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Er, dessen Name nicht genannt werden darf

Jeremy Corbyn, Chef der linken Labour-Partei, ist selbst unter Labour-Anhängern zusehends verhasst. Der 70-Jährige dürfte die Wahlen verlieren.

Jeremy Corbyn, Chef der linken Labour-Partei, ist selbst unter Labour-Anhängern zusehends verhasst. Der 70-Jährige dürfte die Wahlen verlieren.

Morgen wählen die Briten ein neues Parlament. Die linke Labour-Party hat dabei ein grosses Problem: ihren Chef Jeremy Corbyn.

«Ihr habt die Sache vergeigt», ruft die elegante Dame und wirft zornig die Tür ihres blauen BMWs zu. Mit Labour-Leuten will sie eigentlich gar nicht sprechen, ihren Namen möchte sie nicht nennen. Aber so viel sagt sie dann doch: Eigentlich neige sie der linken britischen Labour-Partei zu, den konservativen Premier Boris Johnson kann sie wegen seiner Brexit-Politik nicht leiden. «Aber Jeremy Corbyn in der Downing Street? Kommt nicht in Frage!»

Es dämmert schon an diesem Nachmittag im Dezember. Durch die Knowsley Road im Londoner Bezirk Battersea spazieren Aktivisten mit roten Klemmbrettern. Bewaffnet mit Informationen von früheren Wählerbegegnungen klopfen sie an diese Tür («ein Stammwähler»), klingeln an jener («Frau eher Ja, Mann eher Nein»), lassen aber auch immer wieder Häuser aus, in denen Leute leben, die kaum für die britische Opposition wählen werden.

Es ist Wahlkampf in Grossbritannien. Morgen wählen die Briten ein neues Parlament. Die Mehrheitsverhältnisse werden auch über die Zukunft des Brexit-Verfahrens entscheiden. Gewinnen die konservativen Tories, verspricht deren Chef Boris Johnson einen harten Brexit. Gewinnt die Labour-Partei, solls zu einer zweiten Brexit-Abstimmung kommen.

Sympathien für Venezuelas Diktator

Doch das dürfte kaum passieren. Gewinnen werden aller Voraussicht nach die konservativen Tories (laut aktuellen Umfragen bei 42 Prozent) vor der linken Labour (36 Prozent) und den gemässigten Liberaldemokraten (12 Prozent).

Labour-Chef Jeremy Corbyn versucht, die drohende Niederlage mit allen Mitteln abzuwenden. Mit mehr als 450'000 Mitgliedern konnte seine Arbeiterpartei deutlich mehr Aktivisten in die Schlacht schicken als die regierenden Tories oder die Liberaldemokraten. Das Problem der Labour-Aktivisten: Kaum jemand teilt ihre Begeisterung für den 70-jährigen Parteivorsitzenden Corbyn. Wie bei der Wahl vor zwei Jahren trommeln die konservativen Medien seit Monaten gegen den Sozialisten, erinnern an dessen Unterstützung für die irische Terrortruppe IRA in den 1980er-Jahren und für das venezolanische Regime von Hugo Chávez.

Anders als vor zwei Jahren macht der 2015 überraschend zum Parteichef gewählte Alt-Linke die schamlose Propaganda nicht durch frische Auftritte wett. Mögen viele Labour-Ideen wie das gewaltige Investitionsprogramm für Schulen und Krankenhäuser auch populär sein – Corbyn selbst wirkt müde.

Trotzdem kämpfen Corbyns Parteisoldaten erbittert weiter – vor allem im Londoner Bezirk Battersea. 2017 betrug Labours Vorsprung unter den 77'500 Wahlberechtigten hier gerade mal 2416 Stimmen. Von Parteichef Corbyn aber distanzieren sich die Kandidaten hier deutlich. Die Labour-Kampagne ist ganz auf die örtlichen Kandidatin Marsha de Cordova zugeschnitten. Die stark sehbehinderte Frau sitzt seit 2017 im Unterhaus und will dort auch nach den Wahlen weiter für Behindertenrechte kämpfen. Mit Corbyns Konterfei aber holt sie keine Stimme, das weiss de Cordova. Ihre Flugblätter erwähnen den Parteichef mit keinem Wort.

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