Als sie seinen Vater niederschossen, war Filippo Cogliandro 17 Jahre alt. Die Angreifer hatten den Tankstellenbesitzer Ende der Achtzigerjahre vor der Haustür seines Wohnhauses in Lazzaro am Ionischen Meer abgepasst und ihm mit einer Schrotflinte das rechte Bein zerfetzt. «Mein Vater sollte der ’Ndrangheta Schutzgeld bezahlen, was er ablehnte. Der brutale Überfall war die Strafe dafür. Sie hätten ihn auch töten können, wenn sie gewollt hätten», sagt der heute 49-jährige Filippo Cogliandro.

Sein Vater sei ein einfacher Mann gewesen, der nur fünf Schuljahre absolviert habe. «Aber er wusste, dass es sich bei der ’Ndrangheta um ein System handelte, das bekämpft werden muss. Auch wenn es dazu viel Mut braucht.»

Wie sein Vater wurde auch Filippo Cogliandro selbstständiger Unternehmer: Er brachte sich als Autodidakt das Kochen bei und eröffnete zuerst in Lazzaro und dann in Reggio Calabria ein eigenes Restaurant, das «L’Accademia». Im Dezember 2008 wiederholte sich die Schutzgeld-Geschichte: «Eines Abends setzten sich zwei Herren in mein Restaurant und sagten, dass Sicherheit ein wertvolles, aber gefährdetes Gut sei.

Sie könnten sie mir garantieren, aber alles habe heute eben einen Preis.» Die beiden Männer hätten sich durchaus kulant gezeigt und betont, dass die Sicherheit bloss zwei- bis dreihundert Euro pro Monat kosten würde. «Nicht mehr als eine kleine Aufmerksamkeit für die Cousins», hätten sie gesagt. Wobei mit den «Cousins» die allmächtigen Clan-Bosse gemeint waren.

Nationale Berühmtheit

Cogliandro ging zum Schein auf die Erpressung ein – und verständigte die Polizei, kaum hatten die beiden ungebetenen Gäste sein Lokal verlassen. Die Carabinieri verwanzten das Lokal und installierten versteckte Kameras – und bei einer vorgetäuschten Geldübergabe schlugen die Anti-Mafia-Beamten zu.

Einer der beiden Gangster wurde sofort verhaftet, der andere nach einigen Monaten. Weil es das erste Mal überhaupt war, dass ein Schutzgeld-Opfer in Reggio Calabria gleich bei der ersten Forderung zur Polizei ging, erregten die Verhaftungen grosses Aufsehen: Cogliandro wurde in den nationalen TV-Nachrichten als Held und Vorbild gefeiert.

Doch die Zivilcourage hatte ihren Preis: Cogliandro erhielt noch jahrelang anonyme Morddrohungen. «Ich hatte natürlich grosse Angst, vor allem nachts, wenn ich nach der Schliessung des Restaurants über den Parkplatz ging», sagt der Koch. Cogliandro hatte den von den Behörden angebotenen Personenschutz abgelehnt – weil er wusste, dass er damit seine Familie in Gefahr gebracht hätte.

«Wenn sie dir persönlich nichts antun können, dann rächen sich die Clans einfach an deiner Frau, an deinen Kindern, an deinen Geschwistern oder an deinen Nichten und Neffen. Ich sagte mir: Ich habe das Schutzgeld verweigert, also übernehme auch ich persönlich die ganze Verantwortung dafür.»

Bis heute ist nie etwas passiert. Das liegt vor allem daran, dass Cogliandro durch seine Anzeige zur nationalen Berühmtheit geworden ist. «Als ich merkte, dass es gut für meine Sicherheit ist, wenn die Scheinwerfer auf mich gerichtet sind, suchte ich die Öffentlichkeit erst recht: Ich begann, in meinem Restaurant sogenannte «Diners der Legalität» einzuführen, zu denen ich Vereine, Journalisten und Politiker einlud, um über das Schutzgeld und die ’Ndrangheta zu diskutieren», berichtet Cogliandro.

Mit den «Diners der Legalität» tourte er zuerst durch ganz Italien, dann auch durch Europa. Das «L’Accademia» wurde zum Stammlokal der Staatsanwaltschaft und der lokalen Carabinieri. «Sie haben in Reggio Calabria endlich ein sauberes Lokal gefunden, das nicht unter dem Einfluss der ’Ndrangheta stand.»

Vor zwei Jahren ist Cogliandro vom italienischen Wirteverband zum Anti-Schutzgeld-Botschafter ernannt worden; seither hält er an den Gastronomieschulen im ganzen Land Kurse, an denen er den angehenden Wirten und Köchen Tipps gibt, wie man sich erfolgreich gegen die Mafia wehrt.

«Wichtig ist nicht nur, dass man das Schutzgeld verweigert. Ebenso wichtig ist es, darauf zu achten, bei welchen Fischhändlern man den Fisch, bei welchem Metzger das Fleisch und bei welchen Bauern man das Gemüse und die Früchte kauft», betont Cogliandro. Denn nur allzu oft seien auch die Produzenten von der ’Ndrangheta kontrolliert. Das gelte nicht nur für Kalabrien, sondern auch für Norditalien, wo sich die ’Ndrangheta mit ihren Strohunternehmen ebenfalls längst breitgemacht habe.

«Nicht nur ’Ndrangheta»

Neben seinem Engagement gegen die Mafia hat sich Cogliandro als Koch ständig weitergebildet; sein «L’Accademia» zählt inzwischen zu den beliebtesten Gourmet-Tempeln in Reggio Calabria. In seiner Küche verarbeitet er in erster Linie lokale Zutaten, allen voran die Bergamotte, die nur in der Provinz Reggio Calabria gedeiht und ansonsten vor allem in der Parfümerie zum Einsatz kommt. Die Zitrusfrucht verleiht zahlreichen Kreationen Cogliandros eine besondere Raffinesse. «Kalabrien ist unendlich reich an einheimischen Produkten und Spezialitäten, die ich zu meinen Gerichten verarbeite. Durch sie versuche ich, meine Liebe zu diesem Territorium auszudrücken und für meine Gäste erlebbar zu machen», erklärt der Anti-Mafia-Koch seine Philosophie als Gastronom.

Von der Dachterrasse seines Restaurants geniesst man einen atemberaubenden Blick auf die Strasse von Messina und auf das benachbarte Sizilien. «Reggio Calabria ist nicht nur ’Ndrangheta. In unserer Stadt befindet sich auch das wichtigste Museum der ‹Magna Grecia› Italiens mit den beiden Bronzestatuen von Riace, wir haben eine reiche Kultur und unzählige Traditionen.»

Der Kampf gegen die Mafia in Kalabrien sei zwar noch lange nicht gewonnen, aber die Clans hätten dank der Repression durch die Justiz und dem Engagement zahlreicher Initiativen der Zivilgesellschaft an Macht und Einfluss verloren. Dutzende andere Unternehmen in Reggio hätten ebenfalls schon Schutzgeldzahlungen verweigert. Und irgendwann werde die Mafia ganz besiegt sein. «Unser Territorium ist viel zu schön, um in der Hand der ’Ndrangheta zu bleiben», betont Cogliandro.