«Die Landungen reissen nicht ab, der Notstand wird immer schlimmer», erklärte Angelino Alfano nach einer Krisensitzung im Innenministerium von Rom. Der Ansturm der Migranten auf die Küsten Italiens werde in den kommenden Monaten eher noch zunehmen. An der nordafrikanischen Küste warteten weitere 300 000 bis 600 000 Flüchtlinge darauf, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen.

Allein am Montag und Dienstag haben die italienische Marine und Küstenwache 4000 Bootsflüchtlinge aus dem Meer gerettet. Sie waren auf oft kaum seetüchtigen Schiffen unterwegs gewesen. Auf mindestens einem der Boote habe sich eine Leiche befunden, hiess es im Innenministerium.

Die italienischen Behörden sind mit der neuen Flüchtlingswelle einmal mehr völlig überfordert: Die Präfekturen Siziliens hatten schon in der letzten Woche gewarnt, dass sämtliche Auffanglager der Insel überfüllt seien.

Dasselbe gilt nun auch für die Zentren auf dem Festland. Die Polizeichefs Siziliens baten inzwischen den Zivilschutz um Zelte. Die italienische Caritas beschuldigte den Staat, die Flüchtlinge «ohne menschenwürdige Unterkunft» sich selber zu überlassen. Tatsächlich ist die geplante Erhöhung der Kapazitäten von 20 000 auf 40 000 Flüchtlingsplätze noch nicht umgesetzt. Unzählige Immigranten tauchen unter und schlafen im Freien.

Aussicht auf Rettung ist auch Anreiz

Letztes Jahr waren insgesamt 43 000 Bootsflüchtlinge in Italien angekommen; in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres waren es bereits 15 000. Von letzteren waren praktisch alle im Rahmen der Aktion «Mare Nostrum» aus dem Meer gefischt worden. Die Aktion war im vergangenen Oktober gestartet worden, nachdem bei einem einzigen Bootsunglück vor Lampedusa mehr als 300 Migranten ertrunken waren.

Im Rahmen von «Mare Nostrum» setzt Italien seither mehrere Kriegsschiffe, die Luftwaffe und Drohnen ein, um Flüchtlingsboote rechtzeitig orten zu können. Wie die bisherigen Rettungszahlen belegen, ist die Aktion ein Erfolg. Gleichzeitig scheint sich aber auch der Einwand zu bestätigen, dass die Aussicht auf Rettung einen Anreiz für die Schlepperbanden darstellt, Überfahrten praktisch bei jedem Wetter zu wagen.

Angesichts der Zehntausende von Flüchtlingen, die in den nächsten Wochen und Monaten von Nordafrika in Richtung Italien in See stechen werden, ruft Alfano Brüssel zu Hilfe: «Italien tut, was es kann; aber die EU muss uns helfen», erklärte der italienische Innenminister. Er kündigte an, dass das Thema Immigration von Italien während der im Juli beginnenden sechsmonatigen EU-Präsidentschaft die «absolute Priorität» erhalten werde. «Italien ist ein Land, das in der Lage ist, Menschen aufzunehmen. Aber die EU kann nicht einfach wegsehen und glauben, dass ein einziges Land dies alleine schafft.»

Italien fordert zusammen mit anderen Mittelmeer-Anrainerstaaten wie Spanien, Griechenland und Malta seit Jahren mehr Solidarität bei der Verteilung der Bootsflüchtlinge. Unter anderem wird eine Revision der Dublin-II-Vereinbarung verlangt, welche besagt, dass für das Asylverfahren derjenige Staat zuständig ist, in welchem der Flüchtling das erste Mal europäischen Boden betritt. Mit diesem Anliegen sind Italien und die anderen betroffenen Länder bisher immer abgeblitzt: In Brüssel ist zwar nach Tragödien wie jener vom vergangenen Oktober die Betroffenheit jeweils gross, doch ein Entgegenkommen bezüglich Dublin-II wird kategorisch ausgeschlossen.