Am Ende konnte die CSU die Verluste doch noch ein wenig abfedern. Vermutlich, weil die vielen Unentschlossenen Experimente scheuten, angesichts der Tatsache, dass Bayern so gut dasteht. Das Ergebnis von etwa 37 Prozent bedeutet dennoch eine historische Klatsche für die CSU, die seit 1962 ununterbrochen den bayerischen Ministerpräsidenten stellt und in 56 Jahren Regentschaft nur zweimal einen Koalitionspartner gebraucht hatte.

Die CSU wird deutlich geschwächt weiterregieren dürfen, vermutlich weiterhin mit Ministerpräsident Markus Söder an der Spitze, neu aber in einem bürgerlichen Bündnis mit den Freien Wählern. «Wir nehmen das Ergebnis an, auch mit Demut, und wir werden aus dem Ergebnis auch Lehren ziehen müssen», sagte der 51-jährige Franke, der dem Bundesland seit diesem Frühjahr vorsteht.

Welche Schlüsse die Partei aus den Wahlverlusten – vor fünf Jahren erreichte die CSU noch annähernd 48 Prozent der Stimmen – ziehen wird, bleibt offen. Genauso die Zukunft von Parteichef und Innenminister Horst Seehofer. Im Vorfeld der Wahlen gab es den Versuch der Partei, die Verantwortung für eine etwaige Wahlniederlage dem Innenminister anzulasten.

Seehofers Beliebtheit in der CSU hat zuletzt stark nachgelassen, vor allem seine wiederkehrenden Streitereien mit der Kanzlerin, etwa um die Rückführung von Flüchtlingen an der deutschen Grenze, die im Sommer beinahe zum Regierungsbruch geführt hatten, oder der Konflikt in der Affäre um Geheimdienstchef Hans-Georg Maassen sind für viele in der Partei ausschlaggebend für die schwachen CSU-Werte.

Seehofer hatte stets betont, die Verantwortung für Bayern liege in der Hand des Ministerpräsidenten, er sei nicht bereit, seinen Posten zu räumen. Dabei blieb Seehofer auch gestern: «Ich werde natürlich meine Verantwortung weiterhin wahrnehmen», sagte der 69-Jährige, fügte aber an: «Natürlich wird es in den nächsten Wochen auch darauf ankommen, genau aufzuarbeiten, woran das Ergebnis liegt.» Danach seien die Konsequenzen zu ziehen.

Selbst in dem Falle, dass die Partei sich von Seehofer lösen möchte: So leicht vom Sockel stossen kann sie ihren Parteichef, der in den eigenen Reihen den Beinamen «Crazy Horst» verpasst bekommen hat, nicht. Seehofer ist bis Herbst 2019 als Parteichef gewählt, als solcher kann er bestimmen, welcher Ministeriumsposten in Berlin mit wem besetzt wird. Für die Absetzung Seehofers bräuchte es einen Sonderparteitag.

Abstieg der Volksparteien

In der Aufarbeitung wird die CSU unter anderem ihre Taktik hinterfragen, im Wahlkampf unter anderem so stark auf das Thema Migration gesetzt zu haben. Damit spielte die CSU letztlich der AfD in die Karten. Die Rechtskonservativen konnten mit etwa 11 Prozent ihr Ergebnis von den Bundestagswahlen knapp nicht bestätigen, es zeigt sich, dass die Partei vor allem in Ostdeutschland Zulauf hat.

Statistiken offenbaren ferner, dass die CSU vor allem in den grossen Städten schwach abgeschnitten hat. Urbane Bayern votierten vor allem für die Grünen, welche mit etwa 18 Prozent ihr bestes Ergebnis in Bayern eingefahren haben. Der Aufwärtstrend der Grünen ist auch im Bund zu beobachten.

Die Öko-Partei profitiert landesweit von der Strahlkraft ihres neuen Führungsduos Robert Habeck und Annalena Baerbock, zudem gelten die Grünen programmatisch quasi als Gegenpol zur AfD. Der Absturz der CSU passt darüber hinaus in den allgemeinen Trend, dass Volksparteien an Wählergunst verlieren.

Welche Auswirkungen das schwache CSU-Abschneiden auf die Politik der Bundesregierung haben wird, wird sich zeigen. Die CSU ging zuletzt öfters auf Konfrontation mit der CDU von Kanzlerin Angela Merkel. Unberechenbarer für die Kanzlerin wird vermutlich auch ihr zweiter Koalitionspartner, die SPD. Die Sozialdemokraten haben ihr Ergebnis zu 2013 halbiert, schaffen es – je nach Hochrechnungen – nicht einmal mehr auf einen zweistelligen Wert.

Die massiven Verluste der Partei in Bayern, aber auch die deutlich sinkende Zustimmung auf Bundesebene wird die Nervosität in den Reihen der Genossen erhöhen. «Sicherlich ist einer der Gründe für das schlechte Abschneiden der SPD auch die schlechte Performance der Grossen Koalition in Berlin», analysierte SPD-Chefin Andrea Nahles.

Die 48-Jährige gerät in den eigenen Reihen zunehmend unter Druck. Angesichts des Wählerschwundes dürften die Stimmen lauter werden, welche fordern, dass die SPD die Grosse Koalition verlässt. Partei-Vize Ralf Stegner vom linken Flügel gab gestern Abend schon mal die Richtung vor: «Es gibt keinen Grund, um jeden Preis an GroKo festzuhalten», twitterte er. «Einfach weiter so ist keine Option!»