Der chinesische Koch im berühmtesten Restaurant in Guangzhou muss arg ins Schwitzen gekommen sein, als der deutsche Kanzler zur Tür hereinkam und «Schweinefleisch süss-sauer, aber aus Rind» bestellte. In Erinnerung blieb der Pfälzer, der daheim am liebsten Saumagen ass, auf jeden Fall – denn seit Kohls Besuch 1993 gibt es in Guangzhou das Gericht «Ke-Er Niuliu» – chinesisch für: Rindsfilet à la Helmut Kohl. Es ist das einzige Gericht
in China, das nach einem ausländischen Politiker benannt wurde.

Kohl hatte zu dieser Zeit sein wichtigstes politisches Projekt, die Wiedervereinigung Deutschlands, erfolgreich hinter sich – und im Zuge dessen eine Rede gehalten, die weltweit in Erinnerung bleiben sollte: Am 19. Dezember 1989 sprach Kohl vor der Ruine der Dresdner Frauenkirche – zum ersten Mal vor grossem Publikum in der Deutschen Demo-
kratischen Republik (DDR). Seine Rede kam einer Gratwanderung gleich: Vor ihm unzählige, hoffnungsvolle DDR-Bürger, die nichts sehnlicher herbeiwünschten als die Deutsche Einheit, im Nacken die gesamte Weltpolitik, deren Protagonisten nach dem Mauerfall jeden Schritt des Kanzlers auf seiner DDR-Reise beäugten.

«Liebe Landsleute», hob der Bundeskanzler an. Die Menge tobte. Eine «Demonstration für Demokratie, für Frieden, für Freiheit und für die Selbstbestimmung unseres Volkes», nannte Kohl das Aufbegehren der Bürgerinnen und Bürger in der DDR. Seine Rede schloss er mit dem Satz: «Gott segne unser deutsches Vaterland!» Dazwischen schob Kohl einen weiteren Satz, der Geschichte machen sollte: «Von deutschem Boden muss in Zukunft immer Frieden ausgehen», sagte der Kanzler. «Das ist das Ziel unserer Gemeinsamkeit!»

Helmut Kohl - ein Best Of des Kanzlers der Einheit

Helmut Kohl - ein Best Of des Kanzlers der Einheit

 

Blühende Landschaften

Das Verhältnis zu den «neuen Bundesländern», wie man nach der Wiedervereinigung zu sagen pflegte, war freilich Thema unzähliger Reden Helmut Kohls. Denkwürdig war eine Fernsehansprache im Juli 1990, in der der Kanzler einen Terminus bemühte, der ihm später wiederholt auf die Füsse fallen sollte: «Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt.»

Die «blühenden Landschaften» waren eine Steilvorlage für Angriffe auf den Einheitskanzler, denn zu blühen begann es nicht überall.

Die Industrie in weiten Teilen Ostdeutschlands lag darnieder. Die Natur überwucherte stillgelegte Industriegebiete und holte sich ganze Landstriche zurück. Dort blühte es, aber anders, als von Kohl erhofft.

«Geistig-moralische Wende»

Mit Schlagworten, die zum Bumerang werden, hatte Kohl indes bereits Erfahrung: Die von ihm
früh ausgerufene «geistig-moralische Wende» wurde dem Kanzler vorgehalten, als in den 80er-Jahren die Affäre um Parteispenden des Flick-Konzerns publik wurde.
An die Einheit und daran, dass es letztlich gut kommen wird, glaubte Kohl derweil immer — auch wenn das Blühen auf sich warten liess: «Keine Volkswirtschaft hätte die deutsche Einigung so gut geschafft wie die deutsche», sagte er einmal.

Berühmt wurde Helmut Kohl jedoch nicht nur für die innerdeutsche Verbrüderung, sondern auch für seine Freundschaft mit den Franzosen. Sie gipfelte in dem Satz: «Ich weiss nicht, was der französische Staatspräsident Mitterrand denkt, aber ich denke dasselbe.» Blindes Vertrauen.

Dieses brachte Kohl einer ganz gewiss nicht entgegen: Franz-Josef Strauss, bayerischer Ministerpräsident von der Schwesterpartei CSU. «Mich fasziniert bei den Fernsehauftritten Helmut Kohls immer wieder, dass der den Eindruck erweckt, jeder könne Bundeskanzler werden!», sagte der im Jahr 1985.

Helmut Kohl wurde es. Und blieb es 16 Jahre lang. Darum gibt es freilich nur ein einziges Zitat, das an dieser Stelle noch fehlt: «Entscheidend ist, was hinten rauskommt.»