Toten getroffen. Die Kindergärten werden geschlossen, ebenso Bibliotheken und Altersheime. In Seoul, das bekannt ist für seine lebhafte Protestkultur, wurden sämtliche Demonstrationen verboten.

In der südlichen Stadt Daegu, die am stärksten betroffen ist, hat die Stadtregierung die Bewohner dazu angehalten, in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Noch vor wenigen Tagen gingen die Behörden davon aus, dass sie das Virus allmählich unter Kontrolle bekommen. Seither hat sich die Anzahl an Infizierten jedoch verdreifacht.

Am Donnerstag folgte eine zweite Hiobsbotschaft: Ein Militär der Marine hat sich auf der südkoreanischen Insel Jeju ebenfalls infiziert – wahrscheinlich auch vom «Super Spreader» in Daegu, wo auch der junge Mann auf Familienbesuch war. Seither geht die Angst um, dass das Virus sich auch in den Militärbaracken weiter ausgebreitet haben könnte.

Die Armee hat bekanntgegeben, vorerst keine Soldaten mehr aus der Stadt Daegu zu rekrutieren. Nordkorea hingegen hat die mit Abstand drastischsten Massnahmen ergriffen: Nicht nur ist die Landesgrenze zu China seit Wochen hermetisch kontrolliert, sondern auch die Diplomaten und Botschaftsmitarbeiter im Land stehen derzeit unter Quarantäne.

In der Donnerstagsausgabe warnt die Zeitung der nordkoreanischen Arbeiterpartei «Rodong Sinmun», dass nur ein einziger Virusfall im Land «unvorstellbare Konsequenzen» nach sich ziehen würde. Nordkorea hat eines der unterentwickeltsten Gesundheitssysteme der Welt.

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