Maria rennt über die grauen Steine am Strand. Auf dem Parkplatz reisst die junge Griechin die Türe des gelben Pick-ups auf, sucht zwischen Schwimmbrettern nach einem Seil. Auf dem Meer blasen die Menschen in die Trillerpfeifen ihrer Schwimmwesten.

Die Route der Flüchtlinge

Die Route der Flüchtlinge

Wie ein weit entferntes Schiffshorn klingen die Töne an der Nordküste von Lesbos. Leise, aber schrill, verzweifelt. Auf einem weiss-grauen Schlauchboot erkennt man undeutliche Gestalten, sieht, wie einige neben dem Boot im Wasser treiben.

Die Menschen schreien, winken mit den Paddeln. Ihr Boot steht still, der Motor hat aufgehört zu knattern. Das Meer kräuselt sich leicht, der Wind bläst das Boot in Richtung Türkei zurück. Dahin, wo Schmuggler die Menschen kurz zuvor in ein viel zu kleines Boot zwängten.

Hier holen griechische und spanische Rettungsschwimmer Flüchtlinge an Land:

Ein Flüchtlingsboot treibt ohne Benzin auf dem Meer

Ein Flüchtlingsboot treibt ohne Benzin auf dem Meer

Im Sommer steht die Rettungsschwimmerin Maria in Griechenland zwischen Sonnenschirmen und Badegästen. In den Wintermonaten arbeitet die junge Griechin mit den braunen Locken als Fitnessinstruktorin. Doch in diesem Jahr ist alles anders.

Statt in Athen bewegungshungrige Städter zum Schwitzen zu bringen, stürzt sich Maria Tag für Tag ins kalte Wasser. Die Bilder in den Medien brachten die 29-Jährige nach Lesbos.

«Ich war schockiert, als ich erfuhr, dass vor unserer Küste Menschen ertrinken. Als Rettungsschwimmerin kann ich gar nicht anders, als hier zu helfen», sagt sie.

Die junge Griechin bezahlt ihren Einsatz mit ihren Ersparnissen – so wie die anderen freiwilligen Helfer auch. Zu Hunderten reisen sie auf die Ägäis-Inseln oder in den Balkan, um Flüchtlingen beizustehen. Über Facebook und eine Google-Karte informieren sie sich, wo die Not am grössten ist.

Drei Helfer Porträts:

Es sind Menschen, die zu Hause einen geregelten Alltag haben: Lehrer, Köche oder kaufmännische Angestellte. Für ihre Einsätze nehmen sie Ferien, unbezahlten Urlaub oder sagen grosse Reisen ab.

Jubel und Ohnmacht
Auf der Insel Lesbos ist die Situation seit Monaten dramatisch. Obwohl sich die Wetterbedingungen verschlechtern, kommen pro Tag durchschnittlich 3300 Menschen in Booten an. Aktuell ist das Meereswasser 17 Grad kalt. Entsprechend unterkühlt sind die Flüchtlinge, wenn sie Europas Grenze passieren.

Durchnässt kommen alle an. Auf sie warten weder ein Krankenwagen noch Polizisten oder Soldaten. Weil die offizielle Hilfe versagt, versuchen unzählige Freiwillige, die humanitäre Katastrophe abzuwenden. Sie tragen Kinder aus Booten, hüllen schlotternde Menschen in Rettungsdecken, leisten medizinische Hilfe.

Die Flüchtlinge kommen nach stundenlanger Fahrt klatschnass und unterkühlt an und müssen gewärmt werden: 

Am Strand werden die Flüchtlinge betreut

Am Strand werden die Flüchtlinge betreut

Je nach Überfahrt und körperlichem Zustand betreten die Flüchtlinge Europa unterschiedlich. Einige steigen jubelnd aus, umarmen ihre Angehörigen, küssen den Boden, machen ein Selfie. Andere sacken ohnmächtig oder weinend zusammen. Es sind auffällig viele Familien mit Kleinkindern und Babys an Bord. Die meisten flüchteten aus Syrien, Afghanistan und dem Irak.

Herzinfarkt am Strand
In Lesbos werden sie von Helfern aus ganz Europa in Empfang genommen. Auch Freiwillige aus Israel, Südafrika, Argentinien oder den USA reisen extra an. So auch Mary. Die Anwältin aus Kalifornien ist ausgebildete Rettungssanitäterin.

Als eine griechische Freundin ihr von der Lage schrieb, buchte sie spontan einen Flug. Zwei Wochen steht die Mutter zweier Töchtern nun mit einem Rucksack voller Medikamente an der Nordküste. Es ist kurz vor Mittag, als sie bereits ein bewusstloses Kind und einen Mann mit Herzinfarkt medizinisch erstversorgt hat.

