Frankreich

Emmanuel Macron will nicht wie sein Mentor François Hollande enden

François Hollande und Emmanuel Macron waren sich anfänglich sehr nah. Doch der Ziehsohn hat schon seit geraumer Zeit nur Verachtung für seinen Mentor übrig.

François Hollande und Emmanuel Macron waren sich anfänglich sehr nah. Doch der Ziehsohn hat schon seit geraumer Zeit nur Verachtung für seinen Mentor übrig.

Frankreichs neuer Präsident Emmanuel Macron will den Eindruck vermeiden, er trete in die Fussstapfen seines Vorgängers. Dabei standen sich die beiden einst so nahe.

Es war eine paternalistische, fast possessive Geste. Diese Woche, im luftleeren Zeitraum zwischen Wahlsieg und Amtsantritt, lächelte Emmanuel Macron nur, als ihm François Hollande vor allen Gästen die Hand um den Hals legte.

Höflich hörte er mit, als der abtretende Staatschef über den zukünftigen Präsidenten posaunte: «Ich werde immer an seiner Seite sein.» Doch eigentlich will Macron nur eins: sich freimachen von seinem einstigen Mentor, der eine «freundschaftliche» Stabübergabe verspricht.

In einem neuen Dokumentarstreifen zur Präsidentschaftswahl ist eine bemerkenswerte Sequenz zu sehen: Macron kanzelt erbost sein Wahlkampfteam ab, weil es ihn bei einem Fabrikbesuch in Amiens zu stark von den streikenden Arbeitern abgeschottet hat.

«Wir müssen mehr Risiken eingehen, wir müssen uns jedes Mal in die Höhle des Löwen wagen. Wenn ihr zu stark auf die Leibwache hört, werdet ihr wie Hollande enden – ihr seid zwar in Sicherheit, aber ihr seid tot.»

Zuerst eine fast väterliche Beziehung

Wie Hollande enden: Diese spontane und darum wahre Bemerkung sagt sehr viel über das Verhältnis der beiden Politiker, die sich einst nah gewesen waren. Macron verdankt Hollande seinen Aufstieg. 2012 hatte der Präsident den unbekannten Finanzinspektor auf eine Empfehlung hin zum Vizesekretär des Präsidialamtes ernannt.

Der erfahrene Staatschef nahm den um 23 Jahre jüngeren Novizen unter seine Fittiche, und eine fast väterliche Beziehung entspann sich. Zwei Jahre später machte Hollande seinen Ziehsohn zu seinem Wirtschaftsminister.

Macron bedankte sich artig, aber was damals kaum jemand wusste: Innerlich hatte er mit Hollande bereits abgeschlossen. Denn als er 2013 seine Grossmutter verlor, die ihm wie eine Mutter gewesen war, reagierte der Präsident gegenüber dem sensiblen und tief trauernden Sekretär völlig gefühlskalt.

Komplett am Boden, überwand Macron es nie; gemäss seiner Biografin Anne Fulda sagte er: «Mit Hollande bin ich am Ende.» Nun nahm er keine Rücksicht mehr auf die Wiederwahlabsicht des Präsidenten, während er seine eigenen Élysée-Pläne vorantrieb. Ende 2016 zwang er Hollande gar indirekt zum Verzicht. Der Zauberlehrling hatte sich nicht nur emanzipiert, er hatte seinen eigenen Mentor ausgeschaltet.

Die Rechte bezeichnet Macron gerne als «Hollandes Erben». Politisch stehen sich die beiden Absolventen der Eliteschule ENA in der Tat sehr nahe, näher jedenfalls als menschlich: Sie verfolgen den gleichen sozialliberalen Wirtschaftskurs, sind für die gleich offene Gesellschaft. Und doch sucht Macron in diesen Tagen vor allem den Eindruck zu vermeiden, er trete in die Fussstapfen seines jovialen Vorgängers.

Der angehende Staatschef weiss um seine fragile Ausgangsposition beim Einzug ins Élysée. Er selbst verdankt seine Wahl zu einem guten Teil dem Umstand, dass die Franzosen seine Gegnerin Marine Le Pen ablehnten. Ähnlich Hollande: Er war 2012 wohl in erster Linie deshalb Präsident geworden, weil eine Mehrheit der Wähler die Wiederwahl von Nicolas Sarkozy verhindern wollte.

Um sich von seinem «Blingbling»-Vorgänger abzuheben, spielte Hollande den «président normal», womit er alles nur noch schlimmer machte: «Die Franzosen haben Sarkozy wie Hollande stets vorgeworfen, nicht genug Monarch zu sein», sagt der belgische Chronist Eric Verhaeghe. «Sie haben es gerne, wenn ihr Präsident das Verlangen danach stillt.»

«Unmöglich ist nicht französisch»

Macron stillte es gleich nach seiner Wahl. Inmitten der grandiosen Louvre-Kulisse schritt er am vergangenen Sonntag vier Minuten lang allein den «Cour Napoléon» ab, so wie François Mitterrand 1981 zum Panthéon hochgewandert war.

Nach dieser Selbstinszenierung zu den Klängen von Beethovens «Ode an die Freude» rief der 39-jährige Polit-Komet vor der Louvre-Pyramide aus: «Alle sagten, es sei unmöglich. Aber sie kennen Frankreich nicht!» Die 20'000 Anhänger hörten darin wohl das Bonmot von Napoleon, der mit 35 Jahren Kaiser geworden war: «Unmöglich ist nicht französisch.»

Eine Sache des Stils

Macron weiss, dass das Regieren in Paris vor allem eine Sache des präsidialen Stils ist. Am Abend des ersten Wahlgangs hatte er sich noch dazu verleiten lassen, neben seiner Ehefrau Brigitte Handküsschen zu verteilen, als wäre er in einer US-Wahlkampfshow.

Dann feierte er seinen erst provisorischen Erfolg mit Freunden und Prominenten in der Pariser Brasserie La Rotonde. Die Pariser Medien fühlten sich an Sarkozy erinnert, der im Nobellokal Fouquet’s auf den Champs-Élysées gefeiert hatte und zum Amtsantritt mit seiner ganzen Patchworkfamilie im Élysée-Hof angetrabt war.

Aber Macron lernt schnell: Am Sonntag dürfte er die Amtsgeschäfte von Hollande allein auf den Treppen des Präsidentenpalastes entgegennehmen. Wie immer mit perfekten Manieren und einnehmendem Lächeln. Aber heillos froh, wenn Hollande den Palast endlich verlassen hat.

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