Um 9.32 Uhr begannen in Genua die Sirenen zu heulen – und fünf Minuten später explodierten mehrere Tonnen Dynamit, die an den tragenden Teilen der Pfeiler 10 und 11 des Morandi-Viadukts angebracht worden waren.

Rund 20 000 Kubikmeter Beton und Stahl stürzten innerhalb von 6 Sekunden in den Talboden des Flusses Polcevera, den die Brücke überquerte. «Es ist alles planmässig abgelaufen», erklärte Genuas Bürgermeister Marco Bucci, der gleichzeitig als Sonderkommissar der Regierung für den Wiederaufbau verantwortlich ist.

Sekundenbruchteile vor der Sprengung schossen von der Fahrbahn riesige Wasserfontänen in die Höhe: Die Verantwortlichen hatten auf und unter der Brücke grosse Wassertanks montiert, die ebenfalls gesprengt wurden. Die Wasserfontänen sollten die Staubentwicklung eindämmen, da in der Brücke auch gefährlicher Asbest verbaut worden war.

Hier fliegt der Rest der Morandi-Autobahnbrücke in Genua mit viel Getöse in die Luft.

Hier fliegt der Rest der Morandi-Autobahnbrücke in Genua mit viel Getöse in die Luft.

Trotz der für die Tausenden von Zuschauern spektakulären Vorsichtsmassnahme war die Baustelle nach der Sprengung der Brücke für längere Zeit in eine grosse Staubwolke gehüllt, die sich danach nur langsam in Richtung des Küstengebirges verzog.

3400 Anwohner evakuiert

Weil die beiden Ost-Pfeiler des Morandi-Viadukts inmitten eines Wohngebiets standen, mussten am frühen Morgen vor der Sprengung 3400 Anwohner evakuiert werden. Sie konnten gestern Abend wieder in ihre Häuser zurückkehren. Etwa 400 gebrechliche Bewohner waren schon am Vorabend in Hotels ausquartiert worden.

In wenigen Sekunden stürzen die mächtigen Pfeiler der Brücke ein.

In wenigen Sekunden stürzen die mächtigen Pfeiler der Brücke ein.

Trotzdem verzögerte sich die Sprengung, weil ein Bewohner partout seine Wohnung nicht verlassen wollte. Insgesamt acht Wohnblocks, die direkt unter der Brücke standen, waren in den vergangenen Monaten abgerissen worden. Beim Einsturz der Brücke waren über 250 Personen obdachlos geworden.

Der Einsturz im letzten Sommer:

Genua: Hier stürzt die Autobahnbrücke ein (14. August 2018)

Genua: Hier stürzt die Autobahnbrücke ein.

Etliche der Genuesen, die gestern der Sprengung der Brücke beiwohnten, wurden von Emotionen überwältigt: Das Morandi-Viadukt aus den 60er-Jahren war, obwohl es ästhetisch diskutabel und im Laufe der Jahre immer rostiger geworden war, ein Wahrzeichen der ligurischen Hafenstadt gewesen. «Diese Brücke hatten wir immer vor unseren Augen – und so heruntergekommen sie auch gewesen sein mag, sie war für uns so etwas wie eine Verwandte», erklärte der 85-jährige Anwohner Vincenzo Ciotti. Mit der Sprengung der beiden verbliebenen Pfeiler kann der Bau der neuen Brücke nun richtig beginnen.

Weitere Bilder von der Brückensprengung in Genua:

Weitere Bilder vom Einsturz im letzten Sommer: