Militäroffensive

Die Kurden, Trump, Erdogan und Assad: Was Sie über die Kriegswirren in Rojava wissen müssen

Ein Kämpfer der Syrischen Demokratischen Kräften nach dem Sieg über die letzte IS-Bastion in Baghuz.

Ein Kämpfer der Syrischen Demokratischen Kräften nach dem Sieg über die letzte IS-Bastion in Baghuz.

Sie haben den IS besiegt, jetzt werden die Kurden in Nordsyrien sich selbst überlassen. Ein Überblick über die türkische Militäroffensive in Rojava und was Erdogan, Trump und Assad damit zu tun haben.

Im Stundentakt ändern sich die Schlagzeilen über den Krieg in Nordsyrien: «Türkische Truppen marschieren in Syrien ein», «IS-Terroristen nutzen Chaos nach türkischer Invasion», «Kurden bitten Präsident Assad um Hilfe». Verwirrung total. Klar ist: Die Situation für die Kurden spitzt sich stetig zu, Hunderttausende haben ihre Häuser verlassen und sind auf der Flucht. Die Zahl der Todesopfer, darunter Zivilisten, Kinder und Journalisten, steigt täglich.

Bei den verschiedenen involvierten Akteuren und den sich überschlagenden Ereignissen die Übersicht zu behalten, ist schwierig. Die Situation ist komplex, dem Krieg voraus geht ein bereits lang andauernder Konflikt zwischen den verschiedenen Parteien. Dass nun auch der syrische Präsident Bashar al-Assad und Russlands Machthaber Wladimir Putin ihre Finger im Spiel haben, macht die Angelegenheit nicht einfacher.

Um was geht es eigentlich?

Am 9. Oktober startete der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seinen Angriffskrieg gegen Nordsyrien. Die Invasion nennt er «Operation Friedensquelle». Seit Monaten drohte Erdogan damit, türkische Truppen über die Grenze nach Syrien zu schicken. Sein Plan ist die Errichtung einer 30 Kilometer breiten Pufferzone, die sich vom Fluss Euphrat in Richtung Osten entlang der Grenzlinie erstreckt. So will er die Kurden, die sich auf diesem Gebiet in den letzten Jahren eine autonome Selbstverwaltung aufgebaut haben, vertreiben und syrische Flüchtlinge aus der Türkei in die Zone umsiedeln.

Schon im August 2016 und im Januar 2018 griff Erdogan mit einer Militäroffensive kurdische Gebiete in Nordsyrien an. Die zweite endete mit der Einnahme der Stadt Afrin. Bereits diese Angriffe wurden von der internationalen Gemeinschaft aufs Schärfste verurteilt. Doch Erdogan hielt an seinem Plan fest und betonte, dass er nach Afrin das komplette Grenzgebiet von den kurdischen Selbstverwaltern säubern wolle.

Im Juli dieses Jahres drohte Erdogan erneut mit dem Einmarsch in Nordsyrien. Doch die amerikanische Regierung warnte die Türkei damals eindringlich vor einer Offensive gegen die Kurden. Denn: Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten in Nordsyrien YPG und YPJ waren im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat ein wichtiger Partner der USA. Noch im Sommer waren hunderte US-Soldaten just in dem Gebiet stationiert, das Erdogan zu einer Pufferzone machen will. Vorerst konnte der türkische Präsident sein Vorhaben also nicht in die Realität umsetzen.

Als der US-Präsident Donald Trump am 7. Oktober verkündete, dass er seine Truppen aus Nordsyrien abziehen wolle, setzte er damit gleichermassen den Startschuss für Erdogans Militäroffensive. Dafür wurde Trump heftig kritisiert. Sowohl von den Demokraten als auch aus der eigenen Partei hiess es, der Rückzug sei ein Verrat an den eigenen Verbündeten.

Kurden in Zypern demonstrieren gegen den Krieg in Nordsyrien.

Kurden in Zypern demonstrieren gegen den Krieg in Nordsyrien.

Welches Gebiet ist von der türkischen Offensive betroffen?

Seit Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien im Jahr 2011 wird das Land von verschiedenen sich feindlich gesinnten Gruppen beherrscht. Ein grosser Teil steht nach wie vor unter der Führung des syrischen Machthabers Baschal al-Assad. Die Assad-feindlichen Oppositionsgruppen sind sehr heterogen zusammengesetzt und bekämpfen sich zum Teil auch gegenseitig. Ihr grösstes Einzugsgebiet beschränkt sich inzwischen auf die Region um Idlib.

Im Nordosten des Landes, auf gut einem Drittel des syrischen Territoriums, haben sich kurdische Gruppierungen ab 2015 ein autonomes und selbstverwaltetes Gebiet aufgebaut. Sie nennen es Demokratische Föderation Nordsyrien – besser bekannt als Rojava (auf der Karte als SDF-Gebiet bezeichnet).

Aktueller Stand der Lage in Nordsyrien am 16. Oktober 2019. (Bild:Kkarte: watson/lea, Quelle: syriancivilwarmap.com)

Aktueller Stand der Lage in Nordsyrien am 16. Oktober 2019. (Bild:Kkarte: watson/lea, Quelle: syriancivilwarmap.com)

Dem türkischen Präsidenten Erdogan ist Rojava ein besonderer Dorn im Auge. Auch im eigenen Land geht er mit eiserner Hand gegen kurdische Politiker vor und stellt diese oftmals unter Generalverdacht, gemeinsame Sache mit der PKK, der Arbeiterpartei Kurdistans, zu machen. Diese gilt in der Türkei als Terrororganisation. In den Augen von Erdogan ist Rojava ebenfalls eine terroristische Bedrohung, weil die dortigen kurdischen Milizen der PKK nahe stünden.

Die neuste türkische Militäroffensive konzentriert sich bisher vor allem auf die Region um die Grenzstädte Tel Abyad, Serekaniye und Qamishlo. Am vergangenen Sonntag bombardierte die türkische Luftwaffe in der Nähe der Stadt Serekaniye einen Autokonvoi mit Zivilisten und Journalisten. Elf Menschen, darunter zwei Lokaljournalisten wurden getötet.

Türkische Soldaten in der Region um Manbij.

Türkische Soldaten in der Region um Manbij.

Was genau ist Rojava?

Die Entstehung von Rojava geht einher mit dem Erstarken der Terrormiliz Islamischer Staat ab 2014 im Irak und Syrien. Völlig hilflos schaute damals die Weltgemeinschaft auf das Treiben der Schreckensherrschaft, bis die Dschihadisten bei der Schlacht um Kobane auf den erbitterten Widerstand der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG und der Frauenverteidigungseinheiten YPJ stiessen. Die Kurden waren die ersten, denen es gelang es, die Terrormiliz zu schlagen.

Von Kobane aus kämpften die kurdischen Einheiten weiter. Unterstützt von der Obama-Regierung, befreiten sie Stadt um Stadt von dem IS, bis sie im März dieses Jahres die endgültige Niederlage der Dschihadisten in Syrien erklärten. Auf dem befreiten Gebiet errichteten die Kurden eine autonome Selbstverwaltung, die Demokratische Föderation Nordsyrien – besser bekannt unter dem Namen Rojava. Zunächst bestand das Gebiet aus den drei Kantonen Kobane, Afrin und Cizire. Heute zieht es sich über weite Strecken von Nordsyrien und beheimatet geschätzt fünf Millionen Menschen – Kurden, Araber, Christen, Armenier, Turkmenen und Assyrer.

In Rojava soll eine multiethnische, multireligiöse und basisdemokratische Gesellschaft aufgebaut werden. Als ideologische Grundlage des Projekts gelten die Lehren des in der Türkei inhaftierten PKK-Gründers Abdullah Öcalan. Als einziger Ort der Welt wird in Rojava nach dem System des demokratischen Föderalismus regiert. Das bedeutet, dass es für jede Institution, angefangen bei der kommunalen Verwaltung bis hin zur Präsidentschaft, immer eine Doppelspitze gibt – jeweils ein Mann und eine Frau.

YPJ-Kämpferinnen in Deir ez-Zor bei der Ausbildung.

YPJ-Kämpferinnen in Deir ez-Zor bei der Ausbildung.

Versucht wird, eine freie Gesellschaft aufzubauen. Nebst der Gleichstellung der Geschlechter nimmt dabei auch die Ökologie eine zentrale Rolle ein. In den selbstverwalteten Kommunen soll die Landwirtschaft dezentral und ökologisch organisiert werden.

Wer sind die verschiedenen Akteure?

