Italien ist eine Fernsehnation, durchschnittlich fünf Stunden läuft das TV-Gerät in den Wohnzimmern, und RAI, die öffentlich-rechtliche Anstalt, ist klarer Marktführer. Kein Wunder also verfügt Marcello Foa, 55, der Präsident dieses Grosskonstrukts mit 12 000 Angestellten, über ein stattliches Büro. Von seinem Chefsessel aus hat er neun Bildschirme im Blick. «Und schauen Sie mal durchs Fenster», sagt er und lacht, was er oft tut: «Diese Kuppel dort, das ist der Vatikan.» Er spricht Deutsch, mit sympathischem italienischem Akzent.

Ist Foa so etwas wie Italiens Fernseh-Papst? «Das wäre übertrieben», antwortet er, «aber ich staune selber über die Bedeutung meiner Position, man könnte sie für ihr institutionelles Profil mit der eines Ministers vergleichen.» Als RAI-Präsident ist Foa an allen wichtigen Staats- und gesellschaftlichen Anlässen eingeladen und sitzt, wie eben gerade bei den Filmfestspielen Venedig, in der ersten Reihe. Und in wenigen Tagen hat er, tatsächlich, ein Treffen mit dem Papst.

Noch nicht ganz ein Jahr bekleidet Foa dieses Amt, doch in einem Land, das seit dem Zweiten Weltkrieg 65 Regierungen verschlissen hat, kann auch er sich seines Jobs nie sicher sein: Nachdem die rechtsnationale Lega von Innenminister Matteo Salvini die Regierung verlassen hat, fehlt Foa der wichtigste Förderer.

Italiens Ex-Innenminister Matteo Salvini (links) entdeckte Marcello Foa, weil er dessen Kolumnen regelmässig las. Bild: Paolo Tre/Laif (Rom, 31. Januar 2019)

Italiens Ex-Innenminister Matteo Salvini (links) entdeckte Marcello Foa, weil er dessen Kolumnen regelmässig las. Bild: Paolo Tre/Laif (Rom, 31. Januar 2019)

Salvini, Italiens populärster und umstrittenster Politiker, ist es, der Foa für die RAI entdeckt hat, gemeinsam mit Gianroberto Casaleggio, dem Mitbegründer der linkspopulistischen Bewegung Cinque Stelle. Die beiden Politiker gehörten zu den Lesern der Kolumne von Foa in der Mailänder Zeitung «Il Giornale». «Ich wusste nicht, dass Casaleggio und Salvini meine Texte verfolgten», sagt Foa.

«Möchten Sie den Job?» Das Angebot galt zwei Stunden lang

Als die beiden prominenten Leser 2018 eine Populisten-Koalition bilden, lancieren sie Foa für den Spitzenposten. Der Tessiner ist völlig perplex, als er in den Sommerferien in Griechenland einen Anruf eines Regierungsbeamten bekommt: «Möchten Sie RAI-Präsident werden?» Man gibt Foa gerade einmal zwei Stunden Bedenkzeit. Für ihn ist sofort klar: Das musst du machen. Auch wenn der Job mit einem Jahreslohn von 180 000 Euro brutto schlechter bezahlt ist als sein CEO-Posten beim Tessiner Verlag «Corriere del Ticino». «Wer mir in jungen Jahren diese Karriere vorausgesagt hätte, den hätte ich für verrückt erklärt.»

Zu Salvini gibt es auch eine persönliche Verbindung. Foas Sohn arbeitet in dessen Kommunikationsteam. Reiner Zufall, sagt Foa: «Mein Sohn hat seine Masterarbeit zum Thema Social Media geschrieben, das hat nichts mit mir zu tun», sagt der dreifache Vater. Die beiden Töchter studieren an italienischen Universitäten, seine Ehefrau ist zurzeit die einzige mit festem Wohnsitz in der Schweiz, genauer in Lugano.

Salvini ist nun in der Opposition, er spekulierte darauf, dass sein Rückzug Neuwahlen auslösen würde, doch nun haben sich Salvinis ehemalige Koalitionspartner, die Cinque Stelle, überraschend mit den Sozialdemokraten (PD) auf eine neue Regierung geeinigt. Just während des Besuchs der «Schweiz am Wochenende» läuft auf Foas TV-Bildschirm die Live-Übertragung, bei der die neuen Regierungsmitglieder vorgestellt werden.

