Jahresend-Interview (II)

«Eine 24-Stunden-Disco an Informationen»

Unterstützer der konservativen Tea-Party demonstrieren am 28. August in Washington.  Drew Angerer/NYT/Laif

Unterstützer der konservativen Tea-Party demonstrieren am 28. August in Washington. Drew Angerer/NYT/Laif

Konfliktforscher Kurt R. Spillmann über die Folgen der Informationsrevolution, das Phänomen Palin und die enorme Popularität der Tea-Party-Protestbewegung.

Wie erklären Sie sich die enorme Popularität der Tea-Party-Protestbewegung?

Kurt R. Spillmann: Die Tea-Party-Bewegung zeigt, dass die Wirtschaftskrise und zwei miserabel laufende Kriege existenzielle Ängste ausgelöst haben. Wirtschaftlich verunsicherte Amerikaner, die den Kopf nur knapp über Wasser halten können, wollen keine Veränderungen und driften zu konservativeren Werten ab. Dann bekommen auch so unsinnige Konzepte wie von Sarah Palin und der Tea-Party Sukkurs. Das ist eindeutig eine Folge der verbreiteten existenziellen Angst. Diese verunsicherten Amerikaner klammern sich nun an Ur-Pfeiler wie die Verfassung und Flaggen.

Die Tea-Party nutzt das aus mit der Forderung nach einer moralischen Erneuerung Amerikas.

Die Forderung nach weniger Staat ist uramerikanisch – und verknüpft mit christlich-puritanischen Elementen. Wem es schlecht geht, der ist selbst schuld. Er hat sich zu wenig angestrengt, oder es ist das von Gott vorausbestimmte Schicksal. Der Staat als ausgleichende Instanz, das ist ein europäisches Konzept, das den Amerikanern fremd ist. Frau Palin sagt immer wieder: «Wir sind alle Amerikaner!» Das ist ein Idealbild einer integrierten Nation, die Projektion, dass das ideale Amerika von früher in Zukunft wieder kommt. Da wird völlig ausgeblendet, dass die Indianer ausgerottet wurden, dass die Afroamerikaner schikaniert wurden, auch heute noch. Ein unrealistisch verklärtes Idealbild macht vielen Amerikanern Hoffnung.

Diese konservative Reaktion auf die Globalisierung und Entwurzelung gibt es aber nicht nur in Amerika, das erleben wir ja auch hier in der Schweiz?

Selbstverständlich. Konservative Trends erleben wir auch in ganz Europa, in Ungarn, in Schweden, in der Schweiz. Auch Haider in Österreich oder Le Pen in Frankreich. Wir realisieren immer noch nicht, wie stark die Informationsrevolution unser Weltbild und die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen, verändert hat. Heute gibt es ein unendlich vielfältiges Informations-Trommelfeuer aus aller Welt, eine Kakofonie, einen Dauerlärm, eine 24-Stunden-Disco an Informationen, die auf uns einprasseln – das schafft Verunsicherung und zerrt uns hin und her. Auf komplexe Fragen suchen wir heute einfache Antworten.

Rechtspopulisten stiften dagegen mit einfachen Slogans eine neue Identität?

Ja, das ist so. Deshalb sind in den letzten Jahren auch Akademiker unter Beschuss geraten. Sie reden vermeintlich zu kompliziert. Sarah Palin hingegen erklärt die Welt unbeschwert in drei Sätzen. Dass sie unter anderem Nordkorea als Verbündeten Amerikas bezeichnet, das scheint ihr niemand übel zu nehmen.

Aber ein Drittel der Amerikaner würde sich lieber von einer ungebildeten, unbedarften Frau regieren lassen als von einem Harvard-Absolventen?

Das ist für alle, die am Gelingen der realen Politik interessiert sind, schwer verdaulich. Und die Anschlussfrage lautet dann sofort: Sind wir am Ende der demokratischen Epoche? Funktionieren unsere Demokratien, wie wir sie heute haben, nicht mehr?

Bemerkenswert an der Tea-Party ist aber, dass die Anhänger dieser Bewegung keine grobschlächtige Unterschicht, sondern überdurchschnittlich gebildete Amerikaner sind, auch viele Frauen.

Das sind häufig ältere Angestellte oder mittelständische Selbstständigerwerbende, die alles, was sie ihr Leben lang geleistet haben, verloren haben oder in Gefahr sehen. Sie sehen zum Beispiel, dass auch mittelständische Familien ihr Haus oder ihre Pension verloren haben und dass viel neue Armut und Elend sich sichtbar ausbreiten. Diese Schreckbilder verunsichern viele Mittelklassebürger, auch gebildete und kritische Menschen, und treiben sie in Extreme.

Wie zukunftsträchtig ist die Tea-Party? Ein Drittel der Amerikaner sympathisiert heute mit der Protestbewegung.

80 Prozent der Republikaner sympathisieren mit der Tea-Party. Im Grunde genommen wollen die Republikaner aber verhindern, dass Sarah Palin 2012 konservative Präsidentschaftskandidatin wird. Denn Palin wäre eine ideale Gegnerin für Obama, die er intellektuell mit links bodigen könnte.

Wird Palin tatsächlich antreten? Und nicht lieber an der Spitze der Bewegung bleiben und gewisse republikanische Kandidaten unterstützen? Sie weiss ja auch, dass sie in der Endausmarchung gegen Obama keine Chance hat.

Das glaube ich nicht. Palin wird sich vorstellen, dass sie eine Chance hätte. Bis in zwei Jahren wird sich die wirtschaftliche Lage in Amerika noch nicht so erholt haben, dass alle jetzt Arbeitslosen oder Verarmten ihre Krise überwunden haben und Obama dankbar sein werden. Die populistische Ausnutzung der wirtschaftlichen Not könnte also weitergehen. Die Schuld dafür wird dann Obama gegeben, und Palin rechnet sich deshalb eine Chance aus.

Sarah Palins Comeback 2010 ist aber nach ihrem himmeltraurigen Auftritt im kurzen Wahlkampf 2008 äusserst bemerkenswert.

Wir haben uns doch 2008 alle gewundert, dass diese unbedarfte Frau überhaupt zur Kandidatin aufsteigen konnte. Aber Sarah Palin hat Haare auf den Zähnen. Sie möchte im politischen Kampf bestehen. Palin wird unterschätzt wie damals Ronald Reagan. Reagan wurde als abgetakelter Schauspieler beschrieben, er war aber ein äusserst fähiger Politiker. Auch Palin ist kein unbeschriebenes Blatt und von 2006 bis 2009 war sie immerhin als erste Frau Gouverneurin von Alaska.

Sie denken, Palin könnte eine fähige Präsidentin sein?

Das können wir jetzt schlicht noch nicht sagen. Es kommt ja in der US-Politik darauf an, wie ein Präsident sein Team zusammenstellt. Reagan war ausgesprochen geschickt bei der Auswahl seines Stabs. Wenn Palin das ähnlich fertigbringt, könnte sie als Präsidentin innenpolitisch sogar Erfolg haben.

Eine erschreckende Vorstellung...

Schauderhaft, weil bei der draufgängerischen Natur von Frau Palin auch die amerikanische Aussenpolitik plötzlich wieder aggressiv und unberechenbar werden könnte wie unter Bush/Cheney.

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