Zusammen mit den britischen Investigativ-Journalisten von «Bellingcat» trug er dazu bei, russische Geheimdienstler im Fall Skripal zu entlarven. Wir haben ihn in einem Moskauer Plattenbauviertel auf einen Kaffee getroffen.

Roman Dobrochotow: Der Fall Skripal ist unsere dritte gemeinsame Recherche mit «Bellingcat». Wir haben bereits über den Einsatz russischer Geheimdienstler beim Putschversuch in Montenegro publiziert und auch nachvollziehen lassen, dass für den Abschuss der MH-17-Maschine über der Ukraine der GRU verantwortlich ist. Auch beim Skripal-Fall war es eine fruchtbare Symbiose. Wir teilen uns die Arbeit auf. Zunächst gehen alle Dokumente und Daten an «Bellingcat», sie sitzen ja in Westeuropa und sind bei solchen Informationen weniger in Gefahr als wir. Wenn es später darum geht, mit russischen Quellen zu sprechen, russische Telefonnummern auszuprobieren, an bestimmte Orte im Land zu fahren, kommen wir ins Spiel. Denn wir wissen, wie es hier läuft, bekommen dadurch hie und da mehr Infos heraus, als es ein ausländischer Journalist könnte. Bei uns arbeiten 13 Leute, es ist eine Low-Budget-Sache. Ein Kollege und ich sind für die Recherchen mit «Bellingcat» zuständig.

Bei all diesen Recherchen scheint durch, wie dilettantisch doch russische Geheimdienstler arbeiten. Ist es auch Ihr Eindruck?

Der GRU ist ein Militär-Geheimdienst, seine Spezialität sind Attacken und Zugriffe. Er ist es, im Gegensatz zum «zivilen» Auslandsgeheimdienst SWR, nicht gewohnt, vorsichtig im Geheimen zu operieren. Er ist viel grobschlächtiger, risikobereiter. Wenn man GRU-Agenten nun im eigentlich falschen Auftrag einsetzt, so tauchen sofort Spuren auf, die sie nicht imstande waren zu verwischen. So sind die albernen Fehler mit den Passnummern, den Telefonnummern und Autokennzeichen zu erklären. Die Daten waren problemlos zugänglich, mit ein wenig Recherche – zumal in unserem korrupten Land – kamen wir schnell an solche Listen. Eigentlich müsste der GRU aufgelöst werden, um ganz neue Strukturen zu schaffen. Er hat sich in dieser Art selbst entlarvt.

Der russische Staat wirft Ihnen vor, ein von westlichen Geheimdiensten bezahlter Macher von Fake News zu sein. Wie gehen Sie mit solchen Vorwürfen um?

Unsere Recherchen sind jetzt in aller Munde, das schützt natürlich. Bislang spüren wir keinen Druck. Aber wir sind auf solche Dinge wie die Blockierung unserer Seite vorbereitet. Die juristische Adresse von «The Insider» befindet sich in Lettland, das erschwert den staatlichen Zugriff aus Russland. Unsere Finanzierung stemmen wir mit Projektgeldern aus Europa und mit Crowdfunding. Wenn es für mich zu gefährlich werden sollte, kann ich jederzeit ausreisen. Aber dadurch höre ich ja nicht mit meiner Arbeit auf. Was hätte der Kreml davon? Also lässt man uns arbeiten, mit einigen scharfen Verbalattacken vonseiten des Staates.

Wenn der Kreml tatsächlich vor kaum etwas zurückschreckt, wie soll der Westen mit Putin umgehen?

Er soll die Dinge beim Namen nennen. Putin ist ein Mensch, der meint, er könne alles tun. Also tut er alles und fragt dann: Und, was tut ihr nun? Er hat das Vertrauen in Russland zerstört, ist längst kein zuverlässiger Partner mehr, mit dem man zu tragbaren Lösungen findet. Man müsste ihn in Den Haag anklagen. Und mit Russland erst kooperieren, wenn es wirklich auf Menschenrechte, Freiheit und Demokratie setzt.