Was hat Theresa May nicht alles versucht: Ein kurzfristig angesetztes Abendessen mit EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, Telefonate nach Paris und Berlin, eine Charmeoffensive an die über drei Millionen EU-Bürger im Land und zuletzt noch ein engagierter Auftritt vor versammelter Runde der EU-Staats- und Regierungschefs.

Es hat nichts genützt. Die britische Premierministerin erhält kein grünes Licht für den Start der zweiten Phase der Brexit-Verhandlungen, den Gesprächen über das künftige Verhältnis zur EU nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs Ende März 2019.

Die Briten hätten zwar Impulse gesetzt, «aber noch nicht genug, um Etappe zwei zu beginnen», stellte Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Gipfeltreffen gestern in Brüssel nüchtern fest. Das liegt vor allem daran, dass sich Grossbritannien weiterhin weigert, eine Liste aufzustellen, welche seiner finanziellen Verpflichtungen es nach 40 Jahren EU-Mitgliedschaft wie zu bedienen gedenkt. Die Rede ist von 60 bis 100 Milliarden Euro, die der Brexit schlussendlich kosten könnte. London habe hier «den Weg noch nicht einmal zur Hälfte» geschafft, sagte der französische Präsident Emmanuel Macron. Der österreichische Bundeskanzler Christian Kern bemerkte: «Wenn man beim Brexit bleiben möchte, ist jetzt langsam der Zeitpunkt, die Karten auf den Tisch zu legen.»

Immerhin hat es bei den diskutierten Summen mittlerweile eine gewisse Annäherung gegeben, so Kern. EU-Kommissionspräsident Juncker meinte lakonisch: «Zum Brexit habe ich nichts zu sagen, weil es nichts zu sagen gibt.»

Wie meinen Leuten erklären?

Theresa May ihrerseits machte klar, dass für sie nun langsam das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Über Schellfisch und Fasan mit Steinpilzen mahnte sie beim Abendessen, dass sie einen Deal brauche, den sie auch vor ihren Leuten verteidigen könne. Weiter warb sie bei ihren Amtskollegen für Verständnis, dass sie mit der in ihrer Florenz-Rede gemachten Zusage, Grossbritannien schulde der EU noch Geld, bereits ein hohes Risiko genommen habe.

Mays Verweis auf ihre innenpolitischen Schwierigkeiten konnte die Herzen der EU-Staatenlenker indes nicht erweichen. «Das Problem von Frau May ist, dass die Brexit-Befürworter nie erklärten, was die Konsequenzen sind», so Macron.

Nichtsdestotrotz entschlossen sich die EU-Regierungschefs, die unter hohem Druck stehende Britin nicht mit ganz leeren Händen nach Hause zu schicken. In der gemeinsamen Abschlusserklärung hielten sie fest, dass sie sich zu Vorbereitungszwecken bereits jetzt mit Fragen der künftigen Beziehungen und einer Übergangslösung befassen werden.

Liefern die Briten bis zum nächsten EU-Gipfel im Dezember belastbare Fakten zur Austrittsrechnung, kann es dann theoretisch sofort losgehen mit den Verhandlungen, so das Versprechen. Auch atmosphärisch war man um Aufhellung bemüht. Das Wording, der Brexit stecke in einer Sackgasse, empfinde er als «übertrieben», liess EU-Ratspräsident Donald Tusk wissen.

Theresa May wird ihm diese Geste des guten Willens verdanken. Mehr war für sie bei diesem Gipfeltreffen nicht zu holen. Die Front der EU-Staaten steht weiter geschlossen gegen London. Die Bedingung, zuerst die Geldfrage zu klären und erst dann über die Zukunft zu sprechen, hat sich als kluger Schachzug herausgestellt. Keiner will wegen des Brexits weniger aus der EU-Kasse erhalten und keiner will mehr einzahlen. Damit ist Einigkeit garantiert. Wenn es um die künftigen Handelsbeziehungen geht, wird es mit der Harmonie aber schnell vorüber sein.

Zu unterschiedlich sind die Interessen der EU-Mitgliedstaaten hier. Merkel wies gestern auch darauf hin, dass die zweite Phase «ungleich komplizierter» werden wird. Die Ausarbeitung des Verhandlungsmandates wird den Leiter der Brexit-Arbeitsgruppe im EU-Rat, den belgischen Top-Diplomaten Didier Seeuws, vor eine Herausforderung stellen. Man kann jedoch davon ausgehen, dass ihm etwas einfallen wird. Seeuws und sein Team haben sich schon den Zwei-Phasen-Ansatz ausgedacht, an dem sich die Briten eben die Zähne ausbeissen.