Coronakrise

«Coronavirus-Tote werden heimlich in der Nacht beerdigt» – wenn die Massnahmen gegen das Virus schlimmer sind als die Pandemie

Bestattungsbeamte in Schutzkleidung beerdigen ein Coronavirus-Todesopfer auf dem Langata-Friedhof in Nairobi, der Hauptstadt Kenias. (Symbolbild.)

Bestattungsbeamte in Schutzkleidung beerdigen ein Coronavirus-Todesopfer auf dem Langata-Friedhof in Nairobi, der Hauptstadt Kenias. (Symbolbild.)

Das Coronavirus erreicht mit zunehmender Geschwindigkeit den afrikanischen Kontinent. Auch wenn die offiziellen Infektionszahlen vielerorts noch überschaubar sind, stellt sich ein weiteres Problem: Die Menschen werden sich selbst überlassen.

Es sind besorgniserregende Zeilen, welche die US-Botschaft in Dar es Salaam, der grössten Stadt Tanzanias, am Dienstag in einer Depesche an das US-Aussenministerium verfasst hat. Darin schreibt die Botschaft etwa, dass es zunehmend Hinweise gebe, dass die Coronavirus-Situation im ostafrikanischen Land Tanzania zunehmend aus dem Ruder laufe. Ansteckungen und Todeszahlen seien viel höher, als offiziell angegeben.

Es gebe bestätigte Hinweise und Videos, dass «Corona-Tote von Bestattungsbeamten in Schutzkleidung heimlich in der Nacht beerdigt werden». Dies, obwohl nach offiziellen Angaben der Regierung in Tanzania bis anhin 21 Menschen am Coronavirus starben.

Doch das stimme nicht, sagen angestellte von Spitälern in Dar es Salaam gegenüber der kanadischen Tageszeitung The Globe and Mail. «Es sind nicht 21 Tote. Es sind Hunderte», werden Pflegekräfte zitiert. «Tote mit Coronavirus-Symptomen müssen auf Geheiss der Regierung aus ‹Sicherheitsgründen› eingeäschert werden, auf den Totenschein müssen wir dann aber ‹Herzstillstand› schreiben», zitiert die Zeitung weiter.

Gleiches Bild bestätigt auch die US-Botschaft in ihrem Schreiben: «Die Spitäler in Dar es Salaam wurden während der letzten Wochen komplett überrannt und überwältigt.» Die Versorgung in den Spitälern sei wegen der Corona-Pandemie mittlerweile lebensgefährlich schlecht und die Chance, in den Strassen von Dar es Salaam an Coronavirus zu erkranken sei «extrem hoch». «Alle Hinweise deuten darauf hin, dass sich die Situation in Tanzania exponentiell schnell verschlechtert».

Auszüge aus dem Dokument der US-Botschaft:

Ähnliche Nachrichten kommen auch aus Kenia. Dort mussten die komplette Altstadt der Küstenstadt Mombasa und das ganze Viertel «Eastleigh» mit 100'000 Bewohnern in der Hauptstadt Nairobi, deren Bürger seit Tagen ohne fliessendes Wasser auskommen müssen, wegen einer «exponentiellen Häufung an Covid-19-Erkrankungen» abgeriegelt werden. Dies, obwohl es landesweit – zumindest offiziell – nur 740 Infizierungen gibt.

Papaya, Ziege und Öl positiv auf Coronavirus getestet

Einen Teil der Depesche hat die US-Botschaft nun als Sicherheits-Warnung auf ihrer Website hochgeladen – auch solch ein Schritt ist ungewöhnlich, da es Botschaften nur sehr selten wagen, ihr Gastgeberland direkt und öffentlich zu kritisieren. Darin steht, dass die US-Botschaft in Tanzania ihr Personal angewiesen habe, ihre Häuser nicht mehr zu verlassen und anderen Menschen den Zutritt zu ihren Häusern strikt zu limitieren, da sich die Situation weiter drastisch verschlechtere.

Tanzania: Aufstrebende Wirtschaft mit vielen Problemen

Mit mehr als 56 Millionen Einwohnern ist Tanzania an der Ostküste Afrikas ein relativ dicht besiedeltes Land, mit Dar es Salaam als grösster Stadt und Dodoma im Landesinneren als Hauptstadt. Während der letzten Jahre verzeichnete das Land einen grossen wirtschaftlichen Aufschwung mit durchschnittlich 6 bis 7 Prozent Wachstum pro Jahr. Das Land kämpft jedoch weiterhin mit grossen sozialen Problemen: So leben rund 27 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Auch HIV (4.7 Prozent der Bevölkerung) und die Kinderehe (40 Prozent aller Mädchen vor dem 18. Altersjahr) sind grosse Probleme im Land.

