Indien

Friedensnobelpreisträger: «Wer glaubt, Sklaverei sei Geschichte, täuscht sich»

«Medien sind eine wichtige Waffe im Kampf gegen Kindersklaverei», sagt Kailash Satyarthi über seine Arbeit.Martial Trezzini/Keystone

«Medien sind eine wichtige Waffe im Kampf gegen Kindersklaverei», sagt Kailash Satyarthi über seine Arbeit.Martial Trezzini/Keystone

Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi über gefährliche Befreiungsaktionen, die Hindernisse im Kampf gegen Kinderarbeit und seine Begegnung mit dem Kindersklaven Kalu Kumar.

Kailash Satyarthi kommt gerade von einer Reise nach Bahrain, wo er auf Einladung des Königs über Kinderrechte sprach. Solche Einladungen erhält der 64-Jährige öfter, seit er für seinen Kampf gegen die Kinderarbeit in Indien mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden ist. Satyarthi war bei Clinton und Obama im Weissen Haus, er war beim Papst, beim Dalai Lama und sprach vor der UNO-Generalversammlung. Am wohlsten aber – das sieht man ihm an – ist es ihm hier auf dem Vorplatz seines Hauses im Zentrum Bal Ashram, wo er mit rund 70 befreiten Kindersklaven lebt.

Sie glauben fest daran, dass der Kinderarbeit weltweit noch zu Ihren Lebzeiten ein Ende bereitet wird. Was ist das grösste Hindernis auf dem Weg zu diesem Ziel?

Kailash Satyarthi: Die Einstellung der Mächtigen in Ländern wie Indien. Die setzen völlig falsche Prioritäten. Es geht ihnen einzig um das Wirtschaftswachstum, nicht um eine gesunde, faire Gesellschaft. Der Kampf gegen Kinderarbeit passt da nicht hinein. 40 Prozent der indischen Bevölkerung sind unter 18. Aber weni- ger als 4 Prozent unseres Budgets wird in die Bildung, Gesundheit und den Schutz von Minderjährigen investiert. Immerhin hat sich die Gesetzeslage aber stark verbessert. Kinderarbeit ist in Indien für Kinder unter 14 verboten. Nur wird dieses Gesetz kaum umgesetzt. Erschwerend hinzu kommt natürlich die Korruption im Polizeiapparat.

Die UNO will, dass bis im Jahr 2025 kein Kind auf der Welt mehr zur Arbeit gezwungen wird. Ist das realistisch?

1999 gab es weltweit 260 Millionen Kinderarbeiter, heute sind es noch 152 Millionen. Trotzdem: Wer glaubt, Sklaverei sei Geschichte, der täuscht sich. Was mich aber positiv stimmt, ist das veränderte Bewusstsein für das Problem, das ich bei meinen Landsleuten feststelle. Bildung hat auch für viele arme Familien inzwischen einen hohen Stellenwert. Sie wissen, dass sie ihre Kinder besser in die Schule statt in die Fabrik schicken sollten, wenn sie sich für die Familie eine bessere Zukunft erhoffen.

Was treibt Sie an, diesen Kampf zu führen?

An meinem ersten Schultag sah ich einen Jungen vor dem Schulhaus. Er war in meinem Alter und arbeitete neben der Strasse. Meine Lehrer sagten mir: Das ist ein Junge aus einer armen Familie. Das ist sein Schicksal. Das wollte ich nicht akzeptieren. Ich fragte mich: Wie kann es sein, dass manche Menschen zum Arbeiten geboren worden sein sollen, während andere zur Schule gehen dürfen? Ich wollte schon als Kind, dass sich das ändert.

Mit Ihrer Organisation haben Sie laut eigenen Angaben über 87 000 Kinder aus der Zwangsarbeit und Sklaverei befreit. Gab es eine Begegnung, die Ihnen besonders geblieben ist?

Ja, jene mit Kalu Kumar. Wir befreiten ihn als Zwölfjährigen aus einer Teppichknüpferei, wo er fünf Jahre lang gearbeitet hatte. Als wir kamen, wurde ihm gesagt, er solle sich unter den Teppichen verstecken. Man sagte ihm, die Leute, die jetzt kämen, wollten ihm seine Nieren stehlen. Als wir Kalu am Abend in unser Zentrum brachten und ihn untersuchten, sahen wir, dass sein Körper mit Brandnarben übersät war. Kalu erzählte, dass ihm die Leute in der Fabrik immer ein Pulver in die Wunden schütteten, wenn er sich geschnitten hatte. Dann hätten sie das Pulver angezündet und die Wunde versengt, dass er nicht mehr blutete. 1999 ging ich auf Einladung von Präsident Bill Clinton mit Kalu ins Weisse Haus. Nach der Begegnung mit dem ehemaligen Kindersklaven stockte Clinton das Engagement der USA für den Kampf gegen Kinderarbeit von 5 auf 30 Millionen Dollar auf. Das war Kalus Verdienst. Tragischerweise starb er vor einigen Jahren an einem Schlangenbiss.

Sie reisen oft in die USA oder nach Europa. Ist das Bewusstsein für die Kinderarbeits-Problematik im Westen, wo die meisten Konsumenten der von Kindern hergestellten Waren wohnen, gross genug?

Leider überhaupt nicht. Die Bemühungen der Medien sind zwar durchaus da. Doch viele Leute achten beim Einkaufen – beispielsweise von Kleidern – immer noch primär auf den Preis. Ihnen sei gesagt: Wenn ein Deal fast zu gut wirkt, um wahr zu sein, dann ist mit dem Produkt etwas faul. Es braucht dringend weitere Aufklärungskampagnen über Firmen, die Produkte verkaufen, ohne garantieren zu können, dass keine Kinder dafür arbeiten mussten.

Sie haben 2014 den Friedensnobelpreis gewonnen, gemeinsam mit der pakistanischen Aktivistin Malala Yousafzai. Die mediale Aufmerksamkeit lag vor allem auf Malala. Haben Sie das Gefühl, Sie seien um die wohlverdiente Aufmerksamkeit geprellt worden?

Wieso sollte ich? Malala ist wie meine Tochter. Wir haben bis heute engen Kontakt. Es ist grossartig, dass eine so junge Frau ausgezeichnet wurde. Dass ich den Preis mit ihr teilen durfte, macht mich stolz. Mein Preis war übrigens der erste Friedensnobelpreis für jemanden, der sich gegen Kinderarbeit engagiert. Die Organisation hat erkannt, dass das ein extrem wichtiges Thema ist.

Im vergangenen Jahr erschien der Film «The Price of Free», der zeigt, wie Sie unter Einsatz Ihres Lebens Kinder aus Fabriken befreien. Was erhoffen Sie sich von der Veröffentlichung dieses Films?

Mehr Aufmerksamkeit für unsere Arbeit und für das Thema der Kindersklaverei. Medien sind eine wichtige Waffe in diesem Kampf.

Im Film dreht sich letztlich alles um Ihre Person. Auch hier im Zentrum hängen Ihre Visage und Ihre Sprüche überall. Bricht der ganze Kampf zusammen, wenn Sie einmal nicht mehr sind?

Nein. Es gibt viele ehemalige Kindersklaven, die in unserem Zentrum gross geworden sind und in meine Fussstapfen treten können. Zum Teil sind sie noch viel engagierter als ich. Sie kennen das Leid, das Kinderarbeit verursachen kann, aus eigener Erfahrung. Ich habe das zum Glück nie selber erleben müssen.

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