Rudy Reichstadt

Der Anti-Verschwörungstheoretiker: Aus Angst vor Repressalien hält er die Adresse seines Büros geheim

«Conspiracy Watch»-Gründer Rudy Reichstadt.

«Conspiracy Watch»-Gründer Rudy Reichstadt.

Rudy Reichstadt spürt von Paris aus gefährlichen Falschmeldungen nach. Seine Arbeit sei ein «Kampfsport», sagt er. Gewinnen kann er kaum.

Rudy Reichstadt sitzt in seinem kargen Pariser Büro, das aus zwei Tischen und einem Berg leerer Kartonkisten besteht. Die genaue Adresse will er nicht in der Zeitung lesen. Bereits in der Vergangenheit hat er schon aggressiven Besuch von Rechtsextremen gekriegt. «Wir bewirken mit unserer Arbeit eine irrsinnige Feindseligkeit», erzählt der 39-Jährige ganz nüchtern.

Der Franzose hat sich mit seiner Organisation «Conspiracy Watch» («Beobachtungsstelle für Verschwörungstheorien») dem Kampf gegen Verschwörungstheorien verschrieben. Seine Mission sieht er darin, mit Aufklärarbeit auf der eigenen Homepage in die Debatten über allerlei gefährliche Komplott-Behauptungen einzugreifen. Mit einer Historikerin und zwei freien Mitarbeitern verfolgt Reichstadt die Szene Tag für Tag. Seine Mission versteht der Politologe nicht mehr als blosse Aufklärung, sondern als eigentlichen «Kampfsport».

Finanziert von jüdischer Gedenkstiftung

Begonnen hatte Reichstadt seine Aufspürarbeit nach den 9/11-Attacken im Jahr 2001, der Geburtsstunde zahlreicher Verschwörungstheorien rund um die Terroranschläge. Sechs Jahre später verschrieb er sich seinem Kampf hauptberuflich und gründete «Conspiracy Watch».

Auf seiner Website zeigt er unermüdlich auf, wie die Theorien sich verbreiten. «Wir wollen deutlich machen, dass diese Theorien oft von autokratischen Regimen stammen und von Verschwörungstheoretikern unkritisch weiterverbreitet werden», erklärt Reichstadt. Bis zu 200000 Klicks verzeichnet die Seite www.conspiracywatch.info jeden Monat.

Kein Wunder, dass er und sein Team inzwischen von manchen selber als Teil einer Weltverschwörung hingestellt werden. Der «Conspiracy Watch»-Gründer lacht:

Letzteres auch, weil seine Beobachtungsstelle von der Pariser Shoa-Gedenkstiftung mitfinanziert wird. Das ist wenig verwunderlich: Juden leiden am meisten unter der «complosphère», wie man in Frankreich die Verschwörungsszene nennt.

Von seinem Pariser Büro aus schaut Rudy Reichstadt derzeit vermehrt auch auf das Nachbarland Deutschland und die dortigen Coronaproteste. In den Reihen der Protestierenden, die am 4. Oktober in Konstanz ihre nächste Demonstration abhalten wollen, sieht er eine «zunehmenden Hysterisierung» durch Verschwörungstheoretiker.

Deutsche sind anfälliger als Franzosen

Dass Deutschland von diesem Phänomen stärker betroffen ist als Frankreich, hat für ihn zwei Gründe: Zum einen seien die Franzosen stärker von der Pandemie betroffen, weshalb sie die Notwendigkeit sanitärer Massnahmen eher akzeptierten. Zudem hätten die Gelbwesten in Frankreich viele Verschwörungsthesen schon 2019 vorweggenommen.

Doch auch Frankreich ist vor den Verschwörungstheoretikern längst nicht gefeit. Rund jeder vierte Franzose glaubt nach einer Umfrage des Pariser Instituts Ifop an entsprechende Theorien. Beim Brand der Notre-­Dame-Kathedrale in Paris im April 2019 etwa sind schon während des Brandes die ersten Falschmeldungen aufgetaucht. Ein halbes Jahr später hat ein Rechtsextremist die Moschee von Bayonne attackiert, «um Notre-Dame zu rächen», wie er sagte. Er hatte irgendwo gelesen, Muslime hätten die Kathedrale angezündet.

Katalysator für solche Falschmeldungen werden immer häufiger die sozialen Medien. Sie geben auch Verschwörungstheoretikern eine attraktive Plattform. Vielleicht hat es damit zu tun, dass neun Prozent der Franzosen glauben, die Erde sei eine Scheibe. «Es bleibt viel Arbeit», seufzt Reichstadt. «Sisyphusarbeit.»

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