Mit mehr als 56 Millionen Einwohnern ist Tanzania an der Ostküste Afrikas ein relativ dicht besiedeltes Land, mit Dar es Salaam als grösster Stadt und Dodoma im Landesinneren als Hauptstadt. Während der letzten Jahre verzeichnete das Land einen grossen wirtschaftlichen Aufschwung mit durchschnittlich 6 bis 7 Prozent Wachstum pro Jahr. Das Land kämpft jedoch weiterhin mit grossen sozialen Problemen: So leben rund 27 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Auch HIV (4.7 Prozent der Bevölkerung) und die Kinderehe (40 Prozent aller Mädchen vor dem 18. Altersjahr) sind grosse Probleme im Land.

Und dies, obwohl die Regierung des Landes offiziell nur 480 Coronavirus-Erkrankungen bestätigt hat. Mehr Fälle gibt es nach Ansicht von Präsident John Magufuli nicht. Nur: Bis anhin wurden im ganzen Land gerade mal 652 Verdachtsfälle getestet. Und davon waren 76 Prozent positiv. Das war am 28. April. Und dieser hohe Prozentsatz gefiel dem Präsidenten nicht.

Um zu beweisen, dass die von der WHO zertifizierten Coronavirus-Tests nicht funktionieren, liess der Präsident Tanzanias eine Papaya, eine Ziege und Öl auf Coronavirus testen. Alle Tests waren positiv – so sagt es zumindest die Regierung. Als Reaktion wurde die Leiterin des nationalen Labors entlassen und das einzige Testlabor im Land geschlossen. Das war am 29. April. Und seit dann wurden keine neue Coronavirus-Zahlen mehr veröffentlicht.

Ein Toter liegt mitten auf der Strasse im Zentrum von Dar es Salaam. Das Todesopfer wurde später positiv auf Coronavirus getestet.

Ein Toter liegt mitten auf der Strasse im Zentrum von Dar es Salaam. Das Todesopfer wurde später positiv auf Coronavirus getestet.

Dies sei Anlass zur Sorge, sagt Costantine Nyambajo, der als nationaler Koordinator für das Hilfswerk Terres des Hommes Schweiz in Tanzania arbeitet. «Da die Zahlen vor dem 29. April stark zugenommen haben, müssen wir davon ausgehen, dass die Infektionszahlen weit höher sind als offiziell bekannt.»

Weder Geld noch Nahrung für betroffene Menschen

Dazu komme, dass man nur Tests in den Grossstädten Dar es Salaam und Arusha sowie auf der Badeferien-Insel Zanzibar durchgeführt habe. Der restliche Teil des Landes gehe dabei vergessen, da dafür schlicht keine Daten verfügbar seien.

Nyambajo erklärt, dass das Land seinen ersten Fall am 15. März verzeichnet und die Regierung daraufhin gut und auch schnell reagiert habe. «Internationale Flüge wurden gestrichen, grosse Versammlungen sind abgesagt und die Schulen und Universitäten bleiben geschlossen. Doch die Massnahmen werden nicht strikt umgesetzt.» So sind zum Beispiel Gottesdienste im ganzen Land weiterhin erlaubt, weil der Präsident glaube, dass beten das Coronavirus besiegen könne.

Für viele Menschen sei dies verwirrend, da sie unterschiedliche Informationen von der Regierung bekommen würden, «treffen darf man sich nicht, aber die Kirchen sind am Sonntag trotzdem voll».

Erschwerend komme für die Menschen hinzu, dass die Regierung kaum Hilfe und Unterstützung bieten könne. «Der Staat hat den Bildungssektor geschlossen und den informellen Sektor (Tagelöhner, Anm. d. Red.) faktisch heruntergefahren. Doch staatliche finanzielle Hilfe oder Lebensmittel erhalten die Menschen nicht», sagt Costantine Nyambajo.

Die Menschen müssten nun selber schauen, wie sie über die Runden kommen würden. Doch oft ist das Problem: Wer nicht arbeitet, kann sich auch nichts zu essen kaufen.

Trotz Versammlungsverbot: Dicht gedrängt stehen diese Frauen im Kibera Slum Schlange, um sich Lebensmittel zu kaufen.

Trotz Versammlungsverbot: Dicht gedrängt stehen diese Frauen im Kibera Slum Schlange, um sich Lebensmittel zu kaufen.

