Da steht er. Der Kurier ist im Teenageralter. Eine weisse Plastiktüte trägt er bei sich. Unsicher blickt er in die überraschten Gesichter und sagt in gebrochenem Deutsch: «Honig für Seyran Ates, ein Geschenk.» Die Kamerafrau und ihre Assistentin mit dem Mikrofon beziehen Stellung. Hinter ihnen verkriecht sich ihre Kollegin, die Journalistin, die mit ihrem Team für das ZDF eine Langzeitdoku über die deutsch-türkische Berliner Frauenrechtlerin und Imamin Seyran Ates (54) dreht.

Gelassenheit und gute Laune sind verflogen. In der Abstellkammer über dem Gebetsraum der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin stellen sich bange Fragen: Wie ist der Junge in den Raum gelangt? Warum steht er so plötzlich und unangemeldet da? Wie ist er an den Personenschützern des Landeskriminalamts vorbeigekommen?

Nervös hantiert der Junge am Inhalt der Plastiktüte herum, nur ein Wimpernschlag noch bis zum grossen Knall. Die Fantasie spielt verrückt, eine gefühlte Ewigkeit verstreicht, ehe es Seyran Ates endlich dämmert. Erleichtert erinnert sie sich: Tatsächlich sei sie am selben Tag informiert worden, dass Honig von einer befreundeten Familie vorbeigebracht würde. Das Glas möge sie einem gemeinsamen Bekannten aus ihrer Nachbarschaft übergeben, sei sie gebeten worden. Auch vom Kriminalbeamten, der im Türrahmen auftaucht, kommt Entwarnung. Offenbar ist der Junge gefilzt und kontrolliert worden. Seyran Ates’ Miene hellt sich wieder auf.

Ihre Angst

Mit diesem «Scheissgefühl», wie die eher klein gewachsene Frau mit ihrem auffälligen Kurzhaarschnitt und den aufgeweckten Augen die Angst umschreibt, hat sie längst leben gelernt. Diesen Sommer ist sie zurückgekommen. Im Juni hat sie ihre Moschee in einem Nebenraum einer evangelischen Kirche im Berliner Arbeiterviertel Moabit eröffnet. Seither organisiert sie Freitagsgebete für Frauen, Männer, Schwule, Lesben, Heteros, Schiiten, Sunniten, Alewiten, Zweifler und Nichtgläubige. Und seither weichen die Personenschützer der Polizei nicht mehr von ihrer Seite.

Tausende Hassmails, -kommentare und Beleidigungen erhält Seyran Ates. Kein Tag, der ohne vergehe. Ein Blick auf die Kommentarfunktion zu den jüngsten Facebook-Einträgen genügt: In manchen Wortmeldungen schlägt ihr purer Hass entgegen. Einträge wie «jetzt freut sie sich und lacht… aber irgendwann wird ihr Polizeischutz aufgekündigt und jemand wird sich in shaa allah mal um diese Frau kümmern. Frage der Zeit…», sind noch nicht mal die schlimmsten.
Auch die Beobachtung hilft nicht weiter, dass viele der Hasskommentare von Fake-Profilen aus verfasst worden sind. Das Landeskriminalamt Berlin jedenfalls nahm die Drohungen gegen Ates ernst und schützt die Aktivistin rund um die Uhr. Nicht einmal Telefonanrufe nimmt Ates noch entgegen, es sei denn, der Anrufer ist ihr bekannt.

Der Medienrummel war gross zur Eröffnung der Moschee im Juni. Detail am Rande: Die sitzende Frau in Grün neben Seyran Ates (stehend in Weiss) ist die progressive Schweizer Muslimin und Forscherin Elham Manea.

Der Medienrummel war gross zur Eröffnung der Moschee im Juni. Detail am Rande: Die sitzende Frau in Grün neben Seyran Ates (stehend in Weiss) ist die progressive Schweizer Muslimin und Forscherin Elham Manea.

Und so kann sich die Frau, die in einem freiheitlichen Land wie Deutschland für die Freiheit der muslimischen Frau einsteht, nicht mehr frei in ihrer Stadt bewegen. Und deshalb will sie über Familiäres nicht sprechen. Keinesfalls wird sie eine Person aus ihrem Umfeld in Gefahr bringen.

Schliesslich mangelt es ihr nicht an einschlägiger Erfahrung. Was war passiert? Die junge Rechtsanwältin mit türkisch-kurdischen Wurzeln hatte sich in den 1980er-Jahren einen Namen gemacht als Vertreterin muslimischer Frauen. Eine Türkin wollte sich von ihr beraten lassen, da stürmte ein Landsmann, Mitglied der rechtextremen türkischen Gruppierung «Graue Wölfe», die Kanzlei. Sofort eröffnete er das Feuer. Die Frau starb, Seyran Ates wurde lebensgefährlich verletzt. Ein Nahtoderlebnis, wie es Ates heute beschreibt. «Ich sah von oben herab, wie ich meinen eigenen Körper verliess und davon schwebte.» Die Ärzte rangen um Ates’ Leben – und retteten sie.

Verurteilt wurde der Täter mangels Beweisen nicht. Seyran Ates aber hat nie aufgegeben, schrieb mehrere Bücher, wurde bekannte Feministin. Heute ist sie Vorbeterin in ihrer eigenen Moschee. Sie hat sich nichts weniger auf die Fahnen geschrieben, als den Islamismus mit dem Islam zu bekämpfen.

Menschen wie sie haben die Nase voll davon, dass ihre Religion von Terroristen, die ihre Taten mit der strengen Auslegung des Korans rechtfertigen, in Geiselhaft genommen wird. Die Deutungshoheit müsse man den Islamisten entreissen. Deren Ideologie bilde den Nährboden für Terrorismus, finden Ates und ihre überwiegend weiblichen Mitstreiterinnen. Sprich: Das Wort in der Heiligen Schrift, dem Koran, gilt nicht als bare Münze. Ates sagt es so: «Wir setzen uns auf eine historisch-kritische Art mit dem Koran auseinander.»

Wie aber geht sie mit ihrer Angst um? Ates sagt Dinge wie: «Die Gruppe um mich herum, das Wissen, dass ich nicht alleine streite, helfen mir über die Angst hinweg.» Und: «Die Angst nimmt ab, das habe ich bereits einmal so durchgemacht. Denn was nützt es ihnen, wenn sie mich töten? Die Bewegung wird weiter gehen.»

Und diese Bewegung versteht sie keineswegs nur auf den Glauben und auf Deutschland beschränkt. Sie soll länderübergreifend im gesamten deutschsprachigen Raum an Fahrt gewinnen. Wichtige Mitstreiterinnen kommen aus der Schweiz. Mit der Islam-Kritikerin Saïda Keller-Messahli und den beiden praktizierenden Musliminnen Elham Manea und Jasmin El Sonbati pflegt Ates regen Kontakt. Auch wenn die progressiven Muslime in der Schweiz noch keinen eigenen Gebetsraum haben. Auf zivilgesellschaftlicher Ebene hat Seyran Ates mit Mitstreitern die Bürgerinitiative «Stop Extremism» lanciert.

Ihre Zuversicht

Die neue liberale Moschee in Berlin sorgt zwar für Schlagzeilen weit über Deutschland hinaus, jedoch ist die Zahl der Gläubigen noch dürftig. Waren es bei der medienwirksamen Eröffnung noch mehr als hundert Moscheebesucher, beteten seither nie mehr als zwanzig Frauen und Männer gemeinsam in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee.

Seyran Ates führt die niedrigen Zahlen auf die Druckversuche innerhalb der muslimischen Community zurück: «Die Leute haben pure nackte Scheissangst», sagte sie unumwunden zur «NZZ». Ates wurde in Istanbul geboren, wuchs jedoch im Berliner Stadtteil Wedding auf. Und lernte dort die raue Sprache der Strasse.

Der Grund für die Angst der Leute und die Jagd auf Seyran Ates: Nach der Eröffnung gab es eine hässliche Fatwa aus Kairo, eine Art Rechtsauslegung von einflussreichen Gelehrten. Sie bezeichneten die Machenschaften in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee als unislamisch.

Hauptstreitpunkt: Frauen dürfen in den Augen der konservativen Kairoer Gelehrten nicht vor gemischten Gruppen beten. Zu diesem Schluss kommt sogar der grösste Muslim-Dachverband der Schweiz, die Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (Fids), obwohl er in seiner Mail an die «Nordwestschweiz» betont, er stehe seit «jeher für einen freien Willen und ein freies Handeln ohne äussere Zwänge ein».

Die liberale Ibn-Rushd-Goethe Moschee, in der Frauen Seite an Seite mit Männern zum Gebet niederknien, ist in der evangelischen Kirche St. Johannes in Berlin Moabit untergebracht.

Die liberale Ibn-Rushd-Goethe Moschee, in der Frauen Seite an Seite mit Männern zum Gebet niederknien, ist in der evangelischen Kirche St. Johannes in Berlin Moabit untergebracht.

Für Ates und ihre Mitstreiterinnen indes ist klar: Die von Männern dominierten grossen Muslimverbände fürchten um ihre Vormachtstellung. Doch das Problem sitze tiefer, sagt Ates: «Es wird so viel Sex unterdrückt im Islam. Gerade muslimische Männer haben damit ein riesiges Problem.» Selbst in der Moschee werde die Frau zum Sexobjekt degradiert. Und den betenden Männern werde unterstellt, sie könnten nicht einmal während des Gebets ihre Gedanken an Sex ausschalten, wenn sich in ihren Reihen Frauen zum Gebet auf die Knie würfen. «Dabei richtet sich der Blick während des Gebets ausschliesslich auf den Boden und nicht auf den Hintern eines Gläubigen in der vorderen Reihe», sagt Ates. Wenn die Regeln schon so wichtig seien, dann sollten die Männer auch strikt nach ihnen beten, findet sie.

Mit der harschen Kritik und der Wut der konservativen Männer hatte Seyran Ates gerechnet. «Ich bin ja nicht naiv», betont sie. Womit sie allerdings nicht rechnete, das war die Reaktion aus der Türkei. Weil Seyran Ates einst einen Preis der Gülen-Bewegung entgegen genommen hatte, wurde sie nach der Moscheeeröffnung von Präsident Erdogan und dem mächtigen Religionsministerium Diyanet als Mitglied der Gülen-Bewegung bezeichnet.

Der Schaden war angerichtet. Weil die Gülen-Bewegung in der Türkei hinter dem Putschversuch vor einem Jahr stecken soll, gilt die Organisation in den Augen Erdogans und seiner Anhänger auch und vor allem in Deutschland als terroristische Organisation. Terroristen kennen nur eine Antwort: die der Gewalt. Und so war Seyran Ates als vogelfrei erklärt worden. Die Jagd auf sie konnte beginnen. Dabei bestreitet Seyran Ates Verbindungen zu den Gülenisten vehement. «Denen sind wir doch viel zu modern», sagt sie.

Doch selbst moderate Muslime waren überrascht, als ausgerechnet die als Islamkritikerin bekannte Seyran Ates sich zum Glauben bekannte und eine Moschee eröffnete. Auch sie begegnen ihr deshalb mit Skepsis. Wie also sorgt Seyran Ates nun dafür, dass sich ihre Moschee mit Gläubigen füllt? Die Bewegung droht zu ersticken, wenn sie nicht getragen wird. Ates aber ist zuversichtlich und weist darauf hin, dass alle Veränderungen im Kleinen beginnen müssen. Ausserdem habe sie so viel Zuspruch aus der ganzen Welt erlebt. Und aus dem Berliner Kiez Neukölln mit seiner grossen türkischen Gemeinschaft kam die Anfrage der Bezirks-Bürgermeisterin für eine Eröffnung eines liberalen Moschee-Ablegers.

Draussen stehen die LKA-Beamten in ihren unauffälligen Bluejeans, Halbschuhen und Kurzhaarschnitten. Sie rauchen eine Zigarette um die andere. Auffällig unauffällig. Und bald kehrt in Berlin der Feierabend ein. Doch die Gefährdung kennt keinen Feierabend. Und so fahren die Personenschützer Seyran Ates möglichst unauffällig in ihre Wohnung.

Sichtlich verstört macht sich auch der junge Honigkurier auf den Heimweg. Ein Geschenk hatte er im Gepäck, keine bösen Absichten. Und doch ist er stigmatisiert als junger Muslim, aus dem schnell ein potenzieller Attentäter wird.

Ob ihm aufgefallen ist, dass er soeben das eigentliche Opfer des gehässigen Streits zwischen konservativen und liberalen Muslimen geworden ist? Die Mission der Seyran Ates jedenfalls hat eben erst begonnen.