Weil sie weder arabisch noch Farsi spricht, sind die sprachlichen Barrieren für sie die grössten Herausforderungen. «Wir bräuchten Übersetzer. Alles lässt sich nicht in Körpersprache ausdrücken», sagt sie.

Der Einsatz sei mental schwierig, weil nichts planbar ist. Zudem beschäftigen sie Einzelschicksale. Beispielsweise die Syrerin, die in der Türkei eine ihrer Nieren verkaufte, um die Überfahrt für sich und ihre Kinder zu bezahlen. «Erst hier realisiert man, was in Europa tatsächlich los ist», sagt Mary. Die Attentate in Paris oder die Angst vor möglichen Terroristen in den Schlauchbooten seien unter den Freiwilligen hingegen kein Thema.

«Wir können die Tausenden von Flüchtlingen wegen möglicher Einzelpersonen nicht im Stich lassen. Schliesslich kämpfen wir hier für die Menschlichkeit», sagt Mary.

Neue Organisationen entstehen
Wer die unzähligen Helfer an der Nordküste beobachtet, denkt angesichts der bedruckten T-Shirts, Erste-Hilfe-Koffer oder gar Jetski an etablierte Hilfswerke. Doch der Anblick täuscht. Die Organisationen sind grösstenteils in den letzten Wochen ad hoc entstanden – die Profis hingegen sind kaum präsent.

Das ist der Grund dafür, dass sich einzelne Freiwillige zu Gruppen zusammengeschlossen haben. Sie suchten private Spender und bauten innert Kürze so etwas wie Strukturen auf.

Eine solche Gruppe richtete am Rande des Fischerdörfchens Skala Sikamineas ein improvisiertes Empfangslager mit dem Namen «Lighthouse» ein. Einer der sechs Gründer ist Mats aus Oslo. Der Skilehrer mit den langen blonden Haaren kam Anfang September als einer der Ersten nach Lesbos.

In ein paar Tagen fährt er nach Hause. Er brauche eine kurze Pause, denn er sei «sehr, sehr müde». Der Norweger steht am Eingang vom «Lighthouse». Dort bekommen die Flüchtlinge trockene Kleider, Tee, Früchte – und Babys ein Fläschchen.

Diese Woche stellten Helfer Toiletten und zusätzliche Schlafzelte auf. Wer nach zehn Uhr abends in Lesbos strandet, findet dort Unterschlupf. Alle anderen müssen zwei Kilometer ins Landesinnere zum Durchgangslager marschieren.

Wie bei anderen Teams reisen auch beim «Lighthouse» fast jede Woche neue Freiwillige an. Häufig bleiben sie nur einige Tage. Ihre Einführung beansprucht die Koordinatoren. Obwohl Mats sich Helfer wünscht, die länger bleiben, ermutigt ihn die Solidarität der Kurzaufenthalter.

«Seit ich hier bin, habe ich die Hoffnung in die Politik verloren. Die Hilfe, die wir in Lesbos leisten, ist nicht Aufgabe von Privaten. Das müssten die Staaten organisieren. Sie versagen in dieser Situation aber komplett», sagt Mats.

Einige hundert Meter weiter steht die Rettungsschwimmerin Maria bereits wieder brusttief im Wasser. Mit dem Seil aus dem Pick-up hatte ihr Team das in Seenot geratene Schlauchboot an Land gezogen.

Die Helfer hatten noch nicht einmal alle Flüchtlinge in Wärmedecken gepackt, da erspähten die Rettungsschwimmer bereits das nächste Boot. Es sollen an diesem Tag noch viele folgen.

So geht die Reise der Flüchtlinge auf Lesbos weiter. Nach Moria müssen die Flüchtlinge, um sich zu registrieren. Es gibt dort einige UNHCR-Zelte, um zu übernachten. Doch die meisten müssen im Olivenhain schlafen:

In Camp Moira verbringen die Flüchtlinge die Nächte unter freiem Himmel.

In Camp Moria verbringen die Flüchtlinge die Nächte unter freiem Himmel.

 

Die Not der Flüchtlinge ist für die Griechen auch ein Geschäft. Sie verkaufen Essen und Zelte:

Bei den «Foodtrucks» in Camp Moira gibt es Essen – gegen Geld

Bei den «Foodtrucks» in Camp Moria gibt es Essen – gegen Geld

Wer nach Athen weiter will, muss sich registrieren lassen. Hunderte warten und organisieren ihren Zugang zum Zentrum selber:

Chaos im Registrations-Zentrum

Chaos im Registrations-Zentrum

Von Athen geht die Reise weiter über den Balkan nach West-Europa.