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Die CH-Media-Auslandkorrespondenten im Bann des Virus: «Der Job ist noch einsamer geworden, als er es sonst schon ist»

Unsere Ausland-Korrespondenten berichten aus ihrem Leben während der Coronakrise.

Unsere Ausland-Korrespondenten berichten aus ihrem Leben während der Coronakrise.

Rund 40 Korrespondenten schreiben regelmässig für unsere Redaktion. Die Coronakrise hat ihren Arbeitsalltag komplett auf den Kopf gestellt. Fast alle sitzen zu Hause fest. Nur unser Mann in China konnte vergangene Woche erstmals wieder zum Coiffeur.

Sandra Weiss aus Mexiko-Stadt

«Der Präsident hält Amulette gegen das Virus in die Kameras»

Sandra Wyss, Korrespondentin für CH Media in Mexiko.

Sandra Wyss, Korrespondentin für CH Media in Mexiko.

Liebe Europäer, manchmal beneide ich euch um eure Quarantäne. Ihr wisst wenigstens, was Sache ist. Bei uns in Mexiko ist das ganz anders. Wir haben einen dieser Präsidenten, deren Beitrag im Kampf gegen Corona darin besteht, Amulette in die Kameras zu halten und Kinder zu herzen. Wir haben aber auch panische Ärzte und Bürgermeister, die Veranstaltungen absagen und Kinos und Fitnessstudios schliessen. Ich habe Freunde, die in Heimarbeit geschickt wurden, aber auch viele, die normal weiterarbeiten, weil sie keine Sozialversicherung haben und schlicht nichts verdienen, wenn sie jetzt zu Hause blieben. Wir haben die Comicfigur Susana Distancia, die uns zeigt, wie man richtig niest, aber schon seit Wochen kein Handdesinfektionsgel mehr in den Läden. Und wir müssen weiter Schlange stehen, um Wasserrechnungen zu bezahlen, wenn wir nicht auf dem Trockenen sitzen wollen. Ich bin vor zehn Tagen aus Panama zurückgekommen und wollte eigentlich in Selbstquarantäne gehen. Schön in der Hängematte all die Bücher lesen, die derzeit in meinen Whatsapp-Gruppen empfohlen werden. Stattdessen muss ich Lageberichte verfassen und meinen Mann entlasten, der für eine Agentur arbeitet und im Home-Office Zwölf-Stunden-Schichten schiebt. Und ganz nebenbei muss ich schauen, dass meine Teenager in den schulfreien Wochen zu Hause nicht komplett in die Welt von Xbox und Netflix abgleiten. Ein Stresstest fürs Familienleben. Da ist es dann wieder gut, dass es bei uns etwas lockerer zugeht. Wenn uns das Dach auf den Kopf fällt, können wir immer noch eine Runde um den Block joggen.

Dominik Straub aus Rom

«Der ohnehin schon einsame Job ist noch einsamer geworden»

© CH Media

Es ist alles zu, «chiuso», regelrecht verödet in der Ewigen Stadt und im übrigen Italien. Die italienische Betriebsamkeit, die Geselligkeit, die Leichtigkeit des Seins: alles wie abgetötet von dem Virus. Und das schon seit drei Wochen, als man im Rest Europas noch mit einem leichten Gruseln, aber in scheinbarer Sicherheit auf die «roten Zonen» in Italien blickte. «Bleiben Sie gesund» und «fahren Sie nur in die Infektionsgebiete, wenn Sie sich dabei nicht selber gefährden», hiess es in den E-Mails aus den Redaktionen nördlich der Alpen zu Beginn der Epidemie. Als Italien-Korrespondent befand man sich im Auge eines örtlich begrenzten Orkans. Das hat sich geändert. Jetzt fühlt man sich eher wie ein Versuchskaninchen: In Italien wurden alle Massnahmen getestet, die später auch im übrigen Europa angewendet werden sollten. Der Sitz der «Stampa Estera» in Rom, der Auslandpresse, ist längst geschlossen. Ebenso die «Sala Stampa della Santa Sede», der Pressesaal des Heiligen Stuhls. Der ohnehin schon relativ einsame Job des Korrespondenten ist noch einsamer geworden. Reportage-Reisen wären theoretisch noch erlaubt – es ist ja Arbeit –, aber man findet keine Gesprächspartner mehr. Und so sitzt man zu Hause am Schreibtisch und schaut sich die Livestreams der Auftritte von Regierungschef Giuseppe Conte auf Facebook an. Diese fangen, wie die Regierungssitzungen, in letzter Zeit häufig mitten in der Nacht an. Conte ist ungewollt zum Chef-Laboranten eines europäischen Menschen- Grossversuchs geworden – und ich bin nicht unglücklich darüber, nicht in seiner Haut zu stecken.