Problematisch sei dies auch für Hilfswerke wie Terres des Hommes Schweiz, das vor Ort mehrere Projekte für Jugendliche unterstützt. «Der Staat kann den Menschen nicht helfen und wir dürfen den Menschen im Moment auch nicht mehr helfen, da die Arbeit von vielen Hilfsorganisationen wegen des Versammlungsverbots eingestellt werden musste. Wir können den Menschen also nur in sehr eingeschränktem Masse helfen, obwohl wir eigentlich gerne mehr tun wollen und Unterstützung im Moment so zwingend notwendig ist.»

Teenager-Schwangerschaften könnten wegen Corona-Krise noch weiter ansteigen

Die Erklärung der Regierung indes ist einfach: Da man keinen Lockdown verhängt habe, müsse man den Menschen auch keine Unterstützung anbieten. Und ein Lockdown wird es in Tanzania kaum geben. Denn im Herbst dieses Jahres finden Gesamterneuerungswahlen statt und das BIP steigerte sich im vergangenen Jahr laut Angaben der Weltbank um 5.4 Prozent. Die Wirtschaft nun im letzten Jahr der Legislatur so drastisch zu schwächen, dürfte kaum im Interesse der Regierung sein.

Probleme, wie etwa die hohe Anzahl an Teenager-Schwangerschaften, könnten durch die Corona-Krise noch gravierender werden.

Probleme, wie etwa die hohe Anzahl an Teenager-Schwangerschaften, könnten durch die Corona-Krise noch gravierender werden.

Die Probleme der Menschen würden in der aktuellen Situation so von der Regierung oft nicht beachtet oder vernachlässigt werden, sagt der 19-jährige Frank Deus, er ist Delegierter im Youth Network von Terre des Hommes Schweiz in Tanzania. «Die Regierung hat alle Schulen geschlossen und die Kinder nach Hause zu den Eltern geschickt. Doch die können teilweise nicht mehr arbeiten. Wer also soll die Kinder nun ernähren?»

Solche Fragen würden viele Jugendliche beschäftigen, zu denen er Kontakt habe, sagt Deus. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen sei wichtig und werde oft von Hilfsorganisationen übernommen, doch die dürften im Moment ja kaum noch ihren gewohnten Aktivitäten nachgehen. Das führe dazu, dass die in vielen Bereichen aktuell schon schwierige Situation durch die Anti-Corona-Massnahmen noch verschlimmert werde.

«Wir müssen wohl davon ausgehen, dass sich die Teenager-Schwangerschaften nach der Corona-Krise noch weiter erhöhen werden, dabei liegen sie schon jetzt bei 27 Prozent aller Mädchen unter 19 Jahren, die mindestens ein Kind haben», erklärt Deus. (Die Zahl der Teenager-Schwangerschaften steigt mit zunehmendem Alter drastisch an. So haben 4 Prozent aller 15 jährigen Mädchen bereits mindestens ein Kind und 57 Prozent aller 19 jährigen Mädchen wurden bereits mindestens einmal Mutter. Im Schnitt beträgt die Rate dann 27 Prozent. Anm. d. Red.)

Auch würden viele Organisationen im Land davon ausgehen, dass sich auch die HIV-Rate, die momentan bei 4.7 Prozent aller 15 bis 49 Jährigen liegt, und die Zahl an sexuellen Übergriffen gegenüber Frauen, durch die Corona-Massnahmen erhöhen würden – und dies, obwohl die Zahlen sonst schon in jedem «normalen» Jahr ansteigen, wie die Weltbank schreibt.

«In Zukunft wird dies für unsere Wirtschaft aber auch im sozialen Bereich für grössere Probleme sorgen, wenn die Probleme mit denen unser Land –abgesehen von Corona – sonst schon zu kämpfen hat, einfach vergessen werden», sagt Deus.

Aus diesem Grund versuchen er und weitere Mitglieder des Youth Network, junge Menschen über die sozialen Medien zu erreichen und diese so über das Coronavirus und weitere Probleme zu informieren. «Hilfswerke dürfen ihre Arbeit auf der Strasse im Moment nicht mehr verrichten, also müssen wir es über WhatsApp, Facebook oder Instagram versuchen.»

Und dies sei wichtig, sagt Deus. «Wir dürfen wegen Corona nicht alles andere vergessen, das unser Land beschäftigt. Sonst sind die Folgen der Corona-Massnahmen schlimmer als die Pandemie selber.»

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