Schockierende Statistik

Guyana ist das Land des Goldes – und der Suizide

Armut und häusliche Gewalt: nur zwei der Probleme im südamerikanischen Guyana.

Armut und häusliche Gewalt: nur zwei der Probleme im südamerikanischen Guyana.

In kaum einem Land bringen sich so viele Menschen um wie in Guyana. Die Statistik schockierte die Nation und rüttelte die Gesellschaft wach.

Nähmaschinen schnurren wie zufriedene Katzen. Bunte Vorhänge filtern die Sonne und malen Regenbogen auf die Fliessen des Sunrise-Center. Zugleich verhindern sie neugierige Blicke von draussen. Es ist ein friedliches, familiäres Ambiente. Rund ein Dutzend Frauen und wenige Männer haben sich eingefunden in dem hellen Haus am Ortseingang von Zorg-En-Vliet, ein winziges Nest an der Nordküste von Guyana. Unter ihnen die 20-jährige Natiefah John mit Brille und adretter Zopffrisur. Während sie sich mit einer Freundin unterhält, schläft ihre drei Monate alte Tochter tief und fest auf ihrem Schoss.

Es hat lange gebraucht, bis sich John so entspannen konnte. Denn hier gelandet ist sie – wie alle im Sunrise-Center – nach einem Suizidversuch. Anfänglich war sie skeptisch. Es war die letzte Chance, die sie ihrem jungen Leben noch geben wollte; ein Leben gezeichnet von Missbrauch und Gewalt.

Guyana hatte 2016 laut der Weltgesundheitsbehörde WHO die höchste Suizidrate der Welt. 30,2 von 100000 Menschen nahmen sich in diesem Jahr im kleinen Land mit seinen 780000 Einwohnern das Leben. In der Schweiz waren es 11,3 pro 100000 Einwohner.

Vergiften und Erhängen rangieren ganz zuvorderst

«Alkohol- und Drogenmissbrauch, häusliche Gewalt, Armut, eine rassisch polarisierte Gesellschaft, kriminalisierte Homosexualität, Stigmatisierung psychisch Kranker und fehlende Behandlungsinfrastruktur»: Das ist die Liste der Gründe, die Caitlin Vieira für die traurige Statistik aufzählt. Vieira ist eine von sieben Psychologinnen und Psychologen im ganzen Land – alle leben in der Hauptstadt Georgetown. Ein Viertel der Bewohner Guyanas, schätzt ihr Kollege Anthony Autar, leidet unter nicht diagnostiziertem posttraumatischem Stress, der zu Gewalttätigkeit und hohen Selbstmordraten führt.

Das Problem werde totgeschwiegen und sei im öffentlichen Bewusstsein gar nicht verankert. Betroffen ist vor allem die von der Landwirtschaft lebende indigene Bevölkerung. Drei von vier Suiziden entfallen auf sie. Konservative Familienwerte, arrangierte Ehen und wenig Privatsphäre tragen laut Vieira das Ihrige dazu bei. Vergiften und Erhängen sind die häufigsten Todesarten.

Erst die jährlichen Suizid-Statistiken der WHO rüttelte das einzige englischsprachige Land Südamerikas wach. Die Presse begann, darüber zu berichten – allerdings hatte das auch Nebeneffekte, wie die Journalistin Reema Natram einräumt.

Auch die Namen der Opfer wurden genannt, was ganze Familien stigmatisierte und weitere Mitglieder in den Tod trieb.

Workshops für sensationsgeile Journalisten

Die Regierung griff ein und organisierte einen Workshop für die Medien. Sie richtete ausserdem die Suizid-Hotline ein, die Vieira koordinierte. Doch schon die Einrichtung von Therapiezentren scheiterte an parteipolitischen Querelen und Haushaltsengpässen. Die von wohlhabenden Exilguyanern gegründete gemeinnützige Guyana Foundation sprang ein und eröffnete im Jahr 2016 das Sunrise-Center, das erste von zwei Therapiezentren für Suizidgefährdete überhaupt im Land.

Natiefah John wollte sich mit 17 das Leben nehmen. Dank der Hilfe des Sunrise-Centers glaubt sie heute an eine Zukunft.

Natiefah John wollte sich mit 17 das Leben nehmen. Dank der Hilfe des Sunrise-Centers glaubt sie heute an eine Zukunft.

Vor drei Jahren stand Natiefah John dort vor der Tür: Mit 13 wurde sie zum ersten Mal sexuell missbraucht. Ihre Mutter war vor dem prügelnden Ehemann geflohen, der grosse Bruder war drogenabhängig, das Geld reichte hinten und vorne nicht. Kurz danach hatte sich die hübsche Afro-Guyanerin die Pulsadern aufgeschnitten, den Versuch aber überlebt. Dann hörte sie im Radio zufälligerweise von der Eröffnung des Sunrise-Centers. «Und da dachte ich, ich sollte dem Leben vielleicht noch einmal eine Chance geben.»

Empfangen wurde sie von Meena, der Direktorin des Zentrums. «Zum ersten Mal konnte ich mit jemand über meine Erfahrungen reden, das war eine unglaubliche Erleichterung», erzählt John.

Corona gefährdet die Fortschritte

Offiziell nahm sie an einem Kosmetikkurs teil. Nach aussen präsentiert sich das Zentrum als Beratungsstelle für Kleinunternehmerinnen. Damit werden die Hürden für Betroffene, Hilfe zu holen, bewusst tief gehalten. Yoga, Näh-, Koch- und Kosmetikkurse stehen auf dem Programm, das sich vor allem an Frauen richtet. Meena sagt:

John ist sehr dankbar dafür. Die frisch verheiratete junge Mutter hat im Sunrise-Center einen Kosmetikkurs absolviert und spart, um zu Hause einen Schönheitssalon einrichten zu können.

Doch der Versuch, der Suizidproblematik in den armen südamerikanischen Land beizukommen, ist durch die Coronapandemie gefährdet. Spenden sind wegen der Wirtschaftskrise rückläufig, das Sunrise-Zentrum produziert Gesichtsmasken, um sich zu finanzieren. Und eine Nachwahlkrise lähmte das Land monatelang; staatliche Gelder für die Suizidprävention wurden zusammengestrichen.

«Gerade jetzt, wo wir alle so unter Stress stehen, wurden mir Aufträge gestrichen und meine Arbeit für nicht systemrelevant befunden», klagt Psychologin Vieira.

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