Ingrid Betancourt war extra aus Paris angereist. In diesen schweren Zeiten müsse man Zeichen setzen und sich bekennen, findet die vielleicht berühmteste Geisel der kolumbianischen FARC-Rebellen, die selbst einmal Präsidentschaftskandidatin war. Betancourt kam und sagte, sie werde am Sonntag bei der Stichwahl für Gustavo Petro, den Kandidaten des Linksbündnisses «Colombia Humana» stimmen.

Das ist insofern bemerkenswert, als sich Betancourt, die über sechs Jahre in Hand der Linksrebellen war, schon vor Jahren ins selbst gewählte Exil nach Frankreich zurückgezogen hat. Aber jetzt stünden der Friedensvertrag mit den FARC auf dem Spiel und «die Chance für Kolumbien, eine neue Etappe zu beginnen», begründete Betancourt ihre Positionierung.

Die Tage seit der ersten Runde der Präsidentenwahl vom 27. Mai haben sich in so etwas wie ein Wettrennen im Ringen um Allianzen verwandelt. Petro und sein Gegenkandidat von der extremen Rechten, Iván Duque, rücken dabei dorthin, wo Wahlen gewöhnlich gewonnen werden – ins Zentrum.

Unterstützung für Duque

Zug um Zug haben sich in den vergangenen Tagen die alten politischen Kräfte von Mitte-rechts zu Duque, dem Kandidaten des «Centro democrático», bekannt, auch die Unternehmerverbände und der peruanische Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa, der politisch schon lange rechtsaussen zu Hause ist, machen sich für Duque stark.

Auf der anderen Seite haben sich der grüne Präsidentschaftskandidat Antanas Mockus und einige Senatoren Petro angeschlossen. Ebenso ergreifen Schriftsteller wie Santiago Gamboa und der slowenische Philosoph Slavoj Žižek für den Linkskandidaten Partei.

Aber Iván Duque hat vor knapp drei Wochen mit 39 Prozent der Stimmen die erste Runde so klar gewonnen, dass schon rechnerisch ein Sieg gegen ihn schwer wird. Petro, Ex-Bürgermeister von Bogotá, erhielt rund 25 Prozent der Stimmen und dabei nur 300 000 mehr als der Mathematik-Professor Sergio Fajardo.

Und nun sind in der politischen Mitte 4,6 Millionen Stimmen verwaist, um die Petro und Duque buhlen. Für die Kolumbianer ist diese Situation neu. Nie hat es eine wirklich echte linke Alternative in einer Stichwahl gegeben. Und so ist diese vermutlich auch die polarisierteste Wahl in Kolumbiens Geschichte.

15 Prozent stimmen «en blanco» ab

Es ist aber ein Rennen, das für den Ex-Guerillero Petro nur schwer zu gewinnen ist, zumal Fajardo selbst gleich nach der ersten Runde angekündigt hat, er werde «en blanco» abstimmen, also am Sonntag einen leeren Stimmzettel abgeben. Umfragen zufolge werden das bis zu 15 Prozent der Kolumbianer tun, die sich mit keinem der beiden Bewerber identifizieren können – weder mit dem autoritären Duque, noch dem Linken Petro.

Die Differenzen vor allem bei den Themen Friedensprozess, Sicherheit und der Wirtschaftspolitik sind riesig. Während «Colombia Humana» auf gesellschaftliche Freiheitsrechte setzt, mehr Staat in der Wirtschaft und den Friedensprozess möglichst rasch umsetzen will, plant das Rechtsaussen-Bündnis von Duque die Stärkung von Polizei und Militär, härtere Strafen bei Drogendelikten, weniger Steuern, aber mehr Freiheiten für Unternehmen sowie die Stärkung traditioneller Familienwerte.

Aber vor allem hat er sich die Revision des Friedensabkommens mit den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC) auf die Fahnen geschrieben, dessen Umsetzung ohnehin schon dem Zeitplan hinterherhängt. Vor allem an die Übergangsjustiz und der politischen Beteiligung der Rebellen will der 41 Jahre alte Duque Hand anlegen. An dem Punkt weiss er einen grossen Teil der Bevölkerung hinter sich. Und vor allem seinen Mentor, Ex-Präsident Álvaro Uribe, den verbissensten Kritiker des Friedensprozesses.

Konservatives Kolumbien

Politische Analysten sehen die Entscheidung am Sonntag dann auch vor allem durch die jeweiligen Abneigungen bestimmt. «In Kolumbien dominieren der Anti-Petrismus und der Anti-Uribismus» sagt Andrés Molano vom Forschungsinstitut ICP. Wobei 40 Prozent der Kolumbianer sagen, sie würden niemals für Gustavo Petro stimmen. Dieser Anteil ist grösser als derjenige derer, die niemals für Duque stimmen, weil sie fürchten, so werde Uribe wieder die Macht ergreifen.

Ariel Ávila vom Forschungsinstitut «Frieden und Versöhnung» geht auch davon aus, dass Duque gewinnt, letztlich auch, weil Kolumbien konservativ ist, und die Angst vor einem Sieg der Linken tief sitzt. Aber Duque werde es schwer haben. «Als Präsident kann er nur Marionette von Uribe werden oder ein Verräter». Beides seien keine schönen Aussichten. Weder für Duque noch für Kolumbien, sagt Ávila im Gespräch.