Der Verband der jüdischen Gemeinden in der Republik Polen (ZGWZ) findet deutliche Worte: «Hier wurde eine Grenze der Vernunft überschritten», heisst es zu einer Aussage des polnischen Premierministers Mateusz Morawiecki. Dieser erklärte am Wochenende auf der Sicherheitskonferenz in München im Hinblick auf das Gesetz zum Schutz des guten Namen Polens, dass man behaupten darf, dass es im Zweiten Weltkrieg «polnische Täter» gab, «so wie es jüdische Täter gab, so wie es russische Täter gab, so wie es ukrainische und nicht nur deutsche Täter gab».

Morawieckis Satz löste in Israel grosses Aufsehen aus. Seit Ende Januar protestiert das Land gegen das polnische Gesetz, da dieses unter Haftstrafe verbietet, dem polnischen Volk eine Teilschuld an Naziverbrechen zuzuschreiben. Israels Premier Benjamin Netanjahu telefonierte noch am Sonntagabend mit seinem polnischen Amtskollegen, es wurden bilaterale Arbeitsgruppen vereinbart, «die die historische Forschungsarbeit verbinden sollen». Zuvor hatte er Morawieckis Satz als «empörend» bezeichnet.

Doch was ist mit der Anspielung auf «jüdische Täter» im Zweiten Weltkrieg gemeint? Das stark von der Regierung kontrollierte Staatsfernsehen TVP zeigte in den Abendnachrichten als Erklärung zum Satz Morawieckis die Mitglieder eines Judenrates, die von den Nationalsozialisten im besetzten Polen als Verwaltung für die sogenannten Judengettos in den Städten eingesetzt wurden.

«Moralische Blindheit»

Der ZGWZ hält dies für nicht statthaft. Mitglieder des Judenrates oder der Gettopolizei könnten nicht mit «deutschen Verbrechern, polnischen oder ukrainischen Tätern» verglichen werden. Dies sei «moralische Blindheit». Denn die jüdischen Funktionäre standen unter dem Eindruck unmittelbaren Terrors, sie mussten Juden ausliefern, da sonst ihre eigene Familie deportiert worden wäre.

Der Streit um das polnische Gesetz hat mittlerweile dazu geführt, dass polnische Vertretungen in Israel von aussen beschmiert wurden. Polens Opposition warf dem Premier mangelnde Professionalität vor. Betrüblich ist auch, dass ausgemachte israelische Polenfreunde sich derzeit kritisch melden. «Polens Regierung macht alles zunichte, was in den letzten 25 Jahren viele Menschen mit enormer Anstrengung in der Beziehung zwischen beiden Völkern erreicht haben», so Szewach Weiss, ehemaliger Botschafter Israels in Polen und ehemaliger Parlamentspräsident der Knesset.

Ähnlich äusserte sich der israelische Präsident. Reuven Rivlin sieht einen «neuen Tiefpunkt» erreicht, sein Besuch am 12. April in Auschwitz zum Marsch der Lebenden gilt als fraglich. «Für das Aussprechen der Wahrheit muss man sich nicht entschuldigen», so Beata Mazurek, die Sprecherin der in Polen regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS).

Belastende Familiengeschichten

Auslöser für Morawieckis umstrittene Aussage war die Anfrage eines jüdisch-amerikanischen Journalisten, dessen Familienangehörigen von Polen an die Gestapo verraten wurden. Vielleicht lässt sich die Reaktion Morawieckis auch an dessen eigener Familiengeschichte erklären. So erzählte Morawiecki Netanjahu, wie seine Mutter erleben musste, dass 1944 beim erneuten Einmarsch der Sowjetunion in Ostpolen (heute zur Ukraine gehörend) polnische Widerstandskämpfer von Sowjets ermordet wurden. Nach Angaben eines Beraters des Premierministers seien es überlebende Juden gewesen, die die Polen an die sowjetischen Behörden verraten hätten, so eine Aussage der Zeitung «Die Welt». Vermutlich werden nun weitere Familiengeschichten in Israel und Polen in die Medien geraten und zu Aufsehen führen.