Haiti – 1 Jahr danach

Erdbebenopfer: «Auf uns liegt ein Fluch»

Vor einem Jahr bebte in Haiti die Erde. Hundert Tausende starben. Menschen aus aller Welt spendeten, Hilfswerke bemühnten sich um einen schnellen Wiederaufbau. Warum es ein Jahr nach der Erdbebenkatastrophe nur wenig Fortschritte gibt.

«Please, come here, we need help», hat jemand mit weisser Farbe auf eine halb eingestürzte Mauer an der Ausfallstrasse von Port-au-Prince nach Leogane geschrieben. Ein Pfeil zeigt in eine Seitenstrasse. Die Schrift ist ein Jahr alt und etwas verblasst, aber genauso aktuell wie nach dem schweren Erdbeben vom 12. Januar 2010: Die rund 200000 Toten waren kaum bestattet, die Trümmer noch nicht weggeräumt, da brach die Cholera aus und kostete bisher rund 3300 Menschenleben.

Im November führte eine chaotische Wahl Haiti in eine politische Sackgasse. Doch was erklärt die Abwärtsspirale in einem Land, das unter der französischen Kolonialherrschaft zu den reichsten der Karibik gehörte und das nach den USA das erste auf dem Kontinent war, das sich seine Unabhängigkeit erkämpfte?

Einheimische sind arbeitslos

«Auf uns liegt ein Fluch», sagt Egide Fils-Aimé leise und schlägt die Augen nieder. Der schlanke 36-Jährige sieht mit seinen Muskelpaketen an Armen und Beinen aus wie jemand, der mitanpackt beim Wiederaufbau.

Doch er ist arbeitslos, die Aufräumarbeiten erledigen Firmen aus den USA und der Dominikanischen Republik. Sein Häuschen stürzte bei dem Beben zusammen, seither lebt er mit seiner Familie in einem kleinen Zelt zwischen Port-au-Prince und Leogane unter einem Mangobaum.

Ein paar Kleider und ein paar Töpfe und Teller konnte er aus den Ruinen retten, eine Hilfsorganisation spendete das Zelt und eine Pritsche.

Egide spielt mit den Männern aus dem Nachbarzelt Domino – und wartet. Auf Hilfe von der Regierung und den Ausländern, darauf, dass seine Frau ein paar Süssigkeiten auf dem Markt verkauft, darauf, dass die Mangos reif werden. Böser Zauber ist eine akzeptierte Erklärung für Missstände aller Art.

Korrupte unterschlagen Millionen

Ebenso wie die Entwicklungshilfe. Seit dem Sturz der Duvalier-Diktatur 1986 intervenierten die UNO und die USA siebenmal und bemühten sich Hilfsorganisationen aus der ganzen Welt um Haiti – gefruchtet hat es wenig. Millionen verschwanden in den Taschen korrupter Funktionäre.

Für die Strasse von Port-au-Prince nach Jacmel – eine zweispurige Schlaglochpiste – bezahlte Taiwan so viel, dass man eine vierspurige Autobahn hätte bauen können.

Cité Soleil, einer der deprimierendsten Slums Lateinamerikas, blieb ein finsteres Gewirr aus Wellblech- und Holzhütten, wo sich magere Kinder in offenen Abwasserkanälen waschen, Schweine im Schlamm wühlen und bewaffnete Gangs das Sagen haben.

Der Karibikstaat ist lateinamerikanisches Schlusslicht bei nahezu allen Entwicklungsindizes, angefangen beim Analphabetismus über die Kindersterblichkeit bis hin zur Armut.

Politologen sprechen vom «gescheiterten Staat». «Das Beispiel Haiti zeigt, dass Demokratie nur mit einem Mindestmass an Bildung und Wohlstand funktioniert», sagt Priester Max Delamour.

Wettlauf um Spendengelder

Nach dem Beben, bei dem der ohnehin schwache Staatsapparat völlig zusammenbrach, sorgten Tausende eingeflogener Helfer rasch für die humanitäre Nothilfe. «Das lief hervorragend, da sind die NGOs gut eingespielt», sagt Robert Perito vom US Institute of Peace.

Beim Wiederaufbau läuft es alles andere als harmonisch. Die Helfer liefern sich seither einen Wettlauf um Spendengelder und besonders attraktive Projekte wie den Bau von Häusern, Spitälern und Schulen.

Um «unattraktive» Projekte wie die Beseitigung der Trümmer, die Wiederaufforstung oder die Justiz- und Bildungsreform will sich keiner kümmern. Doch ohne Bildung wird ein Land, in dem zwei Drittel der Menschen nicht lesen und schreiben können, kaum vorankommen.

