Las Vegas liegt fern jeglicher Realität. Vielleicht ist das der Grund, wieso wir uns so schwer tun, das aus nächster Nähe miterlebte Massaker an unschuldigen Besuchern eines Country-Festival durch einen offensichtlich geisteskranken Todesschützen in unserer Gefühlswelt einzuordnen.

Fünf Minuten, bevor Stephen Paddock 58 Menschen mit einer automatischen Waffe in den Tod schickte, befinde ich mich mit meiner Tochter Samira noch in der direkten Schusslinie. Ihre Zwillingsschwester Nina ist während der Schiesserei draussen in unmittelbarer Nähe des Tatorts, ohne dass wir ihren genauen Aufenthaltsort kennen. Später erzählt sie uns, dass ein Polizist sie und ihren amerikanischen Freund aus der Gefahrenzone in ein angrenzendes Casino trieb.

«Ich habe noch darüber nachgedacht, ob ich an das Festival gehen soll»

«Ich habe noch darüber nachgedacht, ob ich an das Festival gehen soll»

AZ-Sportredaktor Rainer Sommerhalder ist mit seinen Töchtern Samira und Nina in Las Vegas in den Ferien, als beim Mandalay Bay Casino die Hölle ausbricht. Von ihrem Hotelzimmer aus können sie direkt auf den Tatort blicken, hören Schüsse, durch die Dutzende Menschen sterben. Die Aussagen hat Sommerhalder um ca. 3.30 Uhr am Montagmorgen (Ortszeit) geführt via Skype übermittelt.

Auf eine Katastrophe folgt die nächste 

Verschiedene Medien wollen von mir noch in der Tatnacht wissen, wie wir das Unvorstellbare erlebten. Und immer wieder die Frage: "Und nun, reist ihr vorzeitig nach Hause?" Ich weiss nicht, ob es angesichts des Ereignisses pietätlos erscheint, dass wir die Ferien nach dieser schlaflosen Nacht planmässig fortsetzen. Wobei sich der Wunsch nach Normalität auch im Anschluss nicht wie erhofft erfüllt.

Ganz im Gegenteil.

Dass wir in dieser verrückten Welt in der Wüste Nevadas keine Normalität finden würden, war irgendwie klar. In den Tagen nach dem Attentat markiert die örtliche Polizei zwar Präsenz, in dem sie vor jedem Casino am Strip zwei Einsatzfahrzeuge wirksam mit angestelltem Blaulicht postiert und mehrere schwer bewaffnete Gesetzeshüter patrouillieren lässt.

Panik und Schüsse in Las Vegas

Panik und Schüsse in Las Vegas

Bei einem Attentat mit Schusswaffen sind anlässlich eines Musikfestivals in Las Vegas in der Nacht auf Montag, 2.10.2017, mindestens 59 Menschen ums Leben gekommen, über 500 wurden verletzt.

Diese Machtdemonstration soll den Hunderttausenden von Besuchern in der Glücksspielmetropole Sicherheit vermitteln. Sie animiert aber vor allem zu unzähligen Selfies von Touristen mit den beeindruckenden Cops. Die normalerweise für diese fotografischen Erinnerungen zuständigen Superhelden werden von der Realität ausgebootet. Die als Batman, Superman, Ironman oder Captain America verkleideten Strassenkünstler sind für Tage praktisch arbeitslos.

Der "Strip", diese sieben Kilometer lange Traumwelt entlang der gigantischen Casinos, unterstreicht aber auch, wie verlogen Las Vegas sein kann. Einerseits überall US-Flaggen auf Halbmast und Aufrufe auf Grossbildschirm, für die Familien der Opfer zu beten. Andererseits eine fahrbare Werbetafel auf der Strasse mit der bezeichnenden Botschaft: "Schon mal mit einem Maschinengewehr geschossen: Real Fun!" Dazu der Hinweis auf die "Shooting Ranch", auf welcher dieses "einmalige" Erlebnis möglich sei. Und dies am Tag nach dem Massaker weniger als einen Kilometer vom Ort des Grauens entfernt!

«Während ich gefilmt habe, mussten wir in Deckung gehen»

«Während ich gefilmt habe, mussten wir in Deckung gehen»

Las Vegas kommt nicht zur Ruhe – AZ-Sportredaktor Rainer Sommerhalder schildert die Situation am Morgen nach dem Attentat.

Der Rauch nimmt einem die Luft

Die Normalität sollte zwei Tage später Einzug halten. Der Besuch bei Onkel Urs ist angesagt, einem vor beinahe 40 Jahren in den Westen der USA ausgewanderten Aargauers. Er wohnt äusserst idyllisch in einem Wald inmitten von mächtigen Redwoods, in unmittelbarer Nähe der Kleinstadt Santa Rosa. Ein Ort, in dem eigentlich nie etwas los ist.

Zumindest bis vor einer Woche nicht. 

Am Montagmorgen werde ich von der Lebenspartnerin meines Onkels unsanft aus den Träumen gerissen. Ich müsse sofort Nina und Samira aus dem nahe gelegenen Motel holen und sofort verschwinden, sagt sie mir aufgeregt. Am besten auf der Nebenstrasse in Richtung Küste. Sie selber werde von ihrem Enkel abgeholt. Urs sei auf dem Weg zur Arbeit am südlichen Ende der Stadt stecken geblieben und habe angerufen: "Überall Feuer und Rauch, alles brennt!" Je nach Wind könne sich das gigantische Feuer in Richtung ihres Hauses bewegen.

Tatsächlich, der Blick in den Himmel verrät Ungemütliches. Da, wo seit zwei Wochen uneingeschränktes Blau herrscht, dominiert auf einmal die Farbe Dunkelgrau. Hinter einer besorgniserregenden Rauchschicht leuchtet die Sonne blutrot. Man erhält den Eindruck, das Feuer lauere gleich hinter dem nächsten Hügelzug.

"Sofort aufstehen, Koffer packen und weg!"

Auch die Fahrt ins Motel befeuert meine Nervosität. Dutzende von Autos kommen mir auf der ansonsten wenig befahrenen Strasse entgegen. Aber kaum eines bewegt sich in meine Richtung. Alle flüchten vor dem Feuer. Mehr als 25'000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen.

Waldbrände in Kaliforniens Weingebieten ausser Kontrolle

Waldbrände in Kaliforniens Weingebieten ausser Kontrolle

(9.10.2017)

Beim Motel angekommen, haste ich aus dem Auto, klopfe an die Zimmertür meiner Kinder und schreie das schlaftrunkene Gesicht, das mir öffnet, förmlich an: "Sofort aufstehen, Koffer packen und weg!"

Auf verwunschenen Nebenstrassen inmitten der mächtigen kalifornischen Bäume flüchten wir in Richtung San Francisco, weg von dem beissenden Rauch, der einem die Luft zum Atmen nimmt. Doch selbst 150 Kilometer südlich können wir dem grauen Himmel noch nicht entkommen. An den entfernten Berghängen zwischen den Weinanbaugebieten von Sonoma und Napa lodern gigantische Feuer.

Später sehen wir am Fernseher Bilder vom abgebrannten Restaurant, in dem wir eigentlich an diesem Montag Essen gehen wollten. 

Diese Drohenaufnahmen sind total bizarr – aber leider echt

Abgebrannt: Drohnenaufnahmen von Santa Rosa

Nur Stunden nach dem Feuer gelangen dem Drohnenpilot Douglas Thron in Santa Rosa Aufnahmen, die aus einem apokalyptischen Hollywoodfilm stammen könnten.

Auch noch ein Erdbeben

Beim Mittagessen in San Francisco sagt Cooper, der Freund meiner Tochter: "Jetzt fehlt eigentlich nur noch das Erdbeben!"

Kein Witz: Am Montagabend um 17.31 Uhr liege auf dem Bett in unserem Hotelzimmer, schaue mir die Berichterstattung über das Jahrhundertfeuer in Santa Rosa an. Und dann geschieht es: Kurz geht das Licht aus und der Fernseher auf der Kommode vibriert.

Minuten später berichtet der TV-Sender als "Breaking News" tatsächlich von einem Erdbeben 100 Kilometer südlich von San Francisco.  Ein Beben mit der Stärke 4,4 auf der Richterskala. Zum Glück nur 4.4! Es gibt Schlimmeres! Ich spreche aus Erfahrung.