Es war einmal ein Mann, dem wollte einfach alles gelingen. Er war charmant, wohlhabend und intelligent. Schon jung hatte er nach Höherem gestrebt, mit 16 erklärt, er werde seine Theaterlehrerein heiraten. Was er auch tat. Seine Vorhersage, er werde einmal Staatschef seines Landes werden, hielt er ebenfalls. Das Karma verliess ihn nie: Wie durch ein Wunder schalteten sich seine Widersacher (Alain Juppé, François Fillon und François Hollande) eigenhändig aus, und als zum Schluss nur noch die böse Hexe (Marine Le Pen) übrig blieb, flogen die Herzen dem wackeren Ritter wie von selbst zu.

Das Märchen hielt an, als Emmanuel Macron bereits König in seinem Schloss (so nennen Eingeweihte den Élysée-Palast) war. Mit flammenden Europareden in Athen und an der Pariser Sorbonne-Universität wurde der neue Staatschef gerade jenseits der Landesgrenzen fast zum Heilsbringer des alten Kontinentes verklärt. Der neue Fixstern am europäischen Himmel verkündete eine «kopernikanische Revolution», deutsche Medien entdeckten schlicht einen «Visionär».

In Frankreich herrschte weniger Euphorie, doch liess man den Präsidenten gewähren. Souverän zog er die angekündigten Reformen durch. Schon in jenem Sommer 2017 gab es aber verstörende Signale. Der linke Abgeordnete François Ruffin, ein rauer Rebell, schrieb in einer Kolumne: «Sie sind verhasst, verhasst und nochmals verhasst – bei den Rechtlosen, den Vergessenen, den Leuten ohne Rang.» Macron hörte darüber hinweg. Ab und zu begab er sich unter das Volk, zum Beispiel in einen Bahnhof, «wo man Leute kreuzt, die Erfolg haben, und andere, die nichts sind».

Der verächtliche Satz war Macron rausgerutscht, so wie er auch schon Schlachthofarbeiterinnen als «Analphabetinnen» bedauert hatte. Als Macron die Vermögenssteuer auf den Immobilienbesitz reduzierte, schluckten viele Franzosen leer; doch der Präsident erklärte ihnen, das geschehe, um die Leute mit viel Geld im Land zu behalten und mit ihren Investitionen Jobs zu schaffen. Einige seiner Berater fragten ihn, ob man im Gegenzug nicht auch den Geringverdienern ein Steuergeschenk machen müsse.

Der Schlossherr hatte anderes zu tun. Er konzentrierte sich auf den Handshake mit Donald Trump, beeindruckte Wladimir Putin im Spiegelsaal von Versailles, bemühte sich um Angela Merkel. Seinen Landsleuten beschied er, sie sollten sich «weniger beklagen»; in Frankreich brauche man, wie er ein andermal tönte, «nur über die Strasse zu gehen, um einen Job zu finden». Die drei Millionen Arbeitslosen dankten für die Aufklärung. Die anderen Franzosen, die, die hart arbeiten, aber am Ende des Monats trotzdem vor einem leeren Konto stehen, stiess Macron mit seiner Benzinsteuererhöhung vor den Kopf. Dieses Kernfrankreich, bestehend aus Globalisierungsverlierern an den Stadträndern und der tiefen Landesprovinz, holte die Warnwesten aus ihren Autos und schreit nun im Chor: «Macron, wir haben genug von den Steuern, genug von dir!»

Drei Jahre Zeit bleiben

Jetzt fiel bei Macron der Groschen. Er trat vor die TV-Kameras und verschenkte mit samtweicher Stimme Sozialmassnahmen im Wert von über zehn Milliarden Euro, um das Volk zu beschwichtigen und die Revolte zu ersticken. Alles wendet sich nun gegen den Präsidenten. Er büsst auch für Versäumnisse anderer: Auf einem Verkehrskreisel in Orléans sagte eine «gilet jaune», sie rebelliere gegen «dreissig, vierzig Jahre verfehlter Politik». So lange steigt die Arbeitslosigkeit, so lange hat Frankreich kein ausgeglichenes Budget mehr zustande gebracht, obwohl die Steuern und Abgaben 46 Prozent des Bruttosozialproduktes erreichen.

Er, der im Wahlkampf selber davon profitiert hatte, dass die Franzosen alle Rechts- und Linkspolitiker auf den Mond wünschten, wird nun selber von dieser «Hau ab»-Welle eingeholt. Die Bilder von Chaos und Gewalt zerstören die Anstrengungen des Präsidenten, Frankreich als attraktiven Standort zu präsentieren. Wegen der Gelbwesten-Proteste sagen Touristen ihre Frankreichreise ab. Investoren lassen sich vom Abbau der Vermögenssteuer bisher auch nicht anziehen. Macrons Ruf eines Erneuerers ist angeknackst.

Ist der Staatschef nach der Gelbwesten-Krise politisch bereits erledigt? Nicht unbedingt: Macron ist noch bis Mitte 2022 gewählt, und die Stellung des französischen Präsidenten ist fast unanfechtbar. Aber ohne das Volk kann Macron nicht regieren, noch weniger reformieren: Politisch isoliert zwischen den Blöcken, ohne Rückhalt durch seine ebenso unerfahrene Partei «République en marche» (LRM), wäre er auf die Volksgunst angewiesen, die er verloren hat.

Immerhin hat Macron noch mehr als drei Jahre im Élysée vor sich. Die französische Politik ist wankelmütig, heute zudem extrem schnelllebig. Einer geschickten Hand ist es möglich, die Stimmung in Frankreich zu wenden, die Franzosen auf ihre Seite zu bringen.