In die Militäroffensive in Rojava sind nebst der türkischen Armee auch das Assad-Regime, Russland und die USA involviert. Die wichtigsten Akteure im Krieg sind:

  • SDF: Die Demokratischen Kräfte Syriens, kurz SDF, sind das militärische Dachbündnis in Rojava. Sie bestehen aus verschiedenen Einheiten, die grösste ist jene der kurdischen Volksverteidigungseinheit YPG und der Frauenverteidigungseinheit YPJ. YPG und YPJ waren in den letzten Jahren massgeblich an der Zerschlagung des Islamischen Staats beteiligt. Zusätzlich zum militärischen Bündnis existiert das politische Dachbündnis des Demokratischen Rates Syrien, SDC genannt. Das Ziel der beiden Bündnisse ist es, in Rojava eine säkulare, demokratische und föderalistische Verwaltung zu etablieren.
  • Türkische Armee: Nebst türkischen Streitkräften stellen sich Milizen mit zwielichtigem Hintergrund in den Dienst von Präsident Erdogan. Seite an Seite mit der türkischen Armee kämpft die sogenannte Syrische Nationalarmee. Sie ist ein Zusammenschluss von einem Überbleibsel der Freien Syrischen Armee und der Nationalen Befreiungsfront und ein vorwiegend islamistisches Rebellenbündnis. Die Freie Syrische Armee war bereits beim Krieg in Afrin beteiligt und machte dort mit Plünderungen und der Schändung von getöteten kurdischen Kämpfern auf sich aufmerksam.
  • Assad-Regime: Seit Beginn dieser Woche erhalten die Kurden Unterstützung vom syrischen Machthaber Assad. Dieser Deal ist ein Hinweis auf die verzweifelte Lage der Kurden, die mit dem Abzug der US-Truppen plötzlich alleine dastanden. Die Hilfe von Assad ist für sie zwar eine schlechte Option, gleichzeitig aber auch die einzige. Der von vielen Syrern so verhasste Machthaber hat inzwischen Truppen in verschiedene Städte entsandt, die den SDF zur Seite stehen sollen.
  • USA: Mit dem Entscheid, die US-Truppen aus Nordsyrien abzuziehen, ist die amerikanische Regierung massgeblich an der Militäroffensive beteiligt. Präsident Trump wird von Kritikern vorgeworfen, die Kurden verraten zu haben. Zwar kündigte die US-Regierung an, die türkische Wirtschaft mit Sanktionen lahmzulegen. Doch der ausgesprochene Strafzoll auf Stahl dürfte in der Realität wenig Wirkung zeigen.
  • Russland: Der russische Präsident Wladimir Putin tanzt derzeit auf allen Hochzeiten gleichzeitig. Nicht nur ist er ein Unterstützer des syrischen Machthabers Assad, er versteht sich auch als Bündnispartner vom türkischen Präsidenten Erdogan. Er sieht sich als Friedensstifter und lässt verlautbaren, dass russische Militärs in Kontakt stünden mit Kurden, Türken und Syrern. Russlands Plan in Syrien ist, dass die Gebiete im Norden des Landes zurück unter die Herrschaft von Assad gehen. Bei dem Deal zwischen Assad und den Kurden soll Russland eine entscheidende Rolle gespielt haben.
  • IS: Verschiedene Seiten zeigen sich besorgt über ein Wiedererstarken der Terrormiliz Islamischer Staat. Aufgrund der türkischen Offensive ist es IS-Kämpfern gelungen, aus einem kurdischen Lager zu fliehen. Berichten zufolge sollen rund 100 Dschihadisten zusammen mit ihren Familien geflohen sein. Insgesamt seien es bis zu 800 IS-Leute.

Wie geht es jetzt weiter?

Noch wütet der Krieg, der letzte Woche begann, weiter. Je länger desto mehr dürfte es allerdings für Erdogan schwierig werden, seine Offensive fortzuführen. Mit Russland an der Seite von Assad, steht Erdogan jetzt ein Bündnis-Partner gegenüber.

Doch was passiert mit Rojava? Assad kommt der Deal mit den SDF zu Gute, um die Kontrolle über die autonomen Gebiete in Nordsyrien zurückzuerlangen. Inwiefern die Kurden ihre Selbstverwaltung weiterführen können, wird sich zeigen. Medienberichte sprechen derweil bereits von einem Countdown für ein chaotisches Ende des achtjährigen Kriegs in Syrien. Der einzige klare Sieger hiesse in diesem Fall Assad.

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