Fabian Kretschmer aus Peking

«Peking fühlt sich bis heute an wie ein Grossraumgefängnis»

© CH Media

Zunächst haben die Pressekonferenzen hier in Chinas Hauptstadt noch stattgefunden, wenn auch mit Gesichtsmaskenpflicht. Auf dem Höhepunkt der Viruskrise haben sich alle Termine in den virtuellen Raum verlegt. Selbst diejenigen, die sich trotz des Virus noch persönlich mit einem Journalisten treffen wollten, standen vor einem ganz praktischen Problem: Sämtliche Cafés blieben geschlossen. Büros fielen als Treffpunkt ebenso aus, weil die Pförtner an den Eingängen keine Besucher mehr hereinliessen. Auch wenn es in Peking keine Ausgangssperre gab, fühlt sich die Stadt teilweise bis heute noch wie ein Grossraumgefängnis an. Wer sich etwa mit der Freundin in den eigenen vier Wänden treffen will, muss seine «Anwohnerkarte» durch die verzäunte Wohnsiedlung nach draussen schmuggeln. Zwei Wachmänner in Uniform und ein paar Freiwillige vom Nachbarschaftskomitee kontrollieren rund um die Uhr den Eingang der Siedlung. Gut betuchte Pekinger benutzen ihre Shopping-Apps, um das Wohngelände nicht mehr verlassen zu müssen. Um die Ecke befindet sich ein Supermarkt, der zwar geöffnet hat, doch nur Kunden mit Gesichtsmasken Eintritt gewährt, nachdem sie sich ihre Körpertemperatur messen lassen und ihre Handynummer niederschreiben. Angesichts der dramatisch gesunkenen Ansteckungen hat sich die Lage mittlerweile aber deutlich entspannt. Am Platz um die Ecke ziehen wieder die älteren Chinesinnen, um allabendlich zu Volksmusik gemeinsam zu tanzen. Und ich konnte vergangene Woche seit drei Monaten zum ersten Mal wieder zum Coiffeur.

Remo Hess aus Brüssel

«Durch die Ausgangssperre geht Transparenz verloren»

© CH Media

Seit fast zwei Wochen gilt in Belgien eine Ausgangssperre. Die Polizei droht mit hohen Bussen und überwacht die Regeln mit Drohnen. Wie wir Journalisten arbeiten auch die über 30000 Beamten der EU-Kommission von zu Hause aus. Pressekonferenzen finden per Video-Einschaltung statt. Fragen können im Voraus eingereicht werden. Kritisches Nachhaken ist aber nicht mehr möglich. Durch die Ausgangssperre geht auch ein Stück Transparenz verloren. Wobei: In Brüssel sind Hintergrundgespräche ohnehin die wichtigere Art der Informationsbeschaffung. Ebenso die zufälligen Begegnungen rund um den Rond-point Schuman, dem Knotenpunkt im Europaquartier. Das «Sich-unter-Leute-Mischen» und Geschichten-Angeln gehört zur täglichen Arbeit dazu. Im Home-Office ist das unmöglich. Dafür geniesst man nun andere Vorteile. Tageslicht zum Beispiel, welches in den bunkerähnlichen Pressearbeitssälen oft vermisst wird. Relativ wenig Probleme macht das Social Distancing: Als Auslandkorrespondent bin ich es gewohnt, Familie und Freunde in der Schweiz nur via Telefon zu sprechen. Natürlich gilt das nicht für den hiesigen Freundeskreis. Umso ermutigender ist es, dass die Ansteckungskurve in Belgien langsam abzuflachen scheint.