In der Kleinstadt Leogane, dem Epizentrum des Bebens, ist anschaulich zu betrachten, was UNO-Missionschef Edmond Mulet die «NGO-Republik» nennt. Die Stadt liegt in Trümmern, über die Strasse ziehen sich tiefe Risse, links, daneben reiht sich ein Projekt neben das andere.

Fast keine Exporte

Vom «humanitären Business» spricht in abfälligem Ton Dan Nzinga, ein US-Haitianer, der nach dem Beben Frau und Baby zurückgelassen hat und in die Heimat zurückgekehrt ist. In Carrefour managt er eines der grössten Flüchtlingslager mit 22000 Menschen.

«Unser Elend ist ein Produkt», sagt der 33-Jährige bitter, «und zwar das einzige, das wir exportieren.» Ansonsten importiert Haiti nahezu alles von Eiern bis Handys, vor allem aus den USA und der Dominikanischen Republik.

Dabei könnte das fruchtbare Artibonite-Tal in Zentralhaiti richtig bewirtschaftet einen Grossteil der heimischen Nahrungsmittelnachfrage abdecken, Haitis Mangos und Kaffee gelten als exzellent. Doch eine eigene Wirtschaftsstrategie entwickelte das Land nie.

Die Franzosen setzten auf Zuckerrohr-Monokultur. Später besetzten die USA das Land und unterstützten dann die antikommunistische Duvalier-Diktatur, die auf Textilfertigung durch billige Arbeitskräfte setzte.

Auf Haiti ist sich jeder selbst der Nächste, an den Müllbergen, den Kindersklaven und den verstümmelten Bettlern stört sich kaum einer der wohlhabenden Haitianer. Die haben an den Katastrophen ohnehin gut verdient. Die Mietpreise, die sie von den Ausländern für ihre Villen verlangen, konkurrieren mit denen in New York und Paris. 86 Prozent aller Haitianer mit mittlerem Schulabschluss wandern aus. Zurück bleiben die Ungelernten, die Analphabeten, die Elendesten.

Der Volksrage fallen die Präsidentenresidenz, Museen, Ministerien und Polizeistationen zum Opfer. Bei den jüngsten Protesten gegen die UNO, der vorgeworfen wird, die Cholera eingeschleppt zu haben, gingen Feldlazarette in Flammen auf – dabei funktioniert die Notversorgung nur dank ausländischer Infrastruktur.

Suche nach einem Kompromiss

Die für den 16.Januar geplanten Stichwahlen, aus der eigentlich der neue Staatschef und das neue Parlament hätten hervorgehen sollen, mussten wegen gravierender Manipulationen in der ersten Runde und blutiger Proteste gegen die verkündeten Ergebnisse abgesagt werden.

Hinter den Kulissen suchen nun die UNO, die Opposition und der bei der Bevölkerung unbeliebte Präsident René Preval, der seinem Kronprinzen Jude Celestin den Einzug in die Stichwahl sichern will, einen Kompromiss. Bis der gefunden ist, baumelt Haiti wieder einmal am seidenen Faden. Die internationale Gemeinschaft fordert eine demokratisch legitimierte Regierung, um die versprochenen 10 Milliarden Dollar lockerzumachen.

Von den für dieses Jahr geplanten 2 Milliarden wurden nach Angaben von Oxfam nur 42 Prozent ausgezahlt. Der ganze Wiederaufbauplan werde in der Hinterkammer ausgeheckt, ohne Transparenz und ohne breite Konsultation, kritisiert der Journalist Richard Widmaier.

Beteiligt daran sind Regierung, Diplomaten, die UNO, Unternehmer, Architekten, Vertreter der Zivilgesellschaft. «Aber jeder verteidigt seine Interessen, ein harmonisches Ganzes entsteht daraus nicht», so Widmaier.

Die wenigen Details zum Wiederaufbau, die bisher bekannt wurden, sorgten für Kontroversen. So soll der Millionenauftrag für den Abriss der beschädigten Gebäude ohne Ausschreibung an eine US-Firma vergeben worden sein.

Im zerstörten Stadtzentrum ist demnach eine moderne Ministerien- und Einkaufsmeile geplant, während die 60000 Obdachlosen, die derzeit auf dem Champs-de-Mars-Platz im Stadtzentrum hausen, an die Peripherie umgesiedelt werden sollen. Doch wer weiss, die nächste Regierung hat vielleicht ganz andere Pläne.

Auf die Frage, wie lange es dauern wird, aus Haiti ein funktionierendes Land zu machen, antwortet UNO-Chef Mulet daher halb ernsthaft, halb humorvoll: «hundert Jahre». Die Bewohner auf den Champs de Mars scheinen es zu ahnen. Längst haben sie ihre Zelte mit Brettern und Wellblech befestigt und um Vorbauten erweitert, in denen sie den Passanten allerlei Krimskrams verkaufen.

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