Seine Feuertaufe im humanitären Einsatz hatte Grandi in Thailand erlebt. Als junger Mitarbeiter der Hilfsorganisation Catholic Relief Service war er Mitte der 1980er-Jahre in ein Feldspital geführt worden, in welchem sich Hunderte kambodschanische Flüchtlinge befanden.

Kaum war Grandi in dem Lazarett angekommen, sah er einen kleinen, an Malaria verstorbenen Jungen in den Armen der verzweifelt weinenden Mutter. «Meine erste Reaktion war: Diese Arbeit kann ich nicht machen, das halte ich nicht aus», berichtete Grandi unlängst an einer Tagung in Mailand.

Aber er hielt durch. «Mit der Zeit lernte ich, dass angesichts des Leids nur eines wirklich zählt: Solidarität, pure Solidarität», sagte Grandi. 1988 wechselte er zum UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR).

Dort arbeitete er zunächst im Genfer Hauptquartier als Stabschef der Hochkommissare Ruud Lubbers und Sadako Ogata, dann ging er wieder an die «Front» – im Sudan, im Irak und in Afghanistan, wo er als Missionschef amtierte.

Von 2005 an war er beim UNO-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) im Einsatz, das er von 2010 bis 2014 leitete.

Grandi übernimmt das UNHCR vom Portugiesen António Guterres zu einem Zeitpunkt, der dramatischer kaum sein könnte: Rund 65 Millionen Flüchtlinge zählt derzeit die UNO-Organisation weltweit, davon 40 Millionen Binnenflüchtlinge.

Nicht einmal im Zweiten Weltkrieg, als sich 50 Millionen Menschen auf der Flucht befanden, wurden derart viele Flüchtlinge gezählt.

Und mit den Zehntausenden Kriegsflüchtlingen aus Syrien, Irak und Afghanistan, die seit einigen Wochen auf der Balkanroute in Richtung Österreich und Deutschland ziehen, ist die Not und das Elend definitiv auch im wohlhabenden Mitteleuropa angekommen.

Zeichen der Anerkennung

Das Hochkommissariat für Flüchtlinge ist einer der wichtigsten Posten, den die UNO zu vergeben hat.

Mit seinen 27 Jahren im Dienst des UNHCR dürfte Grandi für sein neues Amt gut gewappnet sein. Dass die Wahl auf ihn fiel, darf aber auch als Zeichen der Anerkennung für Italien interpretiert werden, das seit langem mit einem grossen Zustrom von Bootsflüchtlingen konfrontiert ist, welche die gefährliche Reise über das Mittelmeer wagen.

Die italienische Marine und Küstenwache haben in den letzten Jahren Zehntausende von Flüchtlingen vor dem Ertrinken gerettet. Italien ist für diesen Einsatz vom UNHCR und anderen Hilfswerken mehrfach gelobt worden.

Grandi muss von der UNO-Vollversammlung noch bestätigt werden, was aber als Formalität gilt.