Christoph Reichmuth aus Berlin

«Gruppen von mehr als zwei Personen sind schon suspekt»

© CH Media

Am vorletzten Sonntag gründeten wir unsere neue Dreier-Wohngemeinschaft. Zwei Berliner Freunde zogen kurzerhand bei mir ein, damit wir weiterhin in Kontakt bleiben und auch mal zusammen vor die Türe treten dürfen. Stunden zuvor verkündete die Bundesregierung drastische Massnahmen im Kampf gegen das Coronavirus. Dazu zählt das Kontaktverbot: Sind mehr als zwei Personen gemeinsam unterwegs, ist das der Berliner Polizei schon suspekt. Die Gruppe darf nur grösser sein, wenn die Personen im gleichen Haushalt leben. Unser Glück: Unseren Innenhof dürfen wir weiterhin nutzen. Noch schöner: Im Innenhof steht eine Tischtennis-Platte. Nun, Coronazeiten sind für einen Deutschlandkorrespondenten keine einfachen Zeiten. Ausgangsbeschränkung, Kontaktsperre: Unter normalen Umständen wäre mir bei solch massiven Eingriffen in die Freiheitsrechte die Titelseite, das Tagesthema und der Frontseiten-Kommentar auf sicher. Füttere ich meine Redaktion heute mit solchen News, ernte ich ein müdes Lächeln: «Danke Christoph. Wir machen daraus eine Nachricht.»

Stefan Brändle aus Paris

«Noch nie erforderte die Arbeit so viel Überwindung wie jetzt»

© CH Media

So paradox es klingen mag: In Frankreich leiden Korrespondenten kaum unter der Ausgangssperre. Für berufliche Zwecke – und nur dafür – dürfen sich Journalisten weiterhin frei bewegen. Mit Presseausweis und täglich erneuertem Passierschein bin ich bis jetzt überall durchgekommen. Abends gibts meist etwas Sport. Joggen gehen darf man aber nur alleine und nur eine Stunde im Umkreis von einem Kilometer der Wohnung. Ein komisches Gefühl, durch bekannte, aber menschenleere Strassen zu rennen. Oder zu hören, dass mehrere Italien- und USA-Berufskollegen aus Rom und Washington ins traute Vaterland zurückgekehrt sind. In Paris, das neben dem Elsass zum schlimmsten Virenherd Frankreichs gehört, halten bisher alle mir bekannten Presseleute die Stellung. Aber auch wenn man sich in Frankreich an schwierige Reportagen – Stichworte Bataclan, Calais, «heisse» Banlieue-Viertel – gewöhnt ist, muss ich sagen: Noch nie erforderte die Fontarbeit so viel Überwindung wie diese Woche auf einem Coronareport rund um die Pariser Champs-Elysées.

Michael Wrase aus Limassol

«Ich tröste mich mit Mozart und Mendelssohn»

© CH Media

Als ich am Dienstag einkaufen ging, hielt mir ein Security Guard eine Infrarot-Pistole an die Stirn: «Mit Fieber», erklärte der Mann bestimmt, «kauft hier niemand ein.» Auch von den Supermärkten ausgegebene Latexhandschuhe sind beim Shoppen inzwischen Vorschrift. Zeitlich begrenzt werden auch die Einkaufszeiten. Nach der Verhängung einer strikten Ausgangssperre muss jeder Bürger per SMS um eine Ausnahmegenehmigung zum Verlassen des Hauses bitten, die, wenn das Netz nicht überlastet ist, innerhalb von 15 Sekunden erteilt wird. Auch Joggen oder Gassi gehen mit dem Hund sind ohne eine elektronische Erlaubnis unmöglich. Die Verschärfung der ohnehin strikten Ausgangsregeln stösst nicht bei allen Zyprioten auf Verständnis. Ich kann mich mit ihnen gut arrangieren, da ich nach der Zeit am Rechner in meinem grossen Garten arbeiten kann, der mir gerade im Frühjahr viel Freude bereitet. Trotzdem: Die Sehnsucht nach einem Apéro am derzeit abgesperrten Strand ist gross. Umso mehr werde ich die Zeit nach dem Ende der Ausgangsbeschränkungen geniessen. Bis dahin tröste ich mich bei einer Mozart- oder Mendelssohn-Symphonie in voller Lautstärke (damit ich sie auch im Garten hören kann).

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