Ein falsches Wort, und er ist sein Amt los

Fürchtet er, von der neuen Regierung bald abgesetzt zu werden? «Ich habe ein Mandat auf drei Jahre», sagt er. Nun wählt der Mann, der selbst an diesem wichtigen Tag stets entspannt wirkt, seine Worte sehr vorsichtig. «Ich möchte mich keineswegs in politische Debatten einmischen.» Man werde sehen, wie es nun weitergehe. Und mit entwaffnender Offenheit ergänzt er dann doch, er sei sich bewusst, dass er zum Thema werde.

Foa hofft, dass die Regierung auch darum bei RAI nicht eingreifen wird, weil er sich seit Amtsantritt nie in die Politik eingemischt hat. So hat er beispielsweise aufgehört mit seinen Kolumnen, und auch den Blog beendete er. Immer wieder brachten seine Beiträge die Linken zum Schäumen, sogar im Ausland, als sie nach Foas RAI-Nomination plötzlich international beachtet wurden: Gegen Europa sei er, gegen Homosexuelle, aber für Russland, empörte sich der britische «Guardian». Foa winkt ab. «Der ‹Guardian› hat mir falsche Aussagen zugeschrieben und ich habe deshalb den Autor des Artikels verklagt.» Er habe immer die Wahrheit gesucht, sei durch und durch Journalist. «Aber es hat nicht allen gefallen, dass ich Medien kritisiert und gegen den Mainstream angeschrieben habe», begründet Foa die Kritik an ihm – und klingt dabei ein bisschen wie Roger Köppel.

Das Schweigen fällt ihm nicht immer leicht. Oft jucke es ihn, räumt Foa ein, der mit 24 Jahren Auslandredaktor bei der CVP-nahen Tessiner Zeitung «Giornale del Popolo» wurde und schon davor, während des Wirtschafts- und Politologiestudiums, als Journalist arbeitete. Auch im Gespräch spürt man dieses Jucken, aber Foa unterlässt es tunlichst zu politisieren. Und nähert er sich doch einem heiklen Thema, hebt sein Kommunikationsbeauftragter, der mit am Tisch sitzt, die Augenbrauen. Seinetwegen haben wir im Gespräch auf Englisch gewechselt – die Sprache, die alle im Raum verstehen. Jedes Wort kann einen Sturm auslösen – und Foas Job gefährden.

Dass er Schweizer ist, gereicht Foa als RAI-Präsident eher zum Vorteil: «Ich bin unabhängiger als ein Insider.» Er habe sich nie aufs Spiel eingelassen: Gib du mir, so geb ich dir. Denn er sei nicht Teil des Römer Systems, des «Palazzo». Obwohl er auch den italienischen Pass hat – geboren ist Foa in Mailand, erst als er 12 war, zog die Familie nach Lugano –, wird er bei RAI als Schweizer angesehen. «Ich spüre das in der Art, wie die Leute auf mich zugehen», sagt er.

Den Journalismus sieht er in einer Vertrauenskrise

Über die Medien macht er sich Sorgen: «Der Journalismus ist in einer Vertrauenskrise, und in Italien geht es der Presse noch schlechter als anderswo», sagt Foa. Ein grösser werdender Teil des Publikums schaue keine TV-Programme mehr, auch nicht jene von RAI, und verweigere sich den traditionellen Medien komplett. «Das ist ein Problem, und die Kritiker haben leider oft recht: Teilweise ist der Journalismus tatsächlich unausgewogen.»

Zu seinen Zielen bei RAI gehört es darum, die Mitarbeiter auf allen Stufen zu ermutigen, professionell und unabhängig zu arbeiten. Das klingt selbstverständlich, aber in Italiens Rundfunkanstalt werden Posten oft nicht nach Fähigkeit, sondern nach Parteizugehörigkeit und Seilschaften vergeben. «Ich möchte einen Beitrag leisten, dass sich das ändert», sagt Foa. Es sei offen, ob ihm das gelinge. Denn erstens sei RAI eine schwerfällige Institution, und zweitens sei er als Präsident weiter weg von den operativen Entscheiden als der CEO.

Am Ende wird Foa doch noch etwas politisch: Er sehe einen Zusammenhang zwischen der Medienkrise und dem Aufstieg der populistischen Parteien. «Wenn die Leute den Eindruck haben, ihre Sorgen würden nicht mehr ernst genommen, wenden sie sich von den Verantwortungsträgern ab.» Genau darum hätten etablierte Medien und Parteien Probleme: «Nicht die Populisten, sondern die Entfernung der Verantwortungsträger von der gewöhnlichen Bevölkerung – das ist die grosse Bedrohung für die Demokratie».