Wer auf einer Party sagt, er studiere Philosophie, erntet meist fragende bis mitleidige Blicke. Was man damit bitteschön machen wolle? Ein Abschluss in Philosophie wurde zuweilen als Zwischenprüfung zur Taxifahrerlizenz verspottet. Die Berufsaussichten für Philosophen in der freien Wirtschaft waren bislang eher begrenzt. Für Schöngeistiges gibt es in der Welt der Zahlen meist keinen Platz. Doch das ändert sich gerade. Im Silicon Valley wächst die Nachfrage nach Geisteswissenschaftern.

Technologiekonzerne wie Facebook, Google oder Skype heuern reihenweise In-House-Philosophen an – mit lukrativen Einstiegsgehältern. Die Aufgabe besteht nicht etwa darin, eine Unternehmensphilosophie zu entwickeln, wobei es sich ohnehin meist bloss um ein recht banales Leitbild ohne jeglichen philosophischen Anspruch handelt. Vielmehr gilt es, bestimmte Prämissen in Frage zu stellen.

Bei Facebook war kürzlich die Stelle eines «Community-Risiko-Managers» ausgeschrieben, die explizit einen Abschluss in Philosophie oder wahlweise Journalistik oder BWL voraussetzte. Laut dem Stellenprofil besteht die Aufgabe unter anderem darin, Strategien zu entwickeln und «Post-Mortem-Analysen» (mutmasslich verstorbener Nutzer, mehr ist der Stellenausschreibung nicht zu entnehmen) durchzuführen.

Philosophen als Sinnstifter

Facebook leidet seit den Datenskandalen unter einer Sinnkrise: Vor allem jüngere Nutzer kehren der Plattform den Rücken. Die Rhetorik von der «globalen Community», die Mark Zuckerberg gern beschwört, klingt für viele wie hohles Pathos. Der Unternehmensgründer will sein soziales Netzwerk neu ausrichten und dabei mehr Wert auf Privatsphäre legen. Im Januar 2018 schrieb Zuckerberg (laut seinem Profil zählt zu seinen Favoriten Platon): «Forschungen zeigen, dass die Stärkung unserer Beziehungen unser Wohlbefinden und Glück steigert.»

Das Silicon Valley ist regelrecht besessen vom Thema Glück. Der Onlinehändler Zappos hat vor ein paar Jahren den Posten des Chief Happiness Officers (CHO) geschaffen, dessen Mission darin besteht, Mitarbeiter glücklich zu machen. Viele Unternehmen folgten dem Beispiel. Der Management-Professor Christian Vögtlin von der Audencia Business School in Nantes sagte vor einigen Monaten in einem Interview mit «Forbes», dass es in einigen Unternehmen mittlerweile faktisch die Position des Chief Philosophy Officers (CPO) gebe, eine Art Chefphilosoph vom Dienst. CPOs beraten den Vorstand in ganz lebensnahen Bereichen, etwa Fragen wie «Was ist gutes Leben?» oder «Wie kann ich ein guter Chef sein?».

Philosophie hat im Silicon Valley eine lange Tradition. 1986 führte die Stanford-Universität den interdisziplinären Studiengang Symbolic Systems Program (SymSys) ein, wo Studenten verpflichtend Kurse in den Fächern Computerwissenschaft, Linguistik, Psychologie und Philosophie belegen müssen. Zu den Absolventen des legendären Studiengangs gehören LinkedIn-Mitgründer Reid Hoffman (Abschlussjahrgang 1989), die ehemalige Yahoo-Chefin Marissa Mayer (Abschlussjahrgang 1997) sowie Instagram-Mitgründer Mike Krieger (Abschlussjahrgang 2009). Philosophieren und Programmieren, das scheint die ideale Fächerkombination für Erfolg in der digitalen Welt zu sein.

Der Leiter des Studiengangs, Professor Todd Davies, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: «Ein Teil der Nachfrage nach philosophisch geschulten Absolventen kommt daher, dass die Studenten sowohl gut beim Durchdenken als auch in der Folgeabschätzung verschiedener Aktionen sind. Philosophie trainiert Studenten, über Möglichkeiten zu reflektieren und zu räsonieren, was nützliche Fertigkeiten für vielerlei Herausforderungen sind.»

Bis heute ist die philosophische Fakultät der Universität Stanford, die aufgrund ihrer Nähe zu den grossen Tech-Konzernen so etwas wie einen natürlichen Talentpool bildet, mit über 20 Professuren sehr gut aufgestellt. Einer der Lehrstuhlinhaber ist Professor John Etchemendy. Auf Anfrage teilt er mit: «Viele unserer Absolventen arbeiten für Tech-Konzerne wie Facebook oder Google.

Immer mehr Unternehmen erkennen den Bedarf an Leuten mit einer breiten Ausbildung in Humanwissenschaften an – nicht nur Philosophie, sondern auch Anthropologie, Geschichte und Literatur.» Den Grund dafür sieht Etchemendy in der Prominenz ethischer und philosophischer Fragen, die von Technologieunternehmen beantwortet werden müssen – speziell im Hinblick auf das Wachstum künstlicher Intelligenz. Kritischer Geist ist gefragt, etwa wenn es darum geht, Maschinen eine Moral «einzuprogrammieren» – KI-Systeme, die Hasskommentare filtern sollen. Oder autonome Fahrzeuge, die mit ethischen Dilemmata konfrontiert sind.

Der ebenfalls an der Stanford University lehrende Literaturwissenschafter Hans Ulrich Gumbrecht schreibt in seinem Buch «Weltgeist im Silicon Valley», dass viele seiner Studenten auf eine Fächerkombination von Computerwissenschaft (meist im Hauptfach) und Philosophie (meist im Nebenfach) setzen.

«Das Philosophieren hat für sie freilich nicht den freizeitartigen Status eines Hobbys oder eines Ausgleichs, sondern scheint wegen jener spezifischen Denkkonfigurationen zwischen scharfer Konzentration und Gelassenheit wichtig, die sie einüben können, indem sie sich der Komplexität philosophischer Texte aussetzen – und dabei auch deren Inhalte auf immer höhere Ebenen von Komplexität treiben.»

Der Denkstil der Softwareingenieure, so Gumbrechts Beobachtungen, erinnere an klassische Darstellungen des geisteswissenschaftlichen Denkens. Sowohl beim Code-Schreiben als auch Philosophieren kommt es auf Logik an. Insofern ergänzen sich die beiden Disziplinen. Das Philosophiestudium ist also keine Sackgasse. Und wer weiss: Vielleicht kommt die nächste bahnbrechende Idee aus dem Elfenbeinturm der Philosophie.