US-Präsidentschaftswahlen

«Haben Sie die Verfassung überhaupt gelesen?» Wie ein Muslim Donald Trump die Leviten las

«Ich leihe Ihnen gerne meine Kopie»: Demonstrativ hält Khizr Khan die amerikanische Verfassung in die Kamera.Gary Cameron/Reuters

«Ich leihe Ihnen gerne meine Kopie»: Demonstrativ hält Khizr Khan die amerikanische Verfassung in die Kamera.Gary Cameron/Reuters

Ein trauernder Muslim sorgte am letzten Abend des Parteitags der Demokraten für einen Moment, an den sich die Delegierten noch lange erinnern werden.

Die Section 60 des Arlington National Cemetery, vor den Toren der amerikanischen Hauptstadt gelegen, legt Zeugnis über die amerikanische Aussenpolitik der vergangenen 15 Jahre ab.

Hier sind Soldatinnen und Soldaten begraben, die im «Krieg gegen den Terror» starben: Junge Menschen, die nach den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001 auf den Schlachtfeldern von Afghanistan und Irak kämpften.

Auf dem Grabfeld 7986 ruht Humayun Saqib Muazzam Khan, geboren am 9. September 1976 in den Vereinigten Arabischen Emiraten, gestorben am 8. Juni 2004 in einer irakischen Provinzstadt.

Khan war Captain bei der US-Armee und wurde postum mit dem Verdienstorden «Purple Heart» ausgezeichnet. Weil der Militärjurist kurz vor seinem Tod verhindert hatte, dass ein Selbstmordattentäter noch mehr Menschen in den Tod riss.

Der Auftritt des Vaters

Khan war auch ein gläubiger Muslim, wie sein Vater Khizr am letzten Tag des Parteitags der Demokraten in Erinnerung rief.

Khan, ein Anwalt aus Pakistan, trat zusammen mit seiner verschleierten Gattin vor die Tausenden von Delegierten und Schaulustigen, die sich im «Wells Fargo Center» in Philadelphia versammelt hatten, um die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton zu feiern. Khizr Khan allerdings sprach nicht über Clinton, er sprach über ihren republikanischen Kontrahenten.

«Wenn es nach Donald Trump ginge», sagte Khan, dann wäre sein toter Sohn nie in Amerika aufgewachsen, weil Trump einen (temporären) Einreisestopp für ausländische Muslime zu einem Eckpunkt seines Anti-Terror-Programms gemacht hat.

Dann sprach Khizr Khan direkt zu dem Republikaner. «Darf ich Ihnen eine Frage stellen: Haben Sie überhaupt jemals die US-Verfassung gelesen?»

Der Anwalt zog ein Büchlein aus seinem Jackett und streckte es der Kamera entgegen. «Ich leihe Ihnen gerne meine Kopie. Suchen Sie nach den Worten Freiheit und Gleichbehandlung.»

In der Sportarena brach tosender Applaus aus. Khan stellte dem imaginären Trump eine weitere Frage: «Waren Sie schon einmal auf dem Arlington Cemetery? Gehen Sie und suchen Sie nach den Grabfeldern der mutigen Patrioten, die starben, als sie Amerika verteidigten.

Sie werden sämtliche Glaubensrichtung, sämtliche Geschlechter und sämtliche Ethnien vertreten finden.» Hier setzte der Mittsechziger zum finalen rhetorischen Schlag an.

An die Adresse von Trump sagte Khan: «Sie haben sich für niemanden aufgeopfert. Und niemanden verloren, der sich in den Dienst des Landes gestellt hat.» In der Arena klatschten die Delegierten frenetisch und Hunderte hatten Tränen in den Augen.

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