«Freundlich», «Korrekt», «Sie hat ihren Job gemacht» – verdächtig wohlwollend beschrieben die EU-Staats- und Regierungschefs den Auftritt ihrer britischen (Noch-)Kollegin Theresa May beim gemeinsamen Abendessen in der weltberühmten Felsenreitschule in Salzburg. In der Sache allerdings blieben sie hart: Es gab keine Zugeständnisse an die Adresse der britischen Premierministerin. Der von May im Juli unter dem Schlagwort «Chequers-Plan» vorgestellte Teilverbleib im EU-Binnenmarkt würde «nicht funktionieren», so EU-Ratspräsident Donald Tusk. Dies würde die Einheit des Binnenmarktes und seiner vier Grundfreiheiten untergraben. Und das, so Tusk, sei «nicht akzeptabel.»

Damit sind die Brexit-Verhandlungen auch im 18. Monat noch immer nicht abschlussreif. Die Frage bleibt stets dieselbe: Wie lässt sich in der ehemaligen Bürgerkriegsregion Nordirland eine harte Grenze zum EU-Mitglied Irland verhindern? Die von der EU vorgeschlagene Notfalllösung – auch «Backstop» genannt – will Nordirland einfach in der Zollunion belassen und die Grenzkontrollen in die Irische See auslagern. Damit würde aber eine innerbritische Grenze zwischen Belfast und der britischen Hauptinsel entstehen. Theresa May lehnt dies mit dem Verweis auf die verfassungsrechtliche Einheit des Vereinigten Königreichs strikt ab.

Wann knickt London ein?

EU-Diplomaten aber sind sich sicher, dass London früher oder später einknicken wird. Konkret: Nach dem Kongress der Tory-Regierungspartei Ende September. Habe die innenpolitisch angeschlagene Premierministerin dieses Treffen erst einmal überstanden, verfüge sie wieder über mehr Handlungsfreiheit, heisst es in Diplomatenkreisen.

Angesichts der kompromisslosen Haltung der Staats- und Regierungschefs kündigte May am Donnerstag selbst an, dass sie bald einen neuen Plan für Nordirland vorlegen werde. Dieser könnte so aussehen, dass die Kontrollen von in Grossbritannien hergestellten Gütern beim Export nicht fix an der Grenze, sondern verteilt im britischen Hinterland oder gegebenenfalls bereits am Produktionsstandort stattfinden sollen. Zuletzt hatte auch EU-Chefverhandler Michel Barnier in Aussicht gestellt, die Nordirlandfrage «entdramatisieren» zu wollen. Zum Beispiel indem, dass ausschliesslich britische statt EU-Beamte die Inspektionen durchführen. Dass der Franzose aber darüber hinaus weich werden und von den starren EU-Prinzipien zum Schutz des Binnenmarktes abrückt, scheint ausgeschlossen.

In Würde verabschieden

So oder so: Die EU will im Oktober den Sack zumachen. Dann sei der «Moment der Wahrheit gekommen», so Ratspräsident Tusk. Bei einem ausserordentlichen Gipfeltreffen am 17. und 18. November könnte das Austrittsabkommen unterschrieben und die Briten einigermassen in Würde verabschiedet werden. Der damalige britische Premier David Cameron habe seinen Brexit-Gipfel gehabt, also solle auch Theresa May ihren erhalten, so ein hoher EU-Diplomat. Dass May dem Deal zustimmen wird, daran lässt er keinen Zweifel. Und wenn nicht? Vom Schreckens-Szenario eines ungeregelten EU-Austritts der Briten gab sich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zumindest am Donnerstag betont gelassen. Selbst die Vorbereitungen dafür seien bereits weit vorgeschritten. «Don’t worry, be happy», so Juncker.