Als ihm der Papst die Hand schütteln will, fällt der Mann vor ihm auf die Knie. Schluchzend bittet er: «Vater, gib mir Deinen Segen!» Lange legt Franziskus seine Hand auf seinen Kopf. Wenige Augenblicke darauf durchbricht eine weinende Frau die Sicherheitsabsperrungen. Sie fleht den Papst an: «Nimm mich mit!» Viele Menschen brechen in Tränen aus, strecken dem Papst hilfesuchend ihre Hände entgegen. Kinder schenken ihm selbstgemalte Bilder. Es sind Zeichnungen traumatisierter Kinder. Sie zeigen den Schrecken des Krieges und die Gefahren der Flucht.

Es waren bewegende Momente, die sich beim Besuch von Papst Franziskus auf der griechischen Flüchtlingsinsel Lesbos abspielten. Gemeinsam mit zwei geistlichen Führern der orthodoxen Kirche, dem Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomäus I., und dem Athener Erzbischof und Oberhaupt der griechischen Kirche, Hieronymos II., war der Papst am Samstag auf die ostägäische Insel gekommen.

Papst kritisiert Teil der EU-Staaten

Gegenwärtig sind etwa 4100 Flüchtlinge und Migranten auf Lesbos. Die meisten von ihnen müssen damit rechnen, im Rahmen des Rückführungsabkommens zwischen der EU und der Türkei wieder abgeschoben zu werden. Dennoch versuchte der Papst, den Menschen Mut zu machen: «Ihr seid nicht allein, Freunde, verliert die Hoffnung nicht!» Im Flüchtlingslager Moria erinnerte der Papst daran, dass die Geschichte Europas «vom Geist der Brüderlichkeit, der Solidarität und des Respekts vor der Menschenwürde geprägt» sei – eine deutliche Kritik an jenen EU-Staaten, die ihre Grenzen für die Flüchtlinge geschlossen haben.

Der bevorstehende Besuch hatte auf der Insel an den Vortagen hektische Aktivitäten der Behörden ausgelöst. Die Strassen der Inselhauptstadt Mytilini wurden gekehrt und mit Wasser abgespritzt, Grünanlagen frisch hergerichtet, Fassaden gestrichen. Medien berichteten von der «Operation Besen»: Die Regierung in Athen habe angeordnet, möglichst alle Flüchtlinge, die bis dahin frei campierten, aus dem Stadtbild verschwinden zu lassen. Das stiess auf Kritik des Inselbürgermeisters Spiros Galinos. Man dürfe wegen des Papst-Besuchs die Probleme der Insel nicht unter den Teppich kehren. «Wir sollten die Wahrheit zeigen», forderte er.

Im Flüchtlingslager Moria kamen die drei Kirchenführer mit Flüchtlingsfamilien zu einem einfachen Mittagessen zusammen. In einer gemeinsamen Erklärung der drei Geistlichen heisst es: «Die Tragödie erzwungener Migration und Vertreibung ist eine humanitäre Krise, die nach Solidarität, Barmherzigkeit, Grosszügigkeit und sofortiger Hilfe ruft.»

Papst Franziskus beliess es nicht bei Appellen, sondern nahm drei Flüchtlingsfamilien auf den Rückflug mit